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finden sich bisher unveröffentlichte technikhistorische Beiträge zum Thema historische Dieselmotoren. In der Regel handelt es sich dabei um Artikel, die eine Recherche in alten technischen Archiven oder in Originalunterlagen erforderten.
von Horst Köhler, Friedberg
Im Jahr 1914 hatte das Nürnberger Werk der MAN seinen Großdiesel-Motorenbau aufgegeben und nach Augsburg verlegt. Bis zu diesem Zeitpunkt beschäftigten sich die Nürnberger Motoreningenieure
vorwiegend mit der Entwicklung von Zweitakt-Dieselmotoren unterschiedlicher Bauarten, während im MAN-Werk Augsburg die Priorität mehr auf der Optimierung und Weiterentwicklung von
Viertakt-Dieselmotoren kleinerer und mittlerer Leistung in Richtung höherer Wirkungsgrade und besserer Leistungsgewichte lag.
Geheimvorhaben: doppeltwirkender Zweitakt-Dieselmotor SN 1200/6 mit 12.000 PS Leistung
Allerdings wurde der Motorenbau bei MAN Nürnberg nicht völlig eingestellt, denn ein seit 1910 laufendes geheimes und damit auch heute noch wenig bekanntes - vor allem wenig gewürdigtes - Vorhaben wurde weitergeführt: die Entwicklung und Erprobung eines großen langsamlaufenden, doppeltwirkenden Zweitakt-Dieselmotors, damals auch Großölmaschine genannt, zum Antrieb von Schlachtschiffen. Das Reichsmarineamt in Berlin favorisierte einen doppeltwirkenden Sechszylinder-Zweitaktmotor mit einer (bis dahin unerreichten) Zylinder-Dauerleistung von 2.000 PS bei einer Drehzahl von 135 U/min, also 12.000 PS insgesamt (vermutliche interne Motorbezeichnung SN 1200/6). Das Werk Nürnberg der MAN hatte im Februar 1910 den Auftrag für einen derartigen Motor erhalten, der zunächst als Dreizylinder-Versuchsmotor mit 85 cm Bohrung und 105 cm Hub gebaut und erprobt und danach auf sechs Zylinder erweitert werden sollte. Bild 1 zeigt ein im Jahr 1911 hergestelltes Holzmodell (Maßstab 1:10) des geplanten sechszylindrigen Nürnberger 12.000-PS-Schiffsmotors. So etwa sollte der Sechszylinder-Zweitaktmotor gemäß Stand 1911 einmal aussehen.

Sobald die anspruchsvollen technischen Voraussetzungen erfolgreich nachgewiesen sein würden, war vorgesehen, den riesigen Dieselmotor als Mittelmaschine in das neue, 172 m lange Großlinienschiff (Schlachtschiff) SMS Prinzregent Luitpold der deutschen kaiserlichen Marine einzubauen; das Schiff selbst wurde von der Krupp-Germaniawerft in Kiel gebaut.
Technologisch anspruchsvoll
Wie anspruchsvoll die Aufgabe der Entwicklung des Zweitakt-Großmotors zu diesem frühen Zeitpunkt war, zeigt allein schon der enge Zeitplan, denn die Indienststellung der Prinzregent Luitpold war schon fest für den Sommer 1913 terminiert. Mit Zweitaktmotoren dieser Baugröße, Leistung und den speziellen Konstruktionsmerkmalen (Kreuzkopf, doppeltwirkend, Leistungsgewicht nur etwa 15 kg/PS) existierten zum Zeitpunkt der Auftragserteilung weder in Augsburg noch in Nürnberg noch bei anderen Motorenherstellern entsprechende Erfahrungen.
Doppeltwirkende Zweitakt-Dieselmotoren auf Schiffen gab es erst ab 1914 mit dem Stapellauf bzw. der Fertigstellung des deutschen Versuchs-Frachtschiffes MS Fritz, das von zwei doppeltwirkenden Dreizylinder-Dieselmotoren angetrieben wurde, die allerdings nur je 850 PS Leistung erzeugten. Dieses 3.080-BRT-Schiff wurde von Blohm & Voss gebaut, ebenso die beiden Antriebsmotoren – in Lizenz der MAN Nürnberg. Aufgrund der Erfahrungen mit den Antriebsmotoren auf der MS Fritz erhielt das zweite Schiff, für das zunächst doppeltwirkende Zweitakt-Antriebsmotoren vorgesehen war, die 1914 gebaute MS Secundus, zwei einfachwirkende Zweitaktmotoren vom Typ 4KS 92 mit einer Leistung von je 1.350 PS, ebenfalls von Blohm & Voss unter Lizenz von MAN Nürnberg gebaut.
Erwähnenswert ist das im Vergleich zum oben genannten Zielwert des Motors SN 12000/6 noch sehr hohe (und damit schlechte) Leistungsgewicht des Motors 4KS 92 von etwa 160 kg/PS.

Mit den Arbeiten am Dreizylinder-Versuchsmotor mit 6.000 PS Sollleistung begann man bei MAN in Nürnberg sofort nach der Auftragserteilung. Der Motor war im Aufbau äußerst kompliziert (Bild 2). So hatte jeder der oberen und unteren Zylinderdeckel vier Brennstoff- und vier Spülventile; sie wurden durch vier Steuerwellen mechanisch betätigt. Der Kraftstoff wurde in damals üblicher Weise durch Druckluft eingeblasen. Fünf große Luftkompressoren, von denen vier elektrisch und einer durch einen eigenen Dieselmotor angetrieben wurden, waren notwendig, um dem Motor die hohen benötigten Mengen an Einblase- und Anlassluft zuzuführen.
Ende März 1911 wurde der Dreizylindermotor erstmals bei geringer Last in Betrieb gesetzt. Doch von Anfang an führte die hohe thermische Belastung schon bei 50 % Last zu Wärmerissen und Brüchen der Stege zwischen den Auspuffschlitzen und in den Zylinderdeckeln und Kolben (ebenso in den Kolben der Spülluftpumpen), sodass die Zylinder wiederholt ausgetauscht und der Dreizylindermotor mehrfach umkonstruiert werden musste.
Folgenschweres Unglück mit Toten und vielen Verletzten
Am 30. Januar 1912, nur rund 14 Tage vor dem Stapellauf der SMS Prinzregent Luitpold, kam es am Nürnberger Probestand um 17.45 Uhr durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einer folgenschweren Explosion. Die Ursache: am Dreizylinder-Zweitakt-Dieselmotor brach ein Ventilhebel eines Spülluftventils. Der Stumpf dieses Hebels schlug auf den Nocken der Steuerwelle und öffnete das Spülventil zu einem Zeitpunkt, zu dem die Verbrennung im Zylinder noch nicht beendet war. Die entstandene Flamme schlug in die Spülluftleitung und entzündete das dort niedergeschlagene Schmieröl. Es kam zu einer Explosion, durch die der Deckel am Ende der Luftleitung abgesprengt wurde. So gelangte das Feuer nach außen, wo es einen neben dem Motor stehenden Ölbehälter, der offensichtlich leicht leckte und ein großes Holzgerüst in Brand setzte. Die sich dort aufhaltenden Prüfstands-Mitarbeiter in ihren ölgetränkten Arbeitsanzügen fingen sofort Feuer. Die Versuchsmaschine und der Prüfstand wurden weitgehend zerstört.
Als die MAN-Werksfeuerwehr vor Ort eintraf und mit vier Schlauchleitungen zu löschen begann, stand bereits ein großer Teil der Prüfstandshalle in Flammen. Wenig später traf auch die Nürnberger Berufsfeuerwehr mit acht weiteren Leitungen zur Unterstützung ein. Nach einem Bericht der Feuerwehr bestand die große Gefahr, dass das Feuer auf einen nahe am Versuchsmotor stehenden 80-bar-Druckluftbehälter und auf weitere Maschinenstände übergreifen würde. Doch dies konnte zum Glück durch die Löscharbeiten verhindert werden.
Bei den anschließenden Aufräumarbeiten wurden drei zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen gefunden. Von zwölf weiteren Personen mit teilweise sehr schweren Brandverletzungen, die sich noch lebend aus dem Feuer retten konnten, starben sieben Männer. Insgesamt waren somit zehn Todesfälle und mehrere Verletzte zu beklagen. Es dürfte sich um das folgenschwerste Unglück im Zusammenhang mit der Erprobung von Dieselmotoren gehandelt haben.
Doch MAN Nürnberg gab unter der Leitung ihres engagierten Direktors Anton von Rieppel (1906 in Anerkennung seiner Verdienste mit dem persönlichen Adel geehrt; von 1913 bis 1920 leitete er den gesamten MAN-Konzern) das anspruchsvolle Vorhaben trotz des gewaltigen technischen Rückschlags und der sehr hohen Mehrkosten nicht auf. Die Versuche wurden zunächst mit einem Einzylinder-Testmotor neu aufgenommen und danach mit einem neu gebauten Dreizylindermotor fortgeführt.
Im Februar 1914 konnte dann endlich die Erprobung des neuen Sechszylinder-Vollmotors SN 1200/6 mit seinen für die damalige Zeit gigantischen Abmessungen beginnen (Bild 3). Der Motor war so groß, dass auf dem Schlachtschiff SMS Prinzregent Luitpold bei seinem Einbau ungünstige Durchbrüche durch die gepanzerten Decks erforderlich gewesen wären. Doch auch jetzt gab es immer wieder Wärmerisse und andere Probleme, teilweise auch deswegen, weil die Infrastruktur des Prüfstandes ndicht für diesen Großmotor angepasst war: z.B. war während des Motorbetriebs nur dann ausreichend Motor-Kühlwasser vorhanden, wenn das gesamte Wasser für alle anderen Werkstätten der MAN Nürnberg abgestellt wurde. Eine weitere Erschwernis trat auf, als in den Kriegsjahren der Kraftstoff knapp wurde und der Motor auf Betrieb mit Steinkohleteeröl in Kombination mit Zündöl umgestellt werden musste.

Die Verzögerungen führten verständlicherweise auch zu einem stark verspäteten Abschluss der Erprobungsarbeiten. Gleichzeitig war absehbar, dass der Weltkrieg nicht mehr zu gewinnen ist. Außerdem entschied sich die Reichsmarine dagegen, das Schiff SMS Prinzregent Luitpold für den Motoreinbau mehrere Monate lang vom Kriegseinsatz abzuziehen. Mit dem Ende des ersten Weltkriegs wurde das anspruchsvolle Nürnberger Projekt eingestellt und der Motor verschrottet.
(Das Reichsmarineamt hatte fast gleichzeitig mit dem Auftrag an MAN Nürnberg auch der Krupp-Germaniawerft einen Auftrag über die Herstellung und Lieferung eines doppeltwirkenden 12.000-PS-Zweitakt-Großmotors für die Mittelwelle des Linienschiffes Kronprinz, später für die der SMS Sachsen, erteilt (Möller/Brack, 1998). Bohrung/Hub = 87,5/105 cm. Auch bei diesem Motor kam es zu Wärmerissen und zu einer unvorhergesehen langen Entwicklungs- und Erprobungszeit. Wie der Nürnberger Motor wurde auch er bei Kriegsende verschrottet.)

von Horst Köhler, Friedberg
Drei unterschiedliche Versuchsmotorentypen, vier Motoren
Da man von einem neuen Motor dann spricht, wenn sich Hub oder Bohrung oder beides gegenüber einem Vorgängermotor geändert haben, entstanden in den Jahren 1893 bis 1897 in Augsburg während der Entwicklungszeit des Dieselmotors durch Rudolf Diesel und der Maschinenfabrik Augsburg (ab Dezember 1898 durch die Fusion mit der Maschinenbau-Actien-Gesellschaft in Nürnberg zur MAN geworden) in Kooperation mit dem Essener Unternehmen Fried. Krupp drei konstruktiv völlig unterschiedliche Einzylinder-Versuchsmotoren:
- der mehrfach grundlegend umgebaute erste Versuchsmotor 15/40 mit 15 cm Bohrung und 40 cm Hub, betrieben von Juli 1893 bis Januar 1895,
- der zweite Versuchsmotor 22/40 mit 22 cm Bohrung und 40 cm Hub (März 1895 bis August 1896) und
- der dritte Versuchsmotor 25/40 mit 25 cm Bohrung und 40 cm Hub (Oktober 1896 bis Dezember 1899), von dem zeitlich versetzt zwei (nicht ganz identische) Exemplare (25/40-A und 25/40-B) hergestellt wurden.

Der erste Versuchsmotor 15/40 (Bild 1) wurde bis auf das für seinen Nachfolger 22/40 verwendete sog. A-Grundgestell und das Gestänge verschrottet.
Von den beiden 25/40-Motoren ist heute nur der etwas später hergestellte 25/40-B erhalten. Seit dem 16. August 1905 befindet
sich dieser im Besitz des Deutschen Museums - und nicht etwa der historisch bedeutendere 25/40-A (Köhler 2004). Der Motor 25/40-A, an dem am 17.
Februar 1897 Prof. Moritz Schröter von der damaligen Technischen Hochschule München bei der Maschinenfabrik Augsburg seine historisch wichtige Abnahme vornahm, sollte eigentlich auf Wunsch des
Museumsgründers Oskar von Miller und seinem Freund Rudolf Diesel dem Deutschen Museum in München als Geschenk übergeben werden. Es bleibt - vorerst - ungeklärt, ob der „berühmtere“ 25/40-A im
Sommer 1905 schon nicht mehr existierte, weil er in Verkennung seines späteren Wertes verschrottet wurde, oder ob die MAN deshalb den 25/40-B nach München lieferte, weil sein Zustand noch besser
als der des Motors 25/40-A war.
So existiert heute von den insgesamt vier Augsburger Versuchs-Dieselmotoren außer dem erwähnten 25/40-B nur noch der im
MAN-Museum Augsburg stehende 22/40 (Bild 2), der den Museumsbesuchern mit Hilfe eines kleinen Elektromotors vorgeführt werden kann. Es handelt sich bei ihm um den weltweit ältesten noch
erhaltenen Dieselmotor. Er ist mittlerweile 122 Jahre alt.

Die eigentlichen Versuche mit ihm begannen am 29. April 1895, bei denen sofort eine effektive Leistung nachgewiesen werden konnte. Der erste offizielle Bremsversuch datiert vom 26. Juni im gleichen Jahr. Dabei wurde eine Leistung von etwa 8 bis 10 PS erreicht – ein genauer Wert ist nicht bekannt. Der gemessene mechanische Wirkungsgrad war mit etwa 54 % für alle Beteiligten von der Maschinenfabrik Augsburg, insbesondere für deren Generaldirektor Heinrich Buz, und natürlich auch für den Erfinder Rudolf Diesel selbst alles andere als zufriedenstellend. Der Gesamtwirkungsgrad (früher: wirtschaftlicher Wirkungsgrad) betrug 16,6 %. Dabei ist zu beachten, dass der Einzylindermotor damals noch mit einem getrennt aufgestellten, also abgesetzten Linde-Luftkompressor zum Einblasen des Kraftstoffes betrieben wurde. Dessen Verluste wurden nicht dem Motorwirkungsgrad zugerechnet. Der gemessene Petroleumverbrauch war 382 g/PSh.
Erst ab Oktober 1895 lief der Versuchs-Dieselmotor mit seiner eigenen, seitlich angebauten einstufigen Luftpumpe, so wie er
noch heute im MAN-Museum zu sehen ist (Bild 3). Dass trotzdem bei dem Bremsversuch am 11. Oktober 1895 der Gesamtwirkungsgrad mit 16,5 % praktisch nicht schlechter war, ist hauptsächlich einem
deutlich verbesserten mechanischen Wirkungsgrad von 67 % zuzuschreiben. Der wiederum konnte durch besser abdichtende Kolbenringe erhöht werden. Außerdem waren anfangs sowohl der Kolben als auch
der Zylinder unrund. Der verwendete Kolben zentrierte schlecht, was ein seitliches Drücken und Klemmen zur Folge hatte. Die Ursache lag teilweise auch an einer nicht ausreichenden
Fertigungsgenauigkeit der Bearbeitungsmaschinen der Fabrik. So schreibt der Erfinder in seinem kurz vor seinem Tod erschienenen Buch zur Situation im Sommer 1895: "Zum ersten Male wird jetzt
die Aufmerksamkeit auf die Werkzeugmaschinen gelenkt und entdeckt, daß beispielsweise gewisse Zylinderbohrmaschinen infolge von Vibrationen und Verbiegungen der Bohrspindel nicht so rund drehen,
wie für unsere Zwecke erforderlich".

Leistung höher als bisher bekannt
Die am 26. Juni 1895 erreichte Motorleistung von „etwas weniger als 10 PS“ ist es, die im MAN-Museum auf der neben dem Motor stehenden Informationstafel und auch in der Museumsbroschüre genannt ist, zusammen mit einer Drehzahl von 88 U/min, und dem im voranstehenden Absatz erwähnten Petroleumverbrauch und Gesamtwirkungsgrad.
Die angeführte Motordrehzahl des 22/40 von 88 U/min ist freilich nicht realistisch, denn dieser Wert entspricht einer mittleren
Kolbengeschwindigkeit von lediglich 1,17 m/sec. Diesel (1913) selbst berichtet in seinem Buch von Drehzahlen des Versuchsmotors 22/40 immer über 140
U/min, sogar bis zu 300 U/min. Schon der erste Dieselmotor 15/40 war während der Versuche in Augsburg mit 150 U/min gelaufen. Auch die beiden späteren beiden hubgleichen Versuchsmotoren 25/40-A
und 25/40-B hatten bei voller Leistung (17,8 PS) eine Drehzahl von immerhin 154 U/min - entsprechend einer mittleren Kolbengeschwindigkeit von 2,05 m/sec.
Bei einem weiteren Bremsversuch am 20. November 1895 mit Petroleum als Kraftstoff in Anwesenheit von Rudolf Diesel, seinem Freund und frühen Lizenznehmer Frédéric Dyckhoff aus Bar-le-Duc in Frankreich sowie Fritz Reichenbach und Lucian Vogel von der Maschinenfabrik Augsburg wurde mit der eigenen Luftpumpe 11,89 PS bei einer Drehzahl von 167,7 U/min abgegeben sowie ein spezifischer Kraftstoffverbrauch von 350 g/PSh gemessen (Breveté 1895), Bild 4. Daraus errechnet sich ein Gesamtwirkungsgrad von 16,85 %, und zwar incl. der Verluste der mittlerweile fest angebauten und vom Motor angetriebenen Luftpumpe. Dies ist durchaus eine nennenswerte Verbesserung gegenüber dem bisher publizierten Wirkungsgrad von 16,6 % ohne Berücksichtigung der Verluste des damals noch abgesetzten externen Luftkompressors.

Auch der 22/40 besaß eine Zündkerze
Der Motor 22/40 unterschied sich konstruktiv grundsätzlich von seinem kleineren Vorgänger 15/40. Neben dem größeren
Kolbendurchmesser von 22 cm statt 15 cm erhielt er unter anderem einen angegossenen Zylindermantel für die Wasserkühlung, einen in den Deckel verlegten Kompressionsraum und eine oben am Zylinder
angebrachte Steuerwelle. „Vorsichtshalber und zu Versuchszwecken“, wie der Erfinder in seinem Buch selbst berichtet (R. Diesel 1913), besaß
der 22/40 seitlich am Brennraum eine Zündkerze. Dies stützt die mehrfach geäußerte Aussage von R. Diesel, dass er - und zwar bis zum Ende seines Lebens - die Selbstzündung seines Motors nie für
das entscheidende Erfindungsmerkmal sah (R. Diesel 1913). Auch der erste Versuchsmotor 15/40 erhielt 1894 einen elektrischen Zündapparat, was aber
letztlich die Dieselmotor-Entwicklung nicht vorangebracht und nur verzögert hatte; zum Einbau des Zündsystems mussten die Versuche im Sommer 1894 zweieinhalb Monate lang unterbrochen werden. Erst
Anfang Juli 1895 war es dann so weit, dass auf eine Fremdzündung endgültig verzichtet werden konnte (R. Diesel 1913).
Dauerlauf zum Abschluss des offiziellen Testprogrammes
Ab 11. November 1895 wurde der 22/40 einem 111-Stunden-Dauerlauf mit Aufsicht durch den Augsburger Monteur Franz Schmucker
unterzogen, und zwar auf die Transmission der Maschinenfabrik Augsburg. Man wollte realistische Erfahrungen mit einem fabriknahen Motorbetrieb sammeln. Abgestellt wurde der Versuchsmotor am
Feierabend, außerdem immer dann, wenn Gästen der Start, das Hochfahren und das Abstellen vorgeführt werden sollte. Dieser Versuchslauf zog sich über 16 Werktage hin.
Jahrzehntelang in München eingelagert
Noch ein Detail im Zusammenhang mit der Geschichte des Versuchsmotors 22/40 dürfte der interessierten Öffentlichkeit unbekannt sein. Wie aus kürzlich eingesehenen Unterlagen im Archiv des Deutschen Museums hervorgeht (Deutsches Museum 2017), wurde der Versuchs-Dieselmotor 22/40 im März 1904 dem Deutschen Museum als Geschenk übergeben. Dies geschah also noch über ein Jahr vor der Überlassung des Motors 25/40-B durch die MAN. Dem Museumspublikum gezeigt wurde der 22/40 aber nur anlässlich der am 25. Oktober 1947 eröffneten Sonderschau „50 Jahre Dieselmotor“. Zuvor und danach stand der Versuchsmotor lange Zeit im Depot des Deutschen Museums. Etwas „irritiert“ bat die MAN-Geschäftsleitung das Museum deshalb, den Versuchsmotor 22/40 nach fast 50 Jahren Abwesenheit aus Augsburg wieder in den Besitz der MAN zurückzugeben.
Seitdem ist der Motor das Schmuckstück des im Jahr 1953 neu eröffneten MAN-Museums an der Augsburger Heinrich-von-Buz-Straße, unweit des Firmengeländes der heutigen MAN Diesel & Turbo SE.
Literatur:
Breveté S.G.D.G. (1895): Notice Sur L’essai Au Frein Fait à Augsbourg, le 20 Novembre 1895 Sur Un Moteur Diesel 220/400. Historisches MAN-Archiv, Versuchsbericht Dezember 1895
Deutsches Museum: Archivalie Best.-Nr. VA 160/1, am 1.2.2017 vom Autor eingesehen
Diesel R. (1913): Die Entstehung des Dieselmotors. Erster unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1913. Steiger Verlag Moers 1984, ISBN 3-921564-70-0
Köhler H. (2004): MAN-Prototypmoren: Das Geheimnis der Zwillingsmotoren. Magazin „Kultur & Technik“ des Deutschen Museums, Ausgabe 04
Köhler H. (2015): Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit: Versuchs- und Serienmotoren in chronologischer Reihenfolge. Eigenverlag des Autors (siehe Rubrik "Literatur")
Dieser Beitrag wurde am 3. April 2017 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg

Die Situation von Rudolf Diesel nach der Jahrhundertwende
In den Jahren nach 1900 sah sich Rudolf Diesel in eine für ihn zunehmend unangenehmer und belastender werdende Situation versetzt. Seine 1901 bezogene herrschaftliche, viel zu große Villa im vornehmen Wohnviertel München-Bogenhausen in der Maria-Theresia-Str. 32 (Bild 1) kostete ihm mit Architektenhonorar, Grundstück, Bau, Gartenanlage und Einrichtung nicht nur etwa 1 Million Mark, sondern nach dem Einzug der Familie unerwartet hohe laufende Unterhaltskosten für Personal, Handwerker und Heizung.
Das von ihm 1903 mit viel Erwartung in einer Auflage von 10.000 Exemplaren gedruckte Buch „Solidarismus“ bedeutete für ihn drei Jahre Arbeit und viel Geld, doch Rudolf Diesel konnte nur 300 Exemplare verkaufen bzw. verschenken und kaum jemand für seine Ideen begeistern. Seine als Kapitalanlage gekauften Ölquellen in der heutigen Ukraine bei Lemberg erwiesen sich als Verlustgeschäft, ebenso die meisten seiner Grundstücksgeschäfte in und um München. Die vielen erworbenen Aktien der im Jahr 1898 gegründeten „Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren AG“, auf deren starken Wertzuwachs nicht nur er setzte, sanken stark im Kurs und warfen keine Dividende ab. Die von Rudolf Diesel und einigen Augsburger Bankern im gleichen Jahr gegründete und vom Erfinder mitfinanzierte Firma „Diesel Motoren-Fabrik (Akt.-Ges.)“ in Augsburg (R. Diesel war Aufsichtsratsmitglied), die in Konkurrenz zur Maschinenfabrik Augsburg bzw. zur MAN Dieselmotoren bauen wollte, musste schon nach ganz kurzer Zeit Insolvenz anmelden, weil sich fast alle ausgelieferten Motoren nicht bewährten und zurückgenommen werden mussten. Dies war letztlich für Rudolf Diesel ein Totalverlust. Mehrere Prozesse, von denen er einige wichtige verlor, kosteten ihm viel Geld – und zermürbten ihn nachhaltig (Köhler 2015a).
Sein großes Problem: er konnte seine eigenen wertvollen Erfindungen und Rechte nicht mehr geschäftlich ausnützen, weil er seine
Motorpatente der „Allgemeinen“ zur Nutzung überlassen hatte und für neue Aktivitäten auf dem Gebiet des Dieselmotorenbaues erst deren Ablauf in den Jahren 1907 und 1908 abwarten musste. So lange
war er quasi zur Untätigkeit verdammt. Gleichzeitig musste er aber mit ansehen, wie sich der Dieselmotor ohne sein weiteres aktives Zutun immer mehr durchsetzte, leistungsstärker und
betriebssicherer wurde und die Dieselmotoren-Hersteller gute Umsätze und Gewinne machten. Ein großer Nachteil für Rudolf Diesel in dieser Zeit war schließlich, dass er seit seinem Rückzug von der
MAN in Augsburg weder Möglichkeiten zur Erprobung, noch zur Herstellung von Dieselmotoren hatte. Er musste deshalb (teure) Vereinbarungen mit fremden Maschinenfabriken treffen. Einen mächtigen
und einflussreichen industriellen Gönner wie Heinrich Buz von der Maschinenfabrik Augsburg bzw. (ab Ende 1898) MAN hatte er nie mehr wieder.
Doch der ehrgeizige Rudolf Diesel gab trotz aller Rückschläge nicht auf, wollte nicht kapitulieren und bäumte sich gegen den Verlust seines nur wenige Jahre zuvor noch so großen Vermögens auf. Dabei überschätzte er seine Fähigkeiten, wie später sein Sohn Eugen Diesel (1949) feststellte. Er stürzte sich in zu viele, ganz unterschiedliche Projekte und Vorhaben, konnte sich aber bei seiner angegriffenen Gesundheit keinem mit der richtigen Aufmerksamkeit und Konsequenz widmen.
Im Jahr 1906 kam es zwischen dem schweizerischen Unternehmen Gebrüder Sulzer, dem Eisenbahn-Experten Adolph Klose und Rudolf Diesel zu einer Vertragsvereinbarung über die Konstruktion und die Entwicklung einer Thermolokomotive, deren Triebräder direkt, also ohne zwischengeschaltetes Getriebe, durch einen doppeltwirkenden Sulzer-Zweitakt-Dieselmotor mit 1.200 PS Leistung angetrieben werden sollten. Ein zum damaligen Zeitpunkt äußerst kühnes Vorhaben, dem zu Lebzeiten des Erfinders kein Erfolg beschieden war. Zwar wurde eine erste Diesel-Lokomotive getestet, aber ihr hafteten zahlreiche Kinderkrankheiten an. Es sollte dann noch bis zum Frühjahr 1913 dauern, bevor weitere Probefahrten einigermaßen erfolgreich verliefen.
Die erste „richtige“ Kleindiesel-Lok kam erst 1925 (entwickelt von Deutz).

Schon vor Ablauf seiner beiden Hauptpatente hatte sich Rudolf Diesel mit ersten Konstruktionsskizzen zu Klein-Dieselmotoren für Fahrzeuge befasst. Seit 1905 besaß die Familie ihr erstes Automobil, einen siebensitzigen roten Wagen der AEG-Tochter NAG mit einer Leistung von 20 bis 24 PS (Bild 2). Dieses Fahrzeug nahm er als „Arbeitsmodell“ für die spätere Entwicklung eines Fahrzeug-Dieselmotors und studierte damit die Anforderungen an einen künftigen Fahrzeugdiesel im täglichen Straßenverkehr. Ihm war sehr wohl bewusst, dass die Kraftstoffeinblasung durch Druckluft zwar für die größeren ortsfesten Dieselmotoren akzeptierbar war, aber für einen kleinen Automobil-Dieselmotor technisch nachteilig und vor allem stark kostenerhöhend sein würde. Nicht umsonst hatte er Mitte Januar 1905 die Patentschrift „Verfahren zum direkten Einspritzen flüssiger Brennstoffe in Verbrennungsmotoren“ einreichen lassen, und zwar unter dem Pseudonym Oscar Lintz, Berlin (Köhler 2015a). Doch mit einer einzigen Ausnahme waren die Hersteller damals an dem Verfahren (noch) nicht interessiert.
Sofort nach Ablauf seiner Hauptpatente stellte Rudolf Diesel für sein Münchner Büro auf eigene Rechnung einen ersten
Motorenkonstrukteur zu seiner Unterstützung ein. Es wurden bald immer mehr Mitarbeiter, bis schließlich der gesamte zweite Stock der Diesel-Villa mit Zeichnungsräumen belegt war. Um die künftig
zu produzierenden neuen Kleinmotoren vertreiben zu können, gründete Diesel nunmehr eine eigene Firma, die Diesel & Co. München. Es sollte seine letzte Firmengründung sein. Unklar ist heute,
wie lange diese Firma existierte und wer noch außer Rudolf Diesel in ihrem Leitungsgremium saß.
Klein-Dieselmotor in der Schweiz konstruiert und gebaut
Einer von Diesels Mitarbeitern, der erfahrene Automobil-Ingenieur Heinrich Dechamps, begann mit den Konstruktionsarbeiten für den neuen kleinen Versuchs-Dieselmotor, der eine Leistung von 5 PS haben sollte. Rudolf Diesel hatte bereits 1897 die Idee für einen „Ölmotor für Automobile“ und plante schon damals, für dieses Vorhaben in München ein eigenes Studienbüro mit von ihm ausgebildeten Personal einzurichten. Um die gleiche Zeit war er außerdem bei der Konstruktion eines ersten schnelllaufenden Fahrzeug-Dieselmotors mit 5 bis 6 PS Leistung bei 800 U/min tätig. Denn ein Doppelkolben-Versuchsmotor, „Kutschenmotor“ genannt, wurde bei der Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg unter Leitung von Lucian Vogel gebaut und dort im Dezember 1898 auf dem Prüfstand in Betrieb genommen. Die Betriebserfahrungen waren jedoch so schlecht, dass das Vorhaben eingestellt wurde, zumal L. Vogel das Nürnberger Werk mit der Vereinigung mit der Maschinenfabrik Augsburg zur (späteren) MAN verlassen hatte (Köhler 2015b).
Es sollte also ein Jahrzehnt vergehen, bevor sich Rudolf Diesel mit diesem Vorhaben erneut befassen konnte.
Doch es ging nicht gut los: Rudolf Diesel hatte zwar gute Beziehungen zu seinem Lizenznehmer Gebr. Sulzer in der Schweiz, doch Sulzer hatte kein Interesse am Bau und Vertrieb von derart kleinen Dieselmotoren. Deshalb vergab Sulzer eine entsprechende Lizenz an den erst im Jahr 1906 gegründeten Automobilhersteller SAFIR (Schweizerische Automobil-Fabrik Rheineck), der wiederum von der Firma Adolph Saurer im schweizerischen Arbon die Baurechte für Nutzfahrzeuge und Personenwagen erworben hatte. Heinrich Dechamps wurde nach Rheineck entsandt und konstruierte dort zusammen mit seinem Schweizer Kollegen, Gustav Segin, den 5-PS-Kleindiesel durch. SAFIR wurde allerdings schon Mitte 1908, also nur zwei Jahre nach der Gründung, insolvent und verkaufte seinen gesamten Automobilbereich an die Maschinenfabrik Aktiengesellschaft St. Georgen in Zürich. Dort entstanden nun die von Diesel und seinem Team konzipierten Kleindieselmotoren. Doch Ende 1910 oder Anfang 1911 musste auch dieses Unternehmen seinen Betrieb liquidieren; der mit der Aktiengesellschaft St. Georgen abgeschlossene Vertrag trat (am 2. Juni 1911) außer Kraft.
Rudolf Diesel reiste übrigens zwischen 1907 und 1910/11 oft in die Schweiz, um die Fortschritte vor Ort zu verfolgen und bei
den Motorentests anwesend zu sein.
Kurzbeschreibung des PKW-Einzylinder-Prototyps
Der kleine im schweizerischen St. Georgen gebaute Einzylinder-Automobil-Dieselmotor besaß einen Kolbendurchmesser von 11,6 cm und einen Hub von 15 cm (Bild 3). Die Nenndrehzahl betrug 600 U/min, was einer mittleren Kolbengeschwindigkeit von 3 m/sec entsprach. Diesel und Dechamps waren gezwungen, den Kraftstoff auch weiterhin durch Druckluft-Einblasung in den Brennraum einzuführen. Verständlicherweise war es nicht einfach, die winzigen in den Verbrennungsraum gelangenden Kraftstoffmengen zu beherrschen, von den dabei auftretenden beträchtlichen Verlusten ganz abgesehen. Dazu trug auch die komplizierte zweistufige, von der Kurbelwelle angetriebene wassergekühlte Luftpumpe bei; sie war an den Arbeitszylinder angegossen und das Gussstück von einem gemeinsamen Wassermantel umgeben. Neu war auch die Ausführung des Kurbelwellenlagers und der Steuerwellenlagerung, denn dafür wurden trotz der relativ hohen Belastung selbstschmierende Kugellager verwendet, wohl auch, um die mechanischen Verluste zu reduzieren. Weiterer Vorteil: eine aufwendige Druckölschmierung erübrigte sich. Bei der Ausführung von Kolben, Kolbenzapfen und Treibstange orientierte sich man an die im damaligen Automobil-Motorenbau üblichen Lösungen. Der Motor besaß keine Zylinderbuchse. Das Kurbelgetriebe und die meisten beweglichen Teile waren staubsicher eingekapselt. Großes Gewicht wurde auf eine gute Zugänglichkeit und Übersichtlichkeit der Anordnung aller Ventile und Armaturen gelegt.
Der Zylinderdeckel, der die Ventile enthielt, konnte durch das Lösen nur weniger Schrauben ohne eine Demontage von Wasser- und Auspuffleitungen und auch ohne Abnahme nur eines einzigen Steuerungsteils entfernt werden. Der Antrieb erfolgte durch ein einziges Schraubenräderpaar, weil die Steuerwelle senkrecht gekreuzt zur Kurbelwelle angeordnet war. Der Nachteil dieser Lösung war allerdings, dass sich die Konstruktion nur für Einzylinder-Ausführungen verwenden ließ; bei Mehrzylinder-Maschinen wären Modelländerungen erforderlich gewesen, auch für das Gehäuse (Pöhlmann 1912).
Diesel und Dechamps wollten einen völlig wartungsfreien Motor schaffen; er sollte schließlich auch von Laien bedient werden können (Anonym 1910).

Ende Juni 1910 wurde ein als Dieseldynamo gebauter 5-PS-Testmotor durch Prof. F. Romberg von der TH Berlin einem gründlichen Versuchslauf unterworfen. Dabei absolvierte der Kleinmotor einen achtstündigen Dauerbetrieb und lief auch bei 120 % Last (Pöhlmann 1912). Die erzielten Betriebswerte sollen zufriedenstellend gewesen sein (z.B. mechanischer Wirkungsgrad = 65 %), auch wenn sich die angestrebte Leistung von 5 PS letztlich als zu optimistisch herausstellte. Doch die Tatsache, dass der Motor im Fahrbetrieb nicht richtig geregelt werden konnte, erwies sich als großer Nachteil – neben dem Zwang, mangels einer besseren technischen Lösung auch für diese Anwendung einen Luftkompressor verwenden zu müssen.
So war das baldige Ende des Einzylinder-Kleinmotors voraussehbar, zumal wie oben erwähnt innerhalb kurzer Zeit nach SAFIR auch
die Motorenfabrik in St. Georgen als Hersteller ausfiel. Rudolf Diesel besaß nie eine eigene Fabrik und verfügte zum damaligen Zeitpunkt auch nicht mehr über das Kapital, um eine
Weiterentwicklung oder gar einen Serienbau finanzieren zu können.
Öffentlich gezeigt wurde der 5-PS-Fahrzeug-Dieselmotor unter anderem auf der Berliner Internationalen Motorboot- und Motoren-Ausstellung im Jahr 1910 sowie auf der Weltausstellung in Brüssel, die vom 23. April bis zum 1. November 1910 mit 29.000 Ausstellern aus 26 Ländern stattfand und von nahezu 13 Millionen Menschen besucht wurde. In Brüssel wurde der Einzylinder-Motor sogar mit einem „Grand Prix“ ausgezeichnet. Diese Auszeichnung stellte Rudolf Diesel allerdings nur kurzzeitig zufrieden, denn schon wenig später verschwand der Motor von der Bildfläche.
Je einen PKW-Dieselmotor erhielten zwei technische Museen in London und in Paris. Eugen Diesel, Rudolf Diesels jüngerer Sohn, soll nach dem Tod seines Vaters einen Motor um 70 britische Pfund an das Londoner Science Museum verkauft haben (Cummins 1993).
Die Firma Diesel & Co. plante anfangs auch mehrzylindrische Motoren bis zu sechs Zylinder mit Soll-Leistungen bis zu 30 PS
(Anonym 1910). Eine Reihe von Motoren mit unbekannter Zylinderzahl auf der Basis des Einzylinder-Versuchsmotors wurden nach 1910 in französischen
und in belgischen Fabriken hergestellt und an Kunden verkauft, die meisten nach Russland. In Deutschland bestand wegen der technisch komplizierten Kraftstoff-Einblasung des Kraftstoffes nur wenig
Interesse, denn damals erhältliche Benzinmotoren waren in den Anschaffungskosten deutlich günstiger.
Auch Vierzylinder-LKW-Versuchsdieselmotor 11/15,1 landet im Museum
Ähnlich wenig erfolgreich war auch der ebenfalls in der Schweiz entstandene vierzylindrige, wassergekühlte LKW-Versuchsmotor mit 11 cm Kolbendurchmesser, 15,1 cm Kolbenhub und einer Drehzahl von 800 U/min (Leistung 30 PS), der zwischen 1909 und 1910 von Rudolf Diesel und Heinrich Dechamps auf der Basis eines umgebauten 5,7-l-LKW-Ottomotors der Firma Saurer mit 42 PS Leistung konstruiert und in der Aktiengesellschaft St. Georgen entwickelt wurde (MAN 1991), siehe Bild 4. Wichtige Bauteile wurden weitgehend unverändert von dem Saurer-Benzinmotor übernommen. Der Motor war durch Längsverschieben der Steuerwelle sogar umsteuerbar, was heute die Vermutung zulässt, dass er eventuell auch für den Antrieb von kleinen Schiffen und Booten eingesetzt werden sollte. Jeweils zwei Zylinder waren zu einem Block mit gemeinsamem Wassermantel gegossen. Die Absicht, eine neue Pumpe zu konstruieren, die die sehr geringen Brennstoffmengen bei den hohen Motordrehzahlen gleichmäßig und verlässlich auf alle vier Zylinder aufteilen konnte, musste aufgegeben werden.

Während der ohnehin sehr kurzen Testphase wurde die geplante Leistung von 30 PS offensichtlich nie erreicht, da der Motor bei höheren Drehzahlen und Lasten stark rußte; ein einigermaßen akzeptabler Motorbetrieb war allenfalls nur bis etwa 25 PS bei 700 U/min möglich. Dem Vierzylinder-Diesel fehlten darüber hinaus noch andere Eigenschaften für einen echten Fahrbetrieb auf der Straße, bei dem stark und oft wechselnde Drehzahlen die Regel sind. Die verwendete Kraftstoffpumpe mit ihren vier Kolben, die vor dem ersten Arbeitszylinder angeordnet wurde, bewährte sich nicht, die Kraftstoffnadel und ihre Antriebsorgane waren zu schwach dimensioniert usw.. All dies reichte einfach nicht aus, um den Motor erfolgreich auf den Markt bringen zu können. Letztlich mussten die Entwicklungsarbeiten 1910 mit der Liquidation der Aktiengesellschaft St. Georgen ohnehin eingestellt werden, ohne dass der Vierzylinder-Versuchsdiesel jemals in ein Fahrzeug eingebaut wurde.
Es fand sich auch niemand, der ab 1910/11 die technischen Hauptprobleme (komplizierte Kraftstoff-Einblasung, starke
Rußentwicklung) durch zielgerichtete Weiterentwicklungen gelöst hätte – eine weitere große Enttäuschung für Rudolf Diesel.
Ein Vierzylinder-LKW-Versuchsmotor befindet sich heute im Besitz des Deutschen Museums in München (Inv.-Nr. 36928). Rudolf Diesel hatte für die Übergabe an das Museum eine siebenseitige technische Beschreibung unterschrieben – am 10. Juli 1913, nur zehn Wochen vor seinem Tod. Es ist anzunehmen, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt seine Firma Diesel & Co. München schon erloschen war.
Der Erfinder hatte sicherlich gehofft, durch den Bau und den Vertrieb der neuen Fahrzeug-Dieselmotoren einen Teil seines
schwindenden Vermögens wieder zurückgewinnen zu können. Doch mit seinen Ideen war er seiner Zeit weit voraus, und, vor allem, er verfügte gegen Ende seines Lebens über kein Vermögen mehr – und
scheiterte mit vielen Plänen in seinen letzten Lebensjahren.
Der endgültige Durchbruch des Fahrzeug-Diesels gelang erst 1923/24, zehn Jahre nach dem Tod des Erfinders, als das aufwendige
Luft-Einspritzverfahren bei kleinen Verbrennungsvolumina durch den Vorkammer-Dieselmotor (Benz / Prosper L’Orange) und den Direkteinspritzer-Dieselmotor (entwickelt von MAN) abgelöst wurde.
Selbst lange danach war der Umgang mit Nutzfahrzeug-Dieselmotoren im Vergleich zu heute nicht immer einfach. Erinnert sei dazu an die Vorkriegs-LKWs, von denen einige Fabrikate Motoren besaßen,
die als Benziner mit Zündkerzen und Vergaser gestartet und erst dann auf Dieselbetrieb umgestellt werden konnten, wenn der Motor angesprungen und warm gelaufen war (Bartsch 1998).
Literatur:
Anonym (1910): Der neue Diesel-Kleinmotor. Zeitschrift „Schiffbau“, XI. Jahrgang, Nr. 15
Bartsch Ch. (1998): Modernste Dieseltechnik: TDI, die Entwicklung der Direkteinspritzung. Motorbuch-Verlag Stuttgart, 1. Auflage, ISBN 3-613-01910-8
Cummins L. (1993): Diesel’s Engine: Volume One: From Conception to 1918. Carnot Press, Wilsonville, Oregon, USA, ISBN 0-917308-03-4
Diesel E. (1949): Jahrhundertwende, gesehen im Schicksal meines Vaters. Reclam-Verlag Stuttgart
Köhler H. (2015a): Rudolf Diesel – Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. 2. Auflage, Dezember 2015
Köhler H. (2015b): Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit. August 2015 im Eigenverlag des Autors
MAN (1991): Leistung auf dem Weg: Zur Geschichte des MAN-Nutzfahrzeugbaues. MAN Nutzfahrzeuge AG und Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, ISBN-13: 978-3-642-93491-9, S. 483/485
Pöhlmann Ch. (1912): Neuere Rohölmotoren: Kleinmaschinen (Diesel). Polytechnisches Journal, Band 327, S. 229-232
Dieser Beitrag wurde am 23. April 2017 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg
Einleitung
Mehr als allgemein angenommen waren die beiden Fabriken Fried. Krupp in Essen und das Krupp-Grusonwerk in Magdeburg-Buckau neben der Maschinenfabrik Augsburg (Bild 1) und dem Erfinder Rudolf Diesel in die Entwicklung und Ersterprobung des Dieselmotors zwischen Sommer 1893 und Ende 1897 in Augsburg eingebunden. Denn schon wenige Wochen nach dem ersten Abnahmelauf des Versuchsmotors 25/40-A in Augsburg im Februar 1897 durch Prof. Schröter (Technische Hochschule München) und seine beiden Assistenten weilten am 1. und 2.4.1897 die Krupp-Vertreter Hermann Ebbs und Wilhelm Worsoe in Augsburg, um gemeinsam mit den zuständigen Ingenieuren der Maschinenfabrik Augsburg und dem Erfinder Rudolf Diesel die Baugrößen und die konstruktiven Rahmenbedingungen der ersten Diesel-Serienmotoren zu besprechen und festzulegen. Das Ergebnis war eine Serie von sechs Einzylindermotoren mit 15, 20, 25, 30, 35 und 45 PS Normalleistung bei einer einheitlichen Drehzahl von 160 U/min und 20, 25, 31, 38, 45 und 55 PS maximaler Zylinderleistung sowie ebenso vielen Zweizylindermotoren mit entsprechend doppelter Leistung (Formular 111 1897/98). Ferner wurde vereinbart, dass Augsburg die kompletten Konstruktionszeichnungen für einen sog. 20-PS-Typusmotor 26/41 (= 26 cm Bohrung und 41 cm Hub) nach der Zeichnungsserie XVI der Maschinenfabrik Augsburg anfertigt und allen Lizenznehmern zur Verfügung stellt. Die Absicht war, dass möglichst alle damaligen Lizenznehmer die Motoren nach den gleichen Zeichnungen herstellen, um von einheitlichen Konstruktionen und somit von Erleichterungen bei der späteren Ersatzteilbeschaffung und dem Ersatzteilaustausch profitieren zu können.

Die Zeichnungssätze gingen gleichzeitig auch an die Krupp-Werke in Essen und in Magdeburg. Beide Unternehmen nahmen im Juni 1897 offiziell den Bau von Serien-Dieselmotoren auf. Das Krupp-Grusonwerk hatte sich bereits seit dem Sommer 1896 intensiv mit der Konstruktion eines Einzylinder-Dieselmotors 28/41 (28 cm Bohrung, 41 cm Hub) mit maximal 40 PS Leistung auf der Basis von Unterlagen der Maschinenfabrik Augsburg befasst, jedoch aufgrund eigener Erfahrungen beim Bau und Betrieb von Gasmotoren einige technische Änderungen beschlossen, z.B. beim Pleuelzapfen- und Kurbelwellenlager-Durchmesser (Schreiben des Krupp-Grusonwerkes vom 3.7.1896 an Rudolf Diesel, in Worsoe 1939).
Rudolf Diesel wurde am 4.12.1896 vom Grusonwerk gebeten, zur Prüfung der Konstruktionszeichnungen nach Magdeburg zu kommen;
dieser Besuch wurde allerdings mehrfach verschoben, weil die Maschinenfabrik Augsburg erst die Erfahrungen mit den eigenen (neuen) Versuchsmotoren 25/40-A und –B abwarten wollte.
Dieser erste Teil des Artikels behandelt die vier von Fried. Krupp in Essen gebauten Dieselmotoren. Der anschließende zweite Teil geht auf den bei Langen & Wolf in Wien und auf die drei im Krupp-Grusonwerk gefertigten Dieselmotoren aus der Zeit 1897-1899 ein (bei zwei Motoren wurde die Herstellung in der Magdeburger Fabrik nur begonnen und in Essen abgeschlossen). Insgesamt gab es somit in den drei Anfangsjahren des Dieselmotorenbaues nach den aktuellen Studien des Autors acht Krupp-Dieselmotoren. So manches Überraschendes brachten die Recherchen zutage - und mindestens in einem Fall erfuhr ein Nachfolge-Unternehmen des damaligen Betreibers erst durch den Autor, dass einst in seiner Fabrik ein stationärer Krupp-„Ur-Dieselmotor“ lief.

Fried. Krupp-Essen gab den Dieselmotorenbau Ende Oktober 1899 für einige Jahre auf. Das Krupp-Grusonwerk schloss seinen Motorenbereich nach einem schweren Brand in seiner Gasmotoren- und Dieselmotoren-Montagehalle im Juni 1898 sogar noch etwa ein halbes Jahr früher. Offiziell wurde die Auflösung der Magdeburger Motorenabteilungen zwar erst zum 1.7.1899 wirksam, doch schon am 1.1.1899 hatte MAN-Nürnberg den gesamten Magdeburger Motorenbau übernommen, siehe in der Rubrik "Sonstiges" den Artikel "Wie MAN zum Magdeburger Krupp-Grusonwerk (und zu Hermann Ebbs) kam".
Der erste Krupp-Dieselmotor
Unter der Leitung des Ingenieurs und späteren Krupp-Direktors Hartwig entstand in Essen nach den Augsburger Zeichnungen ein erster Einzylinder-Versuchsmotor 26/41. Er war Ende November 1897 im neu eingerichteten Dieselmotoren-Prüfstand betriebsbereit (Bild 2; es wird um Nachsicht für die mangelnde Qualität der historischen Aufnahmen gebeten: eine vorhandene bessere Bilddatei wäre lizenz- und kostenpflichtig gewesen oder hätte nur für 30 Tage verwendet werden dürfen) und erreichte bei Volllast eine Leistung von 20 PS bei einer Drehzahl von 170 U/min. Krupp entschied sich also bei Motoren kleiner Leistungen für eine etwas höhere Drehzahl, während die Akteure ursprünglich einheitlich 160 U/min unabhängig von der Motorbaugröße vorgeschlagen hatten.

Bild 3 ist ein p-V-Diagramm des Versuchsmotors vom 3.12.1897 - es wurde also nur wenige Tage nach dessen Inbetriebnahme aufgenommen -, das der Maschinenfabrik Augsburg zur Beurteilung zugeleitet wurde. Anfangs lief der Motor noch mit einer Drehzahl von 160 U/min, später mit 170 U/min. Rudolf Diesel kommentierte dieses Diagramm in einem Schreiben (unleserlichen Datums; Adressat war wohl das Krupp-Grusonwerk in Magdeburg) wie folgt (Worsoe 1940):
„… Dieses Diagramm gehört zu den besten bisher erreichten, hat einen mittleren Druck von 9,5 kg/cm2, was nach
Abzug der Luftpumpenarbeit u.s.w. eine effective Arbeit von 24-26 HP bei 160 Touren ergiebt. Wenn die Maschiene 200 Touren macht, was nach der Dimensionstabelle v. 10. Juli 1897 /Formular 8/ als
normal gilt, ergiebt obiger mittlerer Druck eine Leistung von 31-33 HP, also 50 % mehr als vorgesehen. Ich nehme an, dass diese Mittheilungen Interesse für Sie haben und zeichne –
hochachtungsvoll – Diesel“. (Die damalige Schreibweise wird hier übernommen)
In erster Linie sollte der Motor zunächst mit Leuchtgas betrieben werden, weil die entsprechenden Versuche der beiden Versuchs-Dieselmotoren 25/40-A und -B der Maschinenfabrik Augsburg im Herbst 1897 nach Ansicht von Krupp weder vorankamen, noch zufriedenstellten. Denn immer noch war, um eine sichere regelmäßige Zündung im Gasbetrieb zu erreichen, die Einlagerung eines Petroleumtropfens in die Düse erforderlich. Die besondere Situation war, dass die Maschinenfabrik Augsburg an Dieselmotoren mit gasförmigem Kraftstoff weit weniger interessiert war als Krupp. So antwortete Rudolf Diesel am 24.12.1897 auf eine entsprechende Nachfrage von Fried. Krupp vom 20.12.1897 „… dass die Versuche mit Leuchtgas nur ganz vereinzelt zwischen hinein und immer nur auf ganz kurze Zeit geschoben werden können. Es liegen deshalb immer noch keine definitiven Resultate vor…“. Krupp musste außerdem akzeptieren, dass der dem Magdeburger Grusonwerk Mitte Juni 1897 zur Verfügung gestellte Augsburger Versuchsmotor 25/40-B auf dringenden Wunsch der Maschinenfabrik Augsburg und von Rudolf Diesel schon am 2.10.1897 wieder zurückgeschickt werden musste (Köhler 2015). Fried. Krupp-Essen benötigte deshalb einen eigenen Versuchsmotor, um auch umfangreiche Versuchsläufe mit dem in Essen reichlich vorhandenen Hochofengas fahren und den Motor auf dieses Gas optimieren zu können.
Anfangs traten bei den Versuchen bei Krupp in Essen einige technische Probleme auf, die nach und nach beseitigt wurden. Aufgrund der dabei gemachten Erkenntnisse baute Fried. Krupp den 20-PS-Typusmotor um und berücksichtigte die Erfahrungen auch bei der Konstruktion und der Herstellung seines zweiten Dieselmotors 32,5/50 (siehe unten). Die dafür erstellten Änderungszeichnungen gingen an Rudolf Diesel und an die Maschinenfabrik Augsburg zur Weitergabe an alle Lizenznehmer.
Untersucht wurden in Essen unter anderem verschiedene Werkstoffe für die Kraftstoffnadel und den Kolben der Kraftstoffpumpe; die Anlass- und Einblasegefäße wurden getrennt ausgeführt, der Ein- und Ausbau des Kraftstoffventils verbessert, unterschiedliche Kompressionsdrücke untersucht, zur Vermeidung der Einblase-Luftpumpe wurde mit Selbsteinblasung gefahren, der Motor mit Leuchtgas und diversen Gasgemischen betrieben und vorübergehend auch nach dem Zweitaktverfahren gefahren. Die Gasversuche dienten dazu, den Dieselmotor als mögliche künftige Großgasmaschine für den Betrieb mit Kraftgasen zu testen. Es gelang nach einiger Zeit auch, den Essener Einzylinder 26/41 im Gasbetrieb auch ohne Zündbrennstoff zu betreiben, allerdings nur bei einem relativ schlechten Motorwirkungsgrad.
Bild 4 zeigt p-V-Diagramme der Messungen vom 24.10. und 12.11.1898 mit Selbsteinblasung. Bemerkenswert der Hinweis auf den unsichtbaren Auspuff. Krupp war mit den erzielten Ergebnissen zwar zufrieden (Petroleum-Volllast-Verbrauch 221 g/PSh), doch hätte der Motor wegen des höheren Kompressionsenddruckes (ca. 48 bar) massiver gebaut werden müssen, wäre also schwerer und teurer geworden. Aus diesem Grund verfolgte Krupp die Lufteinblasung nicht weiter.

Der Motor lief bis zur (vorübergehenden) Einstellung des Krupp-Dieselmotorenbaues und der Auflösung des Essener Motorenprüfstandes und blieb danach - wahrscheinlich - einige Jahre lang in Essen eingelagert. Die Dieselmotoren-Produktion wurde jedoch schon wieder ab 1904 bei der Krupp-Germaniawerft in Kiel (bis zu deren Zerstörung durch Luftangriffe und Demontage im Jahr 1945) vorbereitet.
Fried. Krupp hatte die Germaniawerft im Jahr 1896 zunächst gepachtet und dann ab 1902 fest übernommen. Dort wurde bereits im
Frühjahr 1904 ein nicht umsteuerbarer Viertakt-Schiffsdieselmotor mit 200 PS Leistung und einem Leistungsgewicht von nur 36 kg/PS entworfen, allerdings nicht in die Fertigung gegeben
(Möller & Brack 1998).
Im Dezember 1905 wurde der 20-PS-Einzylinder-Dieselmotor 26/41 aus dem Jahr 1897 der Krupp-Germaniawerft zur weiteren Erprobung überlassen, vor allem um Betriebserfahrungen mit Dieselmotoren zu bekommen. Motor-Versuchsergebnisse aus dieser Zeit liegen - kriegsbedingt - nicht mehr vor. Um das Ende des Ersten Weltkriegs, 1918 oder kurz danach, wurde der Versuchsmotor 26/41 bei der allgemeinen Verschrottungsaktion in Kiel (versehentlich ?) entsorgt.

Zweiter und dritter Krupp-Dieselmotor aus Essen
Über den zweiten von Fried. Krupp in Essen hergestellten Dieselmotor mit 32,5 cm Bohrung und 50 cm Kolbenhub ergab die
Recherche des Autors sehr viel mehr Details als über den ersten Motor. Er ist, im Gegensatz zum ersten 20-PS-Dieselmotor, noch erhalten: er wird kommendes Jahr (2018) 120 Jahre alt und befindet
sich, allerdings teilzerlegt und mit zur Hälfte abgetrenntem Schwungrad, im Depot des Ruhr-Museums in Essen. Der Einzylindermotor 32,5/50 wurde nach der Zeichnungsserie XXII der Augsburger
Maschinenfabrik ausgeführt (Bild 5). Die normale Volllastleistung war 35 PS bei einer Drehzahl von 170 U/min (Maximalleistung: 45 PS). Mit dem Bau des Motors wurde, wie oben erwähnt, bereits im
Juni 1897 begonnen. Die Inbetriebnahme am Essener Dieselmotoren-Prüfstand erfolgte jedoch erst im April 1898, so dass die Erfahrungen mit dem Krupp'schen-Versuchsmotor 26/41 bei der Konstruktion
und Ausführung noch berücksichtigt werden konnten. So wies der Motor 32,5/50 bereits wesentliche Verbesserungen gegenüber dem Augsburger Typusmotor auf, beispielsweise eine bessere Zugänglichkeit
der Einblase-Luftpumpe (sie war auf dem Rücken des A-Gestells freistehend angeschraubt, also nicht mehr in den Ständer eingebaut) oder die Anordnung von getrennten Druckflaschen für das Anlassen
und das Einblasen des Kraftstoffs.
Erste Station des 35-PS-Motors war die II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung vom 11.6. bis zum 10.10.1898 in München. Dort stellte Rudolf Diesel den Besuchern in einem eigenen Diesel-Pavillon vier Einzylinder-Dieselmotoren von folgenden Herstellern vor (Diesel Rudolf 1913):
Krupp-Essen: der in diesem Abschnitt behandelte 35-PS-Motor – er trieb eine Hochdruck-Zentrifugalpumpe an
Maschinenfabrik Augsburg: 30-PS-Motor – er trieb eine Drehkolbenpumpe an
Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg: 20-PS-Motor
Gasmotoren-Fabrik Deutz: 20-PS-Motor – er trieb eine Linde-Luftverflüssigungsanlage an.
Die vier Dieselmotoren wurden unter großem Zeitdruck hergestellt und konnten erst kurz vor bzw. sogar erst nach der
Ausstellungseröffnung angeliefert werden. Am Eröffnungstag waren nur die beiden Dieselmotoren von Fried. Krupp und der Maschinenfabrik, Augsburg eingetroffen, jedoch noch nicht vorführbereit, so
dass an diesem Tag das Premierenpublikum noch keinen Dieselmotor laufen sah. Diesel-Mitarbeiter Meyer schreibt dazu in seinem Buch (Meyer 1913):
„Bei Eröffnung der Ausstellung waren glücklich die Motoren von Augsburg und Krupp angeliefert. Der erste war aber noch nicht fertig aufgestellt, und der von Krupp brannte am Tage vor der
Eröffnung der Ausstellung seinen Kreuzkopf fest …“.
Einige Tage später war es dann aber so weit: zum ersten Mal in der Geschichte des Dieselmotors wurden in einer Ausstellung gleich vier Motoren einem großen Publikum im Betrieb vorgeführt (Bild 6), wobei die Leistung des Krupp-Motors sicherheitshalber auf 30 PS begrenzt wurde. Alle vier Motoren basierten zwar im Grunde auf den Konstruktionszeichnungen der Maschinenfabrik Augsburg, doch die Ausführungen unterschieden sich im Detail je nach Hersteller, unter anderem durch die Lage der Luftpumpe, den Regulator, durch die Schmierung und die Art und Weise des Motorstarts (Freytag 1899).

Der gesundheitlich zu dieser Zeit bereits schwer angeschlagene Rudolf Diesel hatte zwar im Vorfeld noch die gesamte Planung und
Organisation des Diesel-Pavillons durchgeführt, übertrug jedoch die Betreuung der vier Motoren während der Ausstellung seinen beiden Mitarbeitern Heinrich Noé und Paul Meyer und deren Helfern.
Der Erfinder litt in den ersten Wochen der Münchner Ausstellung an Erschöpfung und musste sich noch vor Ausstellungsende einer monatelangen stationären Behandlung in der Heilanstalt
Neuwittelsbach bei München unterziehen; an diese schloss sich eine ebenfalls mehrmonatige Erholungszeit in Meran in Südtirol an (Köhler
2012).
Unterschiedliche Geschichten: zwei 35-PS-Motoren von Krupp-Essen
Doch damit wieder zurück zum zweiten Krupp-Dieselmotor, dem Einzylinder-Dieselmotor 32,5/50. Nach seinem Abbau nach Ende der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung München im Oktober 1898 kam er zunächst für etwa neun Monate zu weiteren Versuchen zurück zu Fried. Krupp nach Essen. Obwohl schon Anfang 1899 absehbar war, dass es in Essen zu keiner Dieselmotoren-Serienfabrikation kommen würde, fertigte Fried. Krupp noch einen zweiten 35-PS-Motor, der hier zur Vermeidung von Verwechslungen mit 32,5/50-b bezeichnet wird; er wurde ab Mai 1899 auf dem Essener Prüfstand eingefahren. Neu an ihm war: er hatte ein von Fried. Krupp konstruiertes Kraftstoffventil, das ohne die bisher notwendige mühselige Demontage der Ventilsteuerhebel und der Rohrleitungen innerhalb von wenigen Minuten aus- und wieder eingebaut werden konnte.
Nach der Einstellung des Dieselmotorenbaues in Essen stellte Krupp seine beiden 35-PS-Motoren 32,50/50 und 32,5/50-b im Juli
1899 der provisorischen Kieler Schiffbau-Werkstatt der „alten“ Germaniawerft als Stromaggregate zur Verfügung; dort liefen sie regelmäßig im Fabrikbetrieb – und zwar bis zum Abbruch der
Schiffbau-Werkstatt im Jahr 1904.
Die nächste Station für die beiden 35-PS-Motoren ab 1905 war das frühere Kieler Hotel „Continental“ am Sophienblatt 6/8, in das sie von einem örtlichen Spezialunternehmen zur Energieerzeugung eingebaut wurden. Das Hotel wurde ab 1903 errichtet, als ein Haus der damals obersten Klasse: mit Aufzug, Haustelefon, elektrischer Beleuchtung, Zentralheizung, Lese-, Schreib- und Frühstückszimmer usw. Die elegante Eingangsfront verzierte eine Fassade im geschwungenen Barockstil, die Balkone waren immer mit frischen Blumen geschmückt (Steigenberger Conti Hansa 2017). Als es immer schwieriger und teurer wurde, den benötigten Kraftstoff für die beiden Motoren zu beschaffen, entschloss sich die Hoteldirektion im Jahr 1916 zum Verkauf der beiden Maschinen. Neuer Besitzer des „Ausstellungs-Dieselmotors“ von München wurde nun die Wind- und Dampfmühle Heinrich N. Clausen in Satrup, während die Schwestermaschine 32,5/50-b an das Gut Warleberg ging. Beide Standorte liegen im Kreis Schleswig.
Betriebserfahrungen der beiden Motoren während ihrer Zeit im Hotel „Continental“ liegen offensichtlich nicht mehr vor, zumal
das Hotel im Zweiten Weltkrieg am 4. und 5.1.1944 durch schwere Bombentreffer vollständig zerstört und damit auch die gesamte Einrichtung mitsamt Akten und anderen Unterlagen vernichtet wurde.
Das Haus wurde nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. Heute befindet sich am Sophienblatt 6/8 ein großes Kaufhaus.
Der Motor 32,5/50-b existierte am neuen Einsatzort im Gut Warleberg nicht allzu lange. Überholt wurde er im Jahr 1920, vier
Jahre nach seiner Aufstellung im Gut. Überliefert ist ein Schreiben der Gutsverwaltung vom 6.8.1924 an die Kieler Krupp-Germaniawerft, mit dem bestätigt wird, dass der Dieselmotor zu diesem
Zeitpunkt nach wie vor in Betrieb war und zur vollen Zufriedenheit seiner Besitzer arbeitete (Worsoe 1933). Umso überraschender kamen dann der Abbau
und die Verschrottung des Motors im Jahr 1929, also fünf Jahre später. Der Hersteller wurde davon nicht in Kenntnis gesetzt. Die Gründe für die Verschrottungsaktion waren bisher nicht zu
ermitteln. Eine Anfrage von Januar 2017 an die heutige Gutsverwaltung mit der Bitte, dem Autor evtl. noch vorhandene Angaben über den früheren 32,5/50-b Dieselmotor zur Unterstützung seiner
Recherchearbeiten zur Verfügung zu stellen, blieb unbeantwortet. Es ist daher zu vermuten, dass keine Motor-Unterlagen mehr existieren.
Streit um die Aufstellung des zweiten Krupp-Motors im Deutschen Museum
Ganz anders verlief die Geschichte des „berühmten“ 35-PS-Schwestermotors bei Heinrich N. Clausen in Satrup (Bild 7). Man war mit ihm so zufrieden, dass im Jahr 1919 für die Mühle noch ein weiterer Krupp-Dieselmotor angeschafft wurde; damit konnte die noch vorhandene alte Dampfmaschine des Unternehmens endlich außer Betrieb genommen werden (Claussen 1994). Im Frühjahr 1924 wurde der mittlerweile 26 Jahre alte 35-PS-Motor überholt und lief dann noch, offensichtlich ohne große Reklamationen, bis Anfang 1937.

Anfang 1936 entstand im Deutschen Museum in München der Wunsch, im Zusammenhang mit einem geplanten Neubau einer
Ausstellungshalle für Automobile und Motoren neben dem bereits im Jahr 1905 von der MAN gestifteten ersten „betriebsfähigen“ Versuchs-Dieselmotor 25/40-B auch den zweiten Krupp-Dieselmotor zu
zeigen. So kaufte die Krupp-Germaniawerft 1937 diesen noch voll funktionsfähigen Dieselmotor von Heinrich N. Clausen zurück, überholte ihn im Essener Werk und schenkte ihn im September 1937 mit
wunschgemäß abgeschnittenem Schwungrad dem Deutschen Museum München. Dort wurde er unter der Nummer 69786 inventarisiert. Doch firmenpolitische und andere Gründe mitten im Zweiten Weltkrieg
verzögerten die Aufstellung Jahr um Jahr, wie aus den im Deutschen Museum einsehbaren Dokumenten und Briefwechseln hervorgeht. So war es beispielsweise ein dringender und ständiger Wunsch des
Erfindersohns und Schriftstellers Eugen Diesel, den Krupp-Motor nicht in der Verbrennungsmotoren-Ausstellungshalle im Inneren des Museums, sondern in einem Pavillon im Freien vor dem Museum
aufzustellen und ihn dort auch dem Publikum im Betrieb vorzuführen. Das Museum war allerdings aus Sicherheitsgründen dagegen und wollte ihn, ohne die Möglichkeit ihn laufen zu lassen, direkt
neben dem MAN-Versuchsmotor 25/40-B aufstellen, und zwar Schwungrad an Schwungrad. Dies wiederum missfiel der MAN, die „von einem schlechten Dienst für die Dieselgeschichte“ sprach und
entsprechende Gegenvorschläge ankündigte. Sie befürchtete eine Ansammlung von Exponaten im Deutschen Museum, die „techno-historisch gar keinen besonderen Wert besitzen“ (Meyer 1939).
Es entwickelte sich eine umfangreiche Diskussion zwischen den beteiligten Unternehmen, Gutachtern wie Prof. Dr. A. Nägel, dem VDI, dem Museum selbst und Eugen Diesel. 1942 war man in der Sache immer noch nicht weitergekommen. Deshalb erinnerte die Krupp-Germaniawerft in einem Brief von April 1942 das Deutsche Museum daran, dass der historisch wertvolle Krupp-Motor seit fünf Jahren demontiert im Museumsdepot lagert, ohne das eine Entscheidung getroffen wurde, was mit ihm geschehen und wo er aufgestellt werden soll. Auch ein Jahr später war die Situation noch unverändert; doch nun herrschte Krieg und andere Dinge im Deutschen Museum hatten Vorrang vor den fast endlosen und teils heftigen Diskussionen um die Aufstellung. 1944 wurde das Deutsche Museum und seine Archivabteilung durch über 5.000 Spreng- und Brandbomben stark beschädigt, so dass neben zahlreichen Exponaten auch ein Teil der Archivalien vernichtet wurde. Nach den Recherchen des Autors kam es auch in den Nachkriegsjahren, in denen der Wiederaufbau des Museums oberste Priorität hatte, zu keiner dauerhaften Aufstellung des Krupp-Motors in den öffentlich zugänglichen Museumsräumen.
Mit der Sonderausstellung „50 Jahre Dieselmotor“ nahm das Deutsche Museum erst wieder im Jahr 1947 den Ausstellungsbetrieb auf (an der Eröffnung der Sonderschau nahm auch Eugen Diesel teil).

So holte Krupp seinen im Jahr 1937 dem Deutschen Museum geschenkten historischen 35-PS-Dieselmotor im April 1961 (pers.
Mitteilung des Deutschen Museums vom 24.1.2017) nach Essen zurück. Dort wurde er von 1961 bis 2004 in der Firmen-Dauerausstellung „Historische Ausstellung Krupp“ im Kleinen Haus der Villa Hügel
als besonders interessantes und wertvolles historisches Exponat der Öffentlichkeit gezeigt (Bild 8). Danach, 2004 oder 2005, ging er als Leihgabe an das Ruhr Museum Essen, in dessen Depot er bis
zum heutigen Tag im zerlegten Zustand aufbewahrt wird, leider ohne ihn dem Museumspublikum zeigen zu können. Im nächsten Jahr (2018) wird er 120 Jahre alt. Eigentümer des Motors ist nach wie vor
das Historische Archiv Krupp der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.
Vierter Krupp-Dieselmotor aus Essen
Der letzte von Fried. Krupp in Essen hergestellte Dieselmotor war wieder ein Einzylinder der Baugröße 26/41 mit einer Leistung von 20 PS bei 170 U/min. Er muss noch in 1899, dem Jahr in dem der Essener Dieselmotorenbau aufgegeben wurde, gebaut und danach noch einige Monate lang in Essen betrieben worden sein. 1901 ging der Motor als Geschenk von Fried. Krupp an das Maschinenlabor für Kraftfahrzeuge des ebenso einflussreichen wie - nach zeitgenössischen Briefen - streitbaren Maschinenbauprofessors (und späteren Rektors der TH Berlin) Prof. Dr. Alois Riedler an der TH Charlottenburg. Dort wurde er im August 1901 in Betrieb genommen. Er wurde mindestens bis 1906, vermutlich aber noch etliche Jahre länger für die studentische Ausbildung verwendet. Noch Ende Mai 1906 bat Prof. Riedler die Firma Krupp-Germaniawerft um einen Satz Zeichnungen dieses Motors für Lehrzwecke. Der frühere Verbrennungsmotoren-Fachmann und Fachbuchautor Prof. Dr. Friedrich Sass hat nach eigener Erinnerung an diesem Motor als 23-jähriger Student ebenfalls noch Messungen und Experimente durchgeführt (Sass 1962).
Weiteres über die Geschichte und den Verbleib des Motors war weder beim Universitätsarchiv der heutigen TU Berlin noch dem
Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin zu erfahren.
Auf die beiden vom Krupp-Grusonwerk in Magdeburg noch begonnenen, nach Aufgabe des dortigen Motorenbaues nach dem großen Brand der Motorenhalle im Juni 1898 jedoch bei Fried. Krupp in Essen fertiggestellten Dieselmotoren der Baugröße 26/41 wird im nachfolgenden 2. Teil des Beitrages eingegangen. Von Krupp in Essen wurden also insgesamt vier Dieselmotoren vollständig hergestellt und zwei weitere, deren Bau in Magdeburg angefangen wurde, vollendet.
Dieser Beitrag wurde am 17. Juli 2017 online gestellt.
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Fünfter Krupp-Dieselmotor (und zugleich erster österreichischer Dieselmotor)
Das Stahlguss-Unternehmen Fried. Krupp in Essen war Besitzer des österreichischen Dieselpatentes. Um dieses jedoch verwerten zu
können, musste nach dem österreichischen Patentgesetz ein Dieselmotor in Österreich gebaut und auch dort zum Nachweis seiner Einsetzbarkeit im Fabrikbetrieb laufen. Nach den
Konstruktionszeichnungen von Krupp (Worsoe 1933) wurde deshalb ein Einzylinder-Dieselmotor 26/41 für eine Leistung von 20 PS bei 170 U/min in der im
Jahr 1872 von Carl Otto Langen und Richard Lothar Wolf gegründeten Wiener Gasmotoren-Fabrik Langen & Wolf in der Zeit 1898/99 hergestellt. Die Motor-Nummer war 6.691. Zur Gründungszeit war
Langen & Wolf noch die österreichische Tochter der Gasmotoren-Fabrik Deutz AG, die jedoch ihr Kapitel bald darauf wieder zurückzog. Die Gründer errichteten deshalb 1880 ihre eigene kleine
Fabrik (pers. Mitteilung D. Voß vom 22.3.2015). Nach der Fertigstellung wurde der 20-PS-Dieselmotor zum Zweck der vorgeschriebenen gewerblichen Verwertung der Berndorfer Metallwarenfabrik Arthur
Krupp in Niederösterreich als Geschenk überlassen. Er trieb dort ab Februar 1900 einen Generator an.
Die Berndorfer Metallwarenfabrik war 1843 von Alexander Ritter von Schoeller und Hermann Krupp, dem Bruder von Alfred Krupp,
gegründet worden; sie wurde von Hermanns Sohn Arthur Krupp geleitet. Rudolf Diesel hatte die Fabrik ein erstes Mal bereits im Januar 1895 besucht, um der österreichischen Patentkommission den
ersten Versuchsmotor 15/40 der Maschinenfabrik Augsburg unmittelbar vor seinem Umbau in den zweiten Versuchsmotor 22/40 im Betrieb vorzuführen (interessantes Detail: da der Augsburger Dieselmotor
15/40 nicht zuverlässig lief, fanden die Versuche in Österreich mit Selbsteinblasung von Benzin statt, wobei der Motor durch einen Treibriemen über die Fabrik-Transmission im Lauf „unterstützt“
wurde (R. Diesel 2013 und E. Diesel 1937).
Wie lange der österreichische Krupp-Motor 26/41 und für welchen Einsatzzweck er bei der Berndorfer Metallwarenfabrik Arthur
Krupp lief, konnte bisher nicht ermittelt werden. Im Juli 1913 erklärte sich die Fabrik bereit, ihren Dieselmotor dem damaligen Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien, dem heutigen
Technischen Museum Wien, zu spenden (Bild 9). Im darauffolgenden Jahr wurde er laut Datenverzeichnung dem Museum angeliefert und steht dort seit seiner Eröffnung im Jahr 1918 für jedermann
zugänglich immer noch an der gleichen Stelle (Bild 10, aufgenommen etwa im Jahr 1953).


Die neueren Recherchen des Autors haben den Wissensstand über diesen historischen ersten österreichischen Dieselmotor zumindest
in einem Punkt erweitert. Zwar sprachen bei früheren Archiv-Recherchen einige Details des Motors durchaus dafür, dass er nach Konstruktionszeichnungen von Krupp gebaut wurde, zumal ja Fried.
Krupp in Essen wenige Monate vor Fertigstellung des österreichischen Dieselmotors auch ihren ersten eigenen Dieselmotor 26/41 als Versuchsmaschine gefertigt hatte (siehe Teil 1 dieses Artikels).
Doch es war auch nicht ganz auszuschließen, dass die Zeichnungen von der Gasmotoren-Fabrik Deutz oder von der Maschinenfabrik Augsburg kamen (Köhler
2015). Keines der heutigen Nachfolgeunternehmen der drei damaligen Motorenfabriken konnte zunächst in diesem Punkt eindeutige Klarheit schaffen. Das Technische Museum Wien, heutiger Besitzer und Eigentümer des Einzylinder-Dieselmotors, ging
bisher davon aus, dass die Zeichnungen und eventuell sogar einzelne Bauteile von der Gasmotoren-Fabrik Deutz zur Verfügung gestellt wurden (pers. Mitteilung Technisches Museum Wien vom
12.3.2015). Dies hat sich jedoch bei den aktuellen Studien des Verfassers nicht bestätigt.
Krupp-Motor Nr. 6 aus Magdeburg
Schon im November 1896 hatte das Krupp-Grusonwerk in Magdeburg in einem Schreiben an Fried. Krupp-Essen angekündigt, einen Einzylinder-Dieselmotor 28/41 mit einer Leistung von maximal 40 PS bis etwa März 1897 fertig zu stellen. Als das Werk Magdeburg die eigentliche Dieselmotorenfertigung dann im Juni 1897 offiziell aufnahm, begannen die Arbeiten nicht an einem 28/41, sondern gleich an einem größeren Einzylindermotor 35/55 mit einer maximalen Leistung von 50 PS bei 160 U/min. Die Konstruktionszeichnungen dafür stammten von Wilhelm Worsoe auf Basis der Augsburger Typuszeichnungen für den 20-PS-Motor 26/41. Ende August 1898 lief der 50-PS-Motor auf dem Magdeburger Probestand zu Versuchs- und Vorführzwecken an.
Zu diesem Zeitpunkt war die Motoren-Montagehalle des Grusonwerks bereits abgebrannt und nicht mehr
benutzbar.
Für das Krupp-Grusonwerk stellte der Dieselmotor 35/55 zweifelsohne eine große Herausforderung dar, denn es handelte sich nicht nur um den ersten Dieselmotor der Magdeburger Fabrik überhaupt, sondern zu diesem Zeitpunkt um den weltweit leistungsstärksten Dieselmotor (Köhler 2015). Im März 1899 wurde er als Antriebsmaschine in der Versuchsanstalt für Zerkleinerungsmaschinen des Krupp-Grusonwerks aufgestellt, wenig später aber schon durch eine geeichte Dynamomaschine als Antriebsmaschine abgelöst.

Mit Aufnahme der Dieselaktivitäten bei der Kieler Krupp-Germaniawerft übernahm diese den Motor mit
der Absicht, ihn zu verkaufen. Er wurde zunächst in Kiel überholt und 1907 an die Norderwerft R. Holtz in Hamburg (später Norderwerft Aktiengesellschaft) verkauft (Bild 11). Einem noch
vorhandenen Schreiben der Werft vom 30.8.1924 zufolge war der Motor zu diesem Zeitpunkt immer noch voll betriebsfähig und lief zu ihrer vollen Zufriedenheit, wenn auch nicht mehr allzu häufig.
Irgendwann zwischen 1924 und 1930 muss der Motor dann außer Betrieb genommen werden, da der Strom für die Werft vom Hamburger E-Werk bezogen wurde. Das weitere „Schicksal“ dieses Motors ist zum
gegenwärtigen Zeitpunkt der Recherchen nicht bekannt.
Die letzten beiden Magdeburger Dieselmotoren, in Essen fertiggestellt
Im Krupp-Grusonwerk in Magdeburg-Buckau begann man im Jahr 1898 mit der Herstellung von zwei
weiteren Einzylinder-Dieselmotoren nach den Zeichnungen von Fried. Krupp. Es handelte sich dabei um Motoren der Baugröße 26/41 (Bohrung / Kolbenhub) mit einer Leistung von je 20 PS bei 170 U/min.
Wegen des Brandes in der Magdeburger Montagehalle konnten sie jedoch nicht mehr im Grusonwerk fertiggestellt werden. Dies geschah dann bei Fried. Krupp in Essen (dort entschloss man sich im
Herbst 1899 ebenfalls zu einer Aufgabe des Dieselmotorenbaues, siehe Teil 1). Über die Geschichte dieser beiden Dieselmotoren ist heute, fast 120 Jahre nach ihrer Fertigstellung in Essen, leider
kaum etwas bekannt, außer dass sie zwischen 1900 und 1919 in der Krupp’schen Eisenbahn-Reparaturwerkstatt in Essen im Fabrikbetrieb liefen. Was mit ihnen nach 1919 geschah, ist nicht mehr
überliefert.
Hatte der Dieselmotor 35/55 aus Magdeburg noch einen Bruder?
Insgesamt hat also die eigentliche aktive Dieselmotoren-Phase des Krupp-Grusonwerks in Magdeburg-Buckau nur wenig länger als ein Jahr gedauert. Während dieser Zeit wurde, wie hier beschrieben ist, nur ein Dieselmotor vollständig gebaut und auf dem werkseigenen Probestand eingefahren.
Bekannt ist noch, dass im Magdeburger Konstruktionsbüro 1898 zuletzt noch ein stehender und ein
liegender 15-PS-Dieselmotor jeweils ohne Kreuzkopf durchkonstruiert, aber wegen Aufgabe und des Verkaufs der Motorenabteilung an MAN Nürnberg nicht mehr realisiert wurde.
In zwei Veröffentlichungen aus den frühen 1960er-Jahren (Sass 1962 und Brandenburg 1963) wird erwähnt, dass im Magdeburger Grusonwerk zwei 50-PS-Motoren und nicht nur einer hergestellt wurden: der eine ging wie bekannt an die Hamburger Norderwerft (siehe oben), der andere soll etwa im Jahr 1907 nach Colombo verkauft worden sein, ohne dass allerdings weitere Hinweise dazu vorliegen. Für diese Angabe fand der Autor dieses Artikels im Verlauf seiner mehrmonatigen Recherche allerdings keine weitere Bestätigung; auch die beiden Autoren Sass und Brandenburg geben keine Primär-Veröffentlichung als Beweis an.
Nach dem vorliegenden Quellenmaterial ist es nach Meinung des Autors schon aus firmenpolitischen Gründen unwahrscheinlich, dass in Magdeburg noch ein zweiter 50-PS-Motor 35/55 produziert, eingefahren und verkauft wurde. Denn schon Ende August 1898, als der fertig gestellte Motor 35/55 für die Norderwerft auf den Magdeburger Probestand kam, war die Motoren-Montagehalle des Grusonwerks abgebrannt; zur gleichen Zeit dürften auch die ersten Übernahmegespräche mit MAN-Nürnberg begonnen haben. Auch die Herstellung der beiden 26/41-Dieselmotoren konnte im zweiten Halbjahr 1898, wie oben berichtet, nicht mehr in Magdeburg abgeschlossen werden.
Hauptargument gegen einen zweiten Motor 35/55 des Grusonwerks ist die Veröffentlichung von Wilhelm Worsoe (Worsoe 1933). Worsoe gilt als wichtiger Zeitzeuge des damaligen Krupp’schen Dieselmotorenprogrammes: er war bis Juni 1897 bei Fried. Krupp in Essen beschäftigt, danach als maßgeblicher Motoreningenieur im Krupp-Grusonwerk in Magdeburg. In seiner Veröffentlichung geht er auf alle von Krupp gebauten Dieselmotoren aus der Zeit 1897-1899 ein, aber einen zweiten 50-PS-Dieselmotor 35/55 aus Magdeburger Fertigung erwähnt er allerdings nicht. Auch in dem Krupp-Firmenkatalog aus dem Jahr 1925 ist nur ein einziger 50-PS-Motor gelistet (Fried. Krupp 1925).
Die Erwähnung dieses „Colombo-Motors“ in der erst Jahrzehnte später, nämlich 1962, erschienenen Publikation von F. Sass geht
deshalb vermutlich auf ein falsch interpretiertes Dokument zurück. C. Brandenburg dürfte diese Aussage in seinem ein Jahr später publizierten Zeitschriftenartikel übernommen haben.
Fazit
Nach derzeitigem Wissensstand gab es in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts insgesamt acht frühe Krupp-Einzylinder-Dieselmotoren. Vier davon wurden in Essen gebaut, einer in Wien in Österreich und drei in Magdeburg, wobei die beiden in Magdeburg begonnenen Dieselmotoren 26/41 in Essen fertiggestellt werden mussten.
Sollten sich doch noch sichere Hinweise für die Existenz eines neunten Krupp-Dieselmotors aus der Zeit 1897-1899 finden lassen,
wird in dieser Website darüber berichtet werden.
Danksagung
Zu Dank verpflichtet bin ich in erster Linie dem Archiv des Deutschen Museums in München und dem Historischen MAN-Archiv in Augsburg für die Möglichkeit, zum obigen Thema in den jeweiligen Archivbeständen recherchieren zu können. Weiter schuldet der Autor folgenden Stellen, Firmen und Privatpersonen Dank für die Beantwortung von Recherche-Anfragen (in alphabetischer Reihenfolge):
Berndorf Aktiengesellschaft, Berndorf, Österreich
Deutsches Museum München, Abteilung Kraftmaschinen
Heinrich N. Clausen GmbH & Co KG, Mühle und E-Werk, Satrup
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Historisches Archiv Krupp, Essen
Just Heinz, Technikmuseum Magdeburg
Ruhr Museum, Essen
Steigenberger Conti Hansa Hotel, Kiel
Universitätsarchiv der TU Dresden
Universitätsarchiv der Universität Berlin
Literatur:
Brandenburg C. (1963): Zum 50jährigen Todestag des großen deutschen Erfinders: Rudolf Diesel und die Firma Krupp. Beilage zu den Werkszeitschriften des Krupp-Konzerns, Ausgabe Dezember 1963
Clausen Heinrich N. (1994): 100 Jahre Heinrich N. Clausen Satrup. Firmenchronik 1894-1994, Satrup
Diesel Eugen (1937): Diesel – Der Mensch, Das Werk, Das Schicksal. Einmalige Ausgabe Deutsche Hausbücherei Hamburg/Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg
Diesel Rudolf (1913): Die Entstehung des Dieselmotors. Julius Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg New York; unveränderter Nachdruck 1984 durch den Steiger-Verlag, Moers, ISBN 3-921564-70-0
Formular 111 (1897/98): Wärme-Motor Patent Diesel für Betrieb mit Petroleum, Benzin, Solaröl und anderen Kohlenwasserstoffen. Fried. Krupp Ruhr-Essen und Fried. Krupp Grusonwerk Magdeburg-Buckau, Firmenprospekt
Fried. Krupp AG (1925): Firmenkatalog „Krupp-Motoren“, Essen
Freytag Fr. (1899): Die Gaskraftmaschinen auf der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung zu München 1898. Band 312, Fortsetzung und Schluss, Polytechnisches Journal S. 38-43
Köhler Horst (2012): Rudolf Diesel – Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. Context-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-939645-57-3
Köhler Horst (2015): Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit. Erschienen im Eigenverlag des Autors (vergriffen)
Meyer Otto (1939): Schreiben an Prof. Dr. C. Matschoss vom 16. Dezember
Meyer Paul (1913): Beiträge zur Geschichte des Dieselmotors. Berlin
Möller Eberhard und Brack Werner (1998): Dieselmotoren für fünf deutsche Marinen. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg-Berlin-Bonn, ISBN 3-8132-0566-5
Sass Friedrich (1962): Geschichte des deutschen Verbrennungsmotorenbaues von 1860 bis 1918. Springer-Verlag Berlin Heidelberg
Steigenberger Conti Hansa (2017): Die Geschichte des Steigenberger Conti-Hansa, Chronik
Worsoe Wilhelm (1933): Die Mitarbeit der Werke Fried. Krupp an der Entstehung des Dieselmotors in den Jahren 1893/97 und an der Anfangs-Entwicklung in den Jahren 1897/99. Fried. Krupp Germaniawerft, Kiel
Worsoe Wilhelm (1937): Bericht über den Besuch in der Urkundensammlung der Bibliothek des Deutschen Museums in München vom 9.6. – 21.7.1939. Fried. Krupp Germaniawerft
Worsoe Wilhelm (1940): Bericht über den Besuch in der Urkundensammlung der Bibliothek des Deutschen Museums in München vom 9.6. – 21.7.1939. Dokument im Historischen MAN-Archiv
Dieser Beitrag wurde am 5. August 2017 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg

Einleitung
Rudolf Diesel hat nach einer im
Augsburger Historischen MAN-Archiv vorliegenden Aufstellung zwischen Februar 1893 und September 1898 insgesamt 24 Lizenzverträge mit in- und ausländischen Firmen abgeschlossen, davon sieben
allein in 1897. Auf die für ihn wichtigsten wird im nachfolgenden Beitrag näher eingegangen.
Das Jahr 1892 war für den Erfinder Rudolf Diesel, der seit zwei Jahren als Leiter der Berliner Vertretung der Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen AG tätig war, zunächst von vielen
Enttäuschungen geprägt. Sein Chef und früherer Professor aus der Münchner Studienzeit, Prof. Carl Linde (ab 1897 Carl von Linde), war an Diesels Erfindung nicht interessiert. Im Gegenteil, er gab
Rudolf Diesel deutlich zu verstehen, dass er eine weitere nebenberufliche Tätigkeit seines Angestellten nicht akzeptiert. Diesels am 28.2.1892 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin eingereichte
Patentanmeldung zog einen umfangreichen Schriftwechsel mit dem an der Erfindung zweifelnden Berliner Patentamt und mehrere Neufassungen nach sich, bis es endlich am 23.2.1893 unter der Nummer DRP
67207 erteilt wurde (rückwirkend zum 28.2.1892). Diesels an mehrere Fabriken gerichtete Vorschläge, ihm seinen Motor nach seinen Zeichnungen zu bauen, blieben erfolglos. Auch sein am 7.3.1892 an
die Maschinenfabrik Augsburg gerichteter Vorschlag, einen Versuchsmotor zu bauen, wurde wegen des sehr hohen von ihm vorgegebenen Prozessdruckes am 2.4.1892 von Generaldirektor Heinrich Buz
abschlägig beschieden (siehe Bild 1). Erst Diesels sofortiger Einwand, dass der Motor nach neueren Studien auch bei niedrigeren Höchstdrücken (ca. 44 bar mit einer zugehörigen Maximaltemperatur
von 600 °C) funktionieren würde und er mit einem Motorbetrieb mit flüssigen Kraftstoffen anstatt des von ihm favorisierten Kohlenstaub-Motors einverstanden sei, führte bei der Maschinenfabrik
Augsburg zu einem Umdenken. Datiert vom 20.4.1892 erhielt Diesel eine noch sehr vorsichtig formulierte Teilzusage von Heinrich Buz, der sich nunmehr bereit zeigte, eine Versuchsmaschine zu bauen
(Simon 2009; Köhler 2012/2015).

Charakteristisch für Rudolf Diesel war, dass er mit diesem für ihn eigentlich erfreulichen Zwischenbescheid unzufrieden war,
erhoffte er sich doch schon zu diesem Zeitpunkt einen bindenden Festvertrag. So blieb er auch weiterhin mit dem Stahlgussunternehmen Fried. Krupp in Essen in Kontakt.
21. Februar 1893: Vertrag Maschinenfabrik Augsburg mit Rudolf Diesel (Bild 2)
Der Maschinenfabrik Augsburg waren Diesels Kontakte mit Krupp bekannt und sah sich nun unter einem gewissen Zugzwang. Denn eine erste Besprechung zwischen Diesel und Krupp hatte bereits am 31.1.1893 in Essen stattgefunden. So kam es zwischen Heinrich Buz und Rudolf Diesel am 21.2.1893, nur zwei Tage vor Eingang der Patenturkunde (der Erfinder wusste bereits seit dem 23.12.1892 durch einen Vorabbescheid des Patentamtes, dass das Patent erteilt wird) zur Unterzeichnung eines ersten offiziellen Vertrages zwischen dem Augsburger Unternehmen und dem Erfinder. Dieser Vertrag war zuvor auf Wunsch von Diesel mehrfach abgeändert worden.
Die wichtigsten Vereinbarungen:
- Augsburg verpflichtet sich, nach Angaben des Erfinders innerhalb von sechs Monaten einen Versuchsmotor von ca. 4 PS Leistung zu bauen und „alsdann die Versuche sofort vorzunehmen“.
- Für jeden durch die Maschinenfabrik Augsburg nach Aufnahme der Serienfertigung verkauften Motor wird eine Lizenzgebühr in Höhe von 25 % vom Netto-Verkaufspreis für Rudolf Diesel fällig.
- Das Augsburger Unternehmen erhält die Ausführungs- und Verkaufsrechte für Bayern, Rheinpfalz, für Württemberg und für Baden. Rudolf Diesel darf als Patentinhaber das Ausführungs- und Verkaufsrecht auch auf die anderen Länder des Deutschen Reiches übertragen, d.h. Lizenzen dorthin vergeben. Dabei muss er jedoch von diesen deutschen Lizenznehmern eine Patentprämie von mindestens 37,5 % vom Verkaufspreis fordern.
Im Ausland darf Diesel Lizenzen frei vergeben.
- Es gab mit § 7 einen Passus für den Fall von Zuwiderhandlungen gegen die Vertragsbestimmungen: „beide vertragschließenden Theile unterwerfen sich gegenseitig einer Conventional-Strafe von Mark 50.000 für jeden einzelnen Fall“.
- Der letzte Paragraph, § 9, regelte die Situation für den Fall, dass Rudolf Diesel sein Patent Nr. 67207 verkauft: „Wenn Herr Diesel oder seine Rechtsnachfolger das genannte Patent DRP 67207 verkaufen sollten, dann bleibt der jeweilige Patent-Inhaber stets an die Bedingungen des vorliegende Vertrages gebunden“ (Köhler 2012/2015).
16. Mai 1893: Vertrag Gebr. Sulzer, Schweiz mit Rudolf Diesel
Rudolf Diesel wollte neben der Maschinenfabrik Augsburg und Fried. Krupp auch das schweizerische Unternehmen Gebr. Sulzer in Winterthur für sein Vorhaben gewinnen. Auf Vermittlung von Carl Linde hatte der junge Rudolf Diesel ab Oktober 1879 dort für einige Monate als Praktikant gearbeitet, bis er, im Januar 1880, seine wegen einer Krankheit versäumte Abschlussprüfung an der TH München nachholen konnte.
Am 26.2.1893 schrieb Rudolf Diesel an Sulzer: „Es liegt sicherlich auch im Interesse aller Beteiligten, daß nur wenige,
aber hervorragende Firmen die ganze Sache in Händen behalten und auf Grund gegenseitiger Einigungen jede Konkurrenz ausgeschlossen bleibt; auf diese Weise kann sich ein großartiges Weltgeschäft
in aller Ruhe ausbilden“ (Diesel Eugen 1937/40). Gebr. Sulzer verhielten sich allerdings abwartend und schlossen am 16.5.1893 mit Rudolf Diesel
lediglich einen unverbindlichen Optionsvertrag. Dieser ist mit dem Vertrag mit der Maschinenfabrik Augsburg in keiner Weise zu vergleichen; er stellte aber eine moralische Stütze für Diesel dar
(Diesel Eugen 1937/40; Reuss 1993). Gegenstand der Vereinbarung: gegen Zahlung einer Summe von 10.000
Mark erhält Sulzer das Recht, nach Abschluss der Augsburger Motorversuche entweder vom Vertrag zurückzutreten oder diesen in einen Lizenzvertrag umzuwandeln und in die Fertigung einzusteigen.
Sulzer war nicht zu Versuchsarbeiten verpflichtet.
Das schweizer Unternehmen überlegte lange. Erst mehrere Monate nach der historisch bedeutenden Abnahme des dritten
Versuchsmotors 25/40-A der Maschinenfabrik Augsburg (vom 17.2.1897) begann Sulzer mit dem Bau eines Diesel-Versuchsmotors 26/41 mit 20 PS Leistung bei 160 U/min, der am 10.6.1898 erstmals
angefahren wurde. Die Dieselmotoren-Serienfertigung wurde jedoch erst im Frühjahr 1903 aufgenommen. Interessant: zuvor wünschten Gebr. Sulzer ausschließlich Dieselmotoren der Gasmotoren-Fabrik
Deutz, was freilich wegen der (vorübergehenden) Deutzer Aufgabe des Dieselmotorenbaues nicht zu realisieren war (Reuss 1993).
10. April 1893: Vertrag Fried. Krupp mit Rudolf Diesel
Der für Rudolf Diesel zweitwichtigste Vertrag war der, den er mit dem Unternehmen Fried. Krupp in Essen abschloss. Das Vertragswerk wurde nach einigen vorausgegangenen Abstimmungsgesprächen zwischen der Maschinenfabrik Augsburg, Krupp und dem Erfinder am 10.4.1893 in Essen unterzeichnet.
- Wichtigster Vertragspunkt: Diesel tritt sein deutsches und sein österreichisch-ungarisches Patent DRP 67207 vollständig an Krupp ab. Dies bedeutete, dass nur noch Krupp - unter Berücksichtigung der Rechte der Maschinenfabrik Augsburg - innerhalb Deutschlands sowie in Österreich-Ungarn Lizenzen vergeben durfte.
- Krupp verpflichtet sich zum Bau eines eigenen Versuchs-Dieselmotors, allerdings ohne eine feste Terminzusage (tatsächlich baute Krupp seinen ersten Versuchsmotor 26/41 mit 20 PS Leistung bei 170 U/min erst vier Jahre später; siehe den Beitrag „Neue Recherche: Die ersten Krupp-Dieselmotoren 1897-1899, Teil 1“ in dieser Rubrik)
- Als Gegenleistung für die Abtretung Diesels Hauptpatentes erklärt sich Krupp bereit, dem Erfinder für die Dauer der Versuchszeit ein jährliches Gehalt von 30.000 Mark zu bezahlen.
- Ab dem Beginn der Motoren-Serienfertigung bei Krupp erhält Diesel anstelle des Jahresgehaltes eine Lizenzgebühr in Höhe
von 37,5 % vom Preis eines jeden verkauften Motors.
Lizenzprämien von 37,5 % müssen, sowohl aus damaliger und erst recht aus heutiger Sicht, als massiv überhöht bezeichnet werden – nicht umsonst beklagte sich Krupp über „die recht hohen Forderungen des Herrn Diesel“. Schwer vorstellbar, dass derartige Konditionen bei den anfangs ohnehin noch sehr hohen Motor-Herstellkosten und damit hohen Verkaufspreisen die Einführung des neuen Dieselmotors erleichtert haben. Dies haben wohl nach einiger Zeit alle drei handelnden Akteure, die Maschinenfabrik Augsburg, Krupp und R. Diesel, eingesehen, denn bei gemeinsamen Verhandlungen etwa vier Jahre später, am 11.3.1897 in Essen, wurde die Lizenzgebühr auf ein erträgliches Maß abgesenkt, siehe unten. Es ist davon auszugehen, dass die Lizenzprämien von 25 und 37,5 % ohnehin nur auf dem Papier standen und nie bezahlt wurden.

Rudolf Diesel hatte mit seinen Verträgen in den ersten Monaten des Jahres 1893 alles erreicht, was er sich wünschte: die Zusage
für den Bau und die Entwicklung des Dieselmotors, ein festes, durchaus ansehnliches Jahresgehalt während der Entwicklungszeit seines Motors und die Aussicht auf hohe Lizenzeinnahmen bei Aufnahme
der Serienfertigung. So kündigte er im April des gleichen Jahres sein Arbeitsverhältnis bei Carl Linde und arbeitete ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem Tod als freier Erfinder, zunächst noch von
Berlin aus. Wenn er in Augsburg zu tun hatte, wohnte er zwischen 1893/94 und 1897 zur Untermiete bei seinem früheren Pflegeonkel und ehemaligen Lehrer Christoph Barnickel und dessen Familie im
Augsburger Springergässchen 8 im Domviertel (Bild 3). Der verwitwete Barnickel hatte 1883 als 50-Jähriger die um 27 Jahre jüngere Schwester Emma von Rudolf Diesel geheiratet und war auf diese
Weise zum Schwager des Erfinders geworden.
Diesel ging weder mit der Maschinenfabrik Augsburg noch mit Krupp oder mit einem anderen Unternehmen ein Angestelltenverhältnis ein. Schon im April 1894 schloss er erste Lizenzverträge mit Frédéric Dyckhoff in Bar-le-Duc (Frankreich) und mit Carels Frères in Gent (Belgien) ab. Weitere (lukrative) Verträge folgen 1897 und 1898 mit Firmen in England, Nordamerika (Bild 4), Dänemark, Schweden und Russland.
Dass sich die Lage einige Jahre später aus ganz unterschiedlichen Gründen grundlegend änderte und Diesel an den Rand der Insolvenz brachte (Köhler, 2012/2015), konnte der Erfinder zum damaligen Zeitpunkt, im Jahr 1893, nicht im Geringsten ahnen.

25. April 1893: Vertrag zwischen der Maschinenfabrik Augsburg und Krupp
In diesem Konsortialvertrag (Gemeinschaftsvertrag) vom 25.4.1893 kamen die Maschinenfabrik Augsburg und das Unternehmen Fried. Krupp in Essen überein, das Diesel-Patent 67207 gemeinschaftlich zu verwerten und sich gleichzeitig vor einem Wettbewerb zu schützen. Niemand sonst außer der Maschinenfabrik Augsburg und Krupp sollte für die Dauer der Laufzeit des Diesel-Patentes berechtigt sein, in Deutschland Dieselmotoren herzustellen und zu vertreiben. Die wesentlichen Vertragsinhalte:
- Beide Firmen gehen bei den Entwicklungsversuchen des neuen Motors Hand in Hand, tauschen alle ihre Erfahrungen und Ergebnisse gegenseitig aus und verwerten kostenlos alle Patente, die zur Weiterentwicklung und Verbesserung der Motoren eingereicht und erteilt werden;
- Beide Partner verpflichten sich, die noch anfallenden Patentkosten jeweils zur Hälfte zu übernehmen;
- Der Netto-Gewinn aus dem Dieselgeschäft, also auch der Gewinn der an Dritte erteilte Lizenzen, wird gleichmäßig zwischen beiden Unternehmen aufgeteilt; zuvor werden die entstandenen Entwicklungs- und Versuchskosten und die an Diesel zu zahlenden Patentgebühren vom Rohgewinn abgezogen;
- Krupp übernimmt das jährliche Gehalt von 30.000 Mark für Rudolf Diesel allein und bezahlt außerdem die Reisekosten für Rudolf Diesel (bis zu dessen Umzug von Berlin nach München im Dezember 1895) und die Umzugskosten für die fünfköpfige Familie Diesel nach München. Dagegen erhält Krupp das alleinige Recht der Verwertung des Patentrechtes für Österreich-Ungarn;
- Die Lizenzvergabe an Dritte, die - in Deutschland - nach den Verträgen mit Diesel nur der Firma Krupp zusteht, bedarf der Einwilligung der Maschinenfabrik Augsburg;
Der Vertrag zwischen der Maschinenfabrik Augsburg und Rudolf Diesel bezog sich nur auf stationäre Motoren, während der Vertrag
mit Krupp auch die mobilen Motoren (Schiffsmaschinen, Lokomotiven) umfasste.
Wie sich in den folgenden Jahren zeigen sollte, sind beide Unternehmen trotz mancher unterschiedlicher Vorstellungen fast
freundschaftlich miteinander umgegangen, haben sich bei den Motorversuchen weitestgehend gegenseitig unterstützt und ihren Vertrag jeweils äußerst loyal erfüllt. Dies zeigte sich durch eine Reihe
gemeinschaftlicher Veröffentlichungen und Patentanmeldungen. Fried. Krupp hätte von der Vereinbarung insofern profitiert, als die Schlechterstellung des Essener Unternehmens beim Motorenverkauf
(hohe Lizenzgebühr !) durch die Gewinnteilung kompensiert worden wäre. Dass es jedoch de facto gar nicht so weit kam, weil Krupp den Dieselmotorenbau 1898/99 sowohl in Magdeburg als auch in Essen
wieder einstellte, konnte bei Vertragsabschluss niemand wissen.
11. März 1897: Vertrag zwischen Diesel und der Maschinenfabrik Augsburg und Krupp
Mit der Abnahme des Augsburger Versuchs-Dieselmotors 25/40-A durch Prof. Moritz Schröter am 17.2.1897 waren entscheidende Punkte der Vertragsvereinbarungen aus dem Jahr 1893 erfüllt; die Versuchszeit konnte als abgeschlossen angesehen werden und die Vermarktung des Dieselmotors beginnen (Bild 5). An Anfragen von potentiellen Lizenznehmern und Kunden fehlte es nicht, doch schon bald zeigte sich, dass sich die hohen Lizenzprämien negativ auf die Verkaufstätigkeit auswirken. Die drei Kooperationspartner waren daher daran interessiert, die Lizenzprämien deutlich zu senken. Auch Diesel drängte auf einen neuen Vertrag, weil mit Abschluss der Motorerprobung die Krupp-Zahlungen von 30.000 Mark für ihn aufhörten.
- So werden in dem neuen Vertragswerk vom 11.3.1897 die überhöhten Lizenzprämien von 35,5 bzw. 25 % (siehe oben) auf einen als „normal“ angesehenen Satz von 5 % gesenkt.
- Dem Erfinder wird außerdem für weitere fünf Jahre, also bis 1901/02, ein jährliches Mindestgehalt von 30.000 Mark zugesagt, wobei Augsburg und Krupp sich diese Summe hälftig teilten.
- Die Lizenz-Anzahlungen bei neu abgeschlossenen Lizenzverträgen sollen gleichmäßig unter den drei Vertragsunterzeichnern aufgeteilt werden, so dass das Jahresgehalt von Rudolf Diesel im günstigen Fall bis auf 50.000 Mark steigen kann.
- Diesel verpflichtet sich, die Maschinenfabrik Augsburg und Krupp durch seinen Rat und seine Mitarbeit zu unterstützen.
Das Konsortium Maschinenfabrik Augsburg – Krupp erteilte im Juli 1897 seine ersten inländischen Lizenzen an die Gasmotoren-Fabrik Deutz und an die Nürnberger Actien-Gesellschaft (ab Dezember 1898: MAN Werk Nürnberg).

22. April 1897: Zusatzvertrag zum Vertrag vom 11.3.1897
Aufgrund eines Vorschlages von Rudolf Diesel kam es am 22.4.1897 zu einem Zusatzabkommen der drei Partner, der Diesels ohnehin
schon sehr stattliches Einkommen noch weiter erhöhte. Beide Firmen waren damit einverstanden, die Lizenzgebühren an Diesel auch für Motoren zu bezahlen, die in ihren eigenen Fabriken aufgestellt
wurden, ihm für die Dauer von zwei Jahren einen Bürokostenzuschuss von jährlich 4.000 Mark zu gewähren und die Kosten für das deutsche Hauptpatent DRP 67207 zu übernehmen.
Doch Diesel konnte sich an diesen sehr hohen Einkünften nur 1 ½ Jahre lang erfreuen, weil er am 17.9.1898 seine Rechte aus dem
Vertrag an die neu gegründete Augsburger „Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren A.G.“ abtrat, was sich im Nachhinein als schwerer Fehler herausstellen sollte. Immerhin erhielt er für die
kurze Zeit bis zum 30.6.1898 incl. der Anzahlungen der deutschen Lizenzträger 185.000 Mark (Schnauffer 1956). Nicht unerwähnt darf bleiben, dass der
Erfinder durch den Verkauf seiner ausländischen Patente weitere Einnahmen in ganz anderer Größenordnung generierte, so dass er schon bald mehrfacher Millionär war (Köhler 2012/2015). Dieses Einkommen muss zu den allgemeinen Lebenshaltungskosten der damaligen Zeit in Relation gesehen werden. So lag die Jahresmiete im Jahr
1897 in Augsburg für eine Dreizimmer-Wohnung je nach Lage und Größe zwischen 250 und 300 Mark und ein guter Vorarbeiter verdiente bei der Maschinenfabrik Augsburg im Jahr 1.560 Mark (Köhler 2012/2015).
Literatur:
Diesel Eugen (1937/40): Diesel – Der Mensch Das Werk Das Schicksal. Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg
Diesel Eugen und Strössner Georg (1950): Kampf um eine Maschine: Die ersten Dieselmotoren in Amerika. Erich Schmidt-Verlag Berlin-Bielefeld-München
Köhler Horst (2012/2015): Rudolf Diesel: Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. Context-Verlag Augsburg, 2. Auflage Dezember 2015, ISBN 978-3-939645-57-3
Reuss Hans-Jürgen (1993): Hundert Jahre Dieselmotor: Idee, Patente, Lizenzen, Verbreitung. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co., Stuttgart, ISBN 3-440-06641-X
Schnauffer Karl (1956): Lizenzverträge und Erstentwicklungen des Dieselmotors im In- und Ausland 1893-1909. Historisches MAN-Archiv Augsburg
Simon Gerlinde (2009): Rudolf Diesel und die MAN. Forschungsbericht „Ingenieurwesen und Technikgeschichte“, Hochschule Augsburg
Dieser Beitrag wurde am 7. September 2017 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg

Einleitung
Die 5. Pariser Weltausstellung (Bild 1) fand vom 15. April bis 12. November 1900 auf dem „Marsfeld“ (Champ de Mars) und auf dem 11 km entfernten Annexgelände Vincennes im Südosten der Stadt statt. Etwa 76.000 Aussteller kamen aus 40 Ländern; sie zeigten mehr als 83.000 Exponate. Die 212 Tage dauernde Leistungsschau zog fast 50 Millionen Menschen aus aller Welt an; eine derartig hohe Besucherzahl wurde bei keiner der in den nächsten sechs Jahrzehnten nachfolgenden Weltausstellungen mehr erreicht.
Im Rahmen der 5. Weltausstellung fanden zwischen Mai und Oktober 1900 auch die Olympischen Spiele statt; sie fanden allerdings wegen ihrer überlangen Dauer nur geringe Publikumsbeachtung.
Die Dieselmotoren in der Pariser Weltausstellung
Im Vergleich zu den zahlreichen gezeigten Dampfmaschinen und Gas- und Ottomotoren waren nur wenige Dieselmotoren ausgestellt. Dies ist eigentlich aus heutiger Sicht nicht sehr überraschend, denn der Dieselmotor befand sich noch kurz vorher, während der zweijährigen Messevorbereitungszeit 1898/99, in einem regelrechten Tief. Die ersten in diesen Jahren an die Kunden ausgelieferten Serien-Dieselmotoren der meisten Hersteller hielten nicht, was man von ihnen erwartete; sie waren noch nicht reif für den harten Alltagsbetrieb unter der Betreuung eines meist wenig oder gänzlich ungeschulten Personals. Verständlicherweise standen deshalb die Dieselmotoren in Paris unter einer ganz besonderen Aufmerksamkeit des fachkundigen und zugleich kritischen Publikums und der potentiellen Kunden aus aller Welt.
Diese „Dieselkrise“, bei der viele Fabriken ihre gerade mit großer Zuversicht begonnene Dieselmotoren-Fabrikation schon nach kurzer Zeit wieder einstellten, war wohl der Grund dafür, dass schon im Planungsstadium der Weltmesse nur wenige Unternehmen bereit waren, einen Dieselmotor auszustellen (Bild 2 und 3). Auch die MAN in Augsburg sagte zunächst ab (Bild 2, Pos. 1), revidierte dann aber als Dieselmotoren-Lizenzgeber ihr anfängliches Nein, vermutlich wegen der vielen Absagen durch andere Hersteller.


Zwei offene Fragen
Wer in historischen Unterlagen recherchiert, wird rasch feststellen, dass in Paris ein Grand Prix „für den Dieselmotor“ vergeben wurde. Einigen Quellen zufolge, zum Beispiel in der technikhistorischen Einführung in dem bibliophilen Nachdruck von Rudolf Diesels Buch aus dem Jahr 1984 [Diesel 1913], erhielt der Erfinder Rudolf Diesel die Auszeichnung, anderen Quellen zufolge einer der Dieselmotoren-Aussteller; nach wieder anderen Quellen der Dieselmotor ganz allgemein als neuartige und effiziente Verbrennungskraftmaschine. Was stimmt?
Offen ist noch ein weiterer Punkt: der ausgestellte kleine 8-PS-Dieselmotor eines französischen Herstellers lief zum ersten Mal in der Geschichte des Dieselmotorenbaues vor Publikum mit Erdnussöl (Arachidöl), also einem Pflanzenöl [Diesel 1913]. Unklar ist jedoch bis jetzt, ob er wirklich bei jeder der täglichen öffentlichen Vorführungen mit Erdnussöl lief und ob er vom Hersteller im Vorfeld für diesen Kraftstoff optimiert wurde oder nicht.
Gemäß [Elsbett 2003] kann ein Motorenbetrieb mit Erdnussöl in Paris im Jahr 1900
schon deshalb nicht möglich gewesen sein, weil die Beschaffung der dafür benötigen (großen ?) Menge an Erdnussöl nicht möglich war. Mehr zu diesen offenen Fragen weiter unten in diesem
Artikel.
Dieselmotoren auf der Pariser Weltausstellung 1900
Im Ausstellungsteil Vincennes waren zu sehen:
- ein 60-PS-Zweizylinder-Dieselmotor 30/46 (Bohrung/Hub in cm) der MAN, der mittels Riemen eine Lichtmaschine der Kölner Firma Helios Elektrizitäts-Aktiengesellschaft antrieb (Bild 4),
- ein 40-PS-Zweizylinder-Dieselmotor der französischen Dieselmotoren-Gesellschaft Société Française des Moteurs R. Diesel aus Bar-le-Duc in Frankreich (kurz: Société Française); dieser Motor, der wohl aus zwei miteinander verbundenen 20-PS-Serienmotoren bestand, war an eine Dynamomaschine gekuppelt, die elektrisches Licht in der Ausstellungshalle erzeugte, und
- ein 8-PS-Einzylindermotor der französischen Otto-Gesellschaft (Société des Moteurs à Gaz et d’Industrie Automobile – Marques Otto), der direkt mit einer rotierenden Brackemann-Wasserpumpe gekuppelt war.
Die französische Otto-Gesellschaft hatte Lizenzen von drei Lizenzgebern: der Société Française, der Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren AG in Augsburg und der Gasmotoren-Fabrik Deutz.

Die französische Dieselmotoren-Gesellschaft (Société Française) wollte ursprünglich in Paris außer ihrem 40-PS-Motor noch zwei
weitere Dieselmotoren ausstellen, für die die Fundamente in Paris bereits fertiggestellt waren: einen Zweitakt-Dieselmotor und einen umsteuerbaren dreizylindrigen Schiffs-Dieselmotor mit 15 PS
Leistung (Bohrung und Hub jeweils 13,2 cm) bei der für damalige Verhältnisse recht hohen Drehzahl von 600 U/min. Letztlich kam man aber davon ab [Diesel
1900]. Der Zweitaktmotor wäre bei evtl. Kundenbestellungen noch nicht in einer Serienausführung lieferbar gewesen, ganz abgesehen davon, dass die Lizenznehmer noch genügend fertige, aber
unverkaufte Viertaktmotoren in ihrem Bestand hatten. Auf den Schiffsmotor, der nach dem 5-PS-Motor der Diesel-Motor-Company (USA) zweite umsteuerbare Dieselmotor der tatsächlich lief (wie der
amerikanische Motor auch nur auf dem Teststand), wurde verzichtet, weil in unmittelbarer Umgebung des vorgesehenen Aufstellplatzes umfangreiche Erdarbeiten erfolgten, die einen Motorbetrieb
gefährdet hätten.
Außer diesen drei Dieselmotoren im Außengelände Vincennes waren im Hauptausstellungsgelände auf dem „Marsfeld“ zwei weitere
Dieselmotoren zu sehen: ein zweiter Dieselmotor der Société Française mit vermutlich 15 PS Leistung sowie ein weiterer der französischen Otto-Gesellschaft mit heute nicht mehr bekannter Leistung.
Beide Motoren waren allerdings nicht fertig montiert, weil es die Ausstellungsleitung untersagte, nach der Eröffnung der Weltmesse die noch fehlenden Teile vor Ort einzubauen. Ein Betrieb der
beiden Dieselmotoren wäre aber ohnehin nicht möglich gewesen, weil es auf dem Champ de Mars verboten war, Verbrennungsmotoren laufen zu lassen. Die kritische Meinung von Rudolf Diesel dazu
[Diesel 1900]: „Aus diesem Grunde wäre es besser gewesen, wenn die Motoren auf dem Champ de Mars überhaupt nicht zur Aufstellung gekommen
wären“.
Im Gegensatz dazu durften die drei Dieselmotoren in Paris-Vincennes im Betrieb vorgeführt werden, wobei Rudolf Diesel während
seines Aufenthalts in Paris Erläuterungen dazu abgab. Dies geschah täglich zwischen 13 und 17 Uhr, wobei die Besucher laut Diesel den „ruhigen Gang und den tadellosen Auspuff“ bestaunen
konnten. Der Erfinder war aber nicht nur vom Champ de Mars, sondern auch von Vincennes enttäuscht, weil die dortigen Hallen nicht rechtzeitig fertig wurden, viele Aussteller „ihre Kisten
wieder einpackten und ganz auf die Ausstellung verzichteten und insgesamt bis auf den engen Kreis von Spezialisten nur wenige Besucher nach Vincennes kamen“ [Diesel 1900]. Diesel wörtlich weiter: „Vincennes ist nach jeder Richtung hin als verfehlt zu betrachten, worüber in Pariser und ausländischen Zeitungen
täglich lange Klageartikel zu lesen sind, und es ist tief zu bedauern, dass infolge eines unsinnigen Reglements unsere Motoren nach diesem Teil der Ausstellung versetzt wurden“.
Grand Prix auf der Weltausstellung 1900: Für was oder an wen verliehen?
Eine Jury sollte die drei Dieselmotoren in Vincennes bewerten. Dabei kam es schon vor der Begutachtung zu kontroversen Diskussionen. Der Grund: Vertreter von zwei Ausstellern, nämlich von der MAN und von der französischen Otto-Gesellschaft, saßen mit in der Jury, was dem Reglement widersprach. Die Société Française hatte zwar keinen eigenen Vertreter in der Jury, stand aber wiederum mit der französischen Otto-Gesellschaft in intensiver geschäftlicher Verbindung.
Am 30. Juni 1900, einem Sonntag, war es dann so weit. Rudolf Diesel hatte es übernommen, den Jurymitgliedern die drei Motoren vorzuführen und zu erklären. Zwei Stunden soll die Präsentation gedauert haben. Diesel selbst hat das Ergebnis der Jury-Bewertung wohl nicht mehr vor Ort erfahren, da er zu einem Vortrag abreisen musste.

Im August 1900 gab die Augsburger Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren A.-G. mit ihrem Formular No 201 (Bild 5) ihren Kunden und Geschäftsfreunden bekannt, dass „der Dieselmotor“ auf der Weltausstellung in Paris die Note 24 erhielt und damit mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Nur ein ebenfalls mit dem Grand Prix ausgezeichneter großer Gasmotor des belgischen Unternehmers John Cockerill habe mit der Note 28 noch besser abgeschnitten.
Zunächst einmal ist damit klar, dass im Gegensatz zu Aussagen in der heute verfügbaren Literatur [z.B. Wikipedia 2017] nicht der Erfinder Rudolf Diesel auf der Pariser Weltausstellung den Preis erhielt, sondern der Dieselmotor. Aber welcher der fünf auf der Weltausstellung präsentierten? Oder galt die Auszeichnung etwa dem Dieselmotor ganz generell, als der neuen Wärmekraftmaschine? In den zugänglichen Archivunterlagen war hierzu nichts Näheres zu finden. Erst bei einer Recherche in dem voluminösen Buch von Lyle Cummins [Cummins 1993] fiel dem Autor ein schwarzweiß-Foto eines auf der Weltausstellung fotografierten Dieselmotors auf, der zwischen den beiden Zylindern ein – hier vom Autor leicht koloriertes - Hinweisschild mit der Aufschrift „Grand Prix“ trug (Bild 6). Es handelte sich um den bereits eingangs aufgeführten Zwillings-Dieselmotor der Société Française mit einer Leistung von 40 PS, nach den Recherchen des Autors damals der Dieselmotor mit der weltweit höchsten Motorleistung [Köhler 2015].
Damit ging der Preis ganz konkret an einen konkreten der in Paris ausgestellten Dieselmotoren, dessen Hersteller nicht der Wettbewerbs-Jury angehörte.

Keine Überbewertung der Auszeichnung
Es kam im Verlauf der Weltausstellung Paris 1900 zu zahlreichen Produkt-Auszeichnungen in Gestalt mehrerer Grand
Prix-Verleihungen und Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, so dass der Wert dieser Auszeichnungen aus heutiger Sicht als nicht allzu hoch anzusetzen ist. Eher handelte es sich um ein
„Marketing-Tool“, das von den Preisgewinnern vielfach und über Jahre hinweg zu Werbezwecken eingesetzt wurde. Beispielsweise erhielt eine Taschenuhr von Longines ebenso einen Grand Prix wie ein
neu entwickeltes Fliesenmosaik, der sog. Pallenberg-Saal des Berliner Künstlers Melchior Lechter als „räumliches Gesamtkunstwerk des Jugendstils“ ebenso wie die Plauener Spitze, das Telegraphon
des dänischen Erfinders Valdemar Poulsen, eine Vase der Firma Lötz, ein freistehender Mahagoni-Schrank, das deutsche Bier DAB, Flecht- und Damast-Trikots der Firma Schiesser, Porzellanteller, ein
vielteiliges Fischservice, die Luftverflüssigungsanlage von Carl von Linde, der Ohlsdorfer Friedhof usw. usw.
Pflanzenölmotor auf der Weltausstellung 1900
In einem Internet-Fachbeitrag des Unternehmens Elsbett [Elsbett 2003] behauptet sein Autor Günter Elsbett, dass es nicht zutrifft, dass auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 ein Dieselmotor mit Erdnussöl gelaufen ist. Jene Autoren, die dies behaupten, würden, so heißt es weiter, einem Scherz aufsitzen. Nach G. Elsbett sei es einfach nicht vorstellbar, woher Rudolf Diesel in der damaligen Zeit Erdnussöl in der benötigten Menge bezogen haben könnte.
Es kann aber überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass bei der Pariser Weltausstellung ein Dieselmotor mit Erdnussöl als Kraftstoff gelaufen ist, denn Rudolf Diesel selbst weist in seinem im Jahr 1913 erschienenen Buch ausdrücklich darauf hin, wie Bild 7 zeigt [Diesel 1913]. Das Buch wurde knapp 13 Jahre nach der Pariser Weltausstellung veröffentlicht – kaum anzunehmen, dass sein Autor in dieser Zeit derart wichtige Fakten verwechselte. Bei dem betreffenden Motor handelte es sich um den oben bereits erwähnten 8-PS-Dieselmotor der französischen Otto-Gesellschaft.
Ein derart kleiner Motor benötigte unter Berücksichtigung des niedrigeren Energieinhalts von Erdnussöl gegenüber Benzin/Petroleum bei voller Last kaum mehr als 2 kg je Stunde. Der Inhalt eines etwa 20 l fassenden Gefäßes hätte somit für einen ungefähr zehnstündigen Motorbetrieb bei Volllast gereicht (entsprechend länger bei Teillast bzw. Leerlauf).

Wie viele Stunden insgesamt der Motor in Vincennes mit Erdnussöl als Kraftstoff lief, war nicht zu ermitteln; deshalb können hierzu auch nur Vermutungen geäußert werden, die sich aber aus den damaligen Begleitumständen ergeben. Da der Motor im Gegensatz zu einigen Veröffentlichungen nicht für Erdnussöl-Betrieb, sondern für Petroleum ausgelegt und vor der Weltmesse auch nicht für Pflanzenöl-Betrieb modifiziert wurde [Diesel 1913; Knothe 2005], war die Laufzeit mit Arachidöl wahrscheinlich eher kurz. In dem Besuchsbericht von Diesel vom 2. Juli 1900 über seinen Besuch auf der Weltausstellung [Diesel 1900] ist ein Erdnussöl-Betrieb mit keinem Wort erwähnt. Dies bedeutet, dass der 8-PS-Dieselmotor seit der Eröffnung der Pariser Weltmesse am 15. April 1900, also die ersten zweieinhalb Monate, ausschließlich mit Petroleum gelaufen sein muss; sonst hätte Rudolf Diesel den Betrieb mit Arachidöl nicht unerwähnt gelassen, sondern als besondere Atraktion herausgestellt.
Liest man Diesels Besuchsbericht aus dem Jahr 1900 genau durch, gewinnt man sogar den Eindruck, dass dem Erfinder, zumindest zum damaligen Zeitpunkt, vom (weltersten !) Motorbetrieb mit Erdnussöl nichts bekannt war; er hätte diesen sonst sicherlich vorangekündigt.
Daraus folgt, dass es nicht etwa der Erfinder Rudolf Diesel war, der einen Erdnussöl-Motorbetrieb in Paris anregte, plante oder durchführte. Noch weniger hatte er einen speziell für diesen Kraftstoff ausgelegten Dieselmotor selbst konzipiert – wohl davon gesprochen und geschrieben. Vielmehr dürfte es die französische Regierung gewesen sein, die die französische Otto-Gesellschaft zur Durchführung von Motorversuchen mit Erdnussöl während der Pariser Weltausstellung anregte [Anonym 2017] und dafür auch das benötigte Erdnussöl zur Verfügung stellte. Wahrscheinlicher Hintergrund: Frankreich dachte daran, die einheimischen afrikanischen Bauern in den französischen Kolonien dazu zu bewegen, Dieselmotoren aus französischer Produktion zu kaufen und mit vor Ort selbst produziertem Erdnussöl zu betreiben. Dass Rudolf Diesel aus einer Ladung Erdnüsse, die er von einem Freund geschenkt bekam weil sie für den menschlichen Genuss ungeeignet waren, selbst „einige Hunderte Gallonen Erdnussöl“ kaltpresste oder pressen ließ [Tam Jahr unbek.], ist höchst unwahrscheinlich.
Literatur:
Anonym [Jahr unbekannt]: History Of Biodiesel Fuel. Pacific Biodiesel, http://www.biodiesel.com/biodiesel/history/, Stand August 2017
Elsbett Günter [2003]: Pflanzenölmotoren: Entwicklungsgeschichte, Merkmale, Stand der Technik, Vergleiche. http://www.elsbett.com/fileadmin/elsbett/archiv/de, Stand: September 2017
Diesel Rudolf [1900]: Bericht über die Ausstellung von Dieselmotoren auf der Weltausstellung Paris 1900. Form.No. 198 der Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren AG vom 2.Juli 1900. Dokument im Historischen MAN-Archiv
Diesel Rudolf [1913]: Die Entstehung des Dieselmotors. Julius Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1913, Steiger-Verlag, Moers), 1984, ISBN 3-921564-70-0
Knothe Gerhard [2005]: The History of Vegetable Oil-Based Diesel Fuels. The Biodiesel Handbook, AOCS Press, Champaign, Ill. USA
Köhler Horst [2015]: Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit. Erschienen im Eigenverlag des Autors (der Titel ist vergriffen).
Tam Ronald [unbek. Jahr]: Biodiesel Fuel Use In Diesel Engines. https://www.fs.fed.us/eng/pubs/html/04511309/, Stand 26.8.2017
Wikipedia [2017]: Weltausstellung Paris 1900. https://de.wikipedia.org, Stand 24.8.2017
Dieser Beitrag wurde am 3. November 2017 online gestellt und am 26. Juni 2023 nach neuen Recherche-Ergebnissen aktualisiert.
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von Horst Köhler, Friedberg
Einleitung
Nur ein Jahr nach seinem größten Triumph mit der Abnahme des ersten „marktfähigen“ Dieselmotors im Februar 1897 in Augsburg nach etwa vierjähriger Entwicklungszeit und den ersten lukrativen Lizenzvereinbarungen musste der Erfinder Rudolf Diesel seiner über Jahre währenden körperlichen und geistigen Überlastung zunehmend Tribut zollen. Zahlreiche Rückschläge bei der Motorenentwicklung und -Erprobung, ständige heftige Angriffe seiner nicht wenigen Kritiker im Zusammenhang mit seinem Hauptpatent DRP 67207, Patentstreitigkeiten, die Unsicherheit, wie sich das internationale Motorengeschäft entwickeln würde und damit verbunden die Sorge, wie der Unterhalt für seine fünfköpfige Familie dann gesichert ist, wenn ihm persönlich etwas zustößt, hatten ihn zermürbt. Sein Sohn Eugen wird rund 40 Jahre später in seiner Biografie über den Vater schreiben, dass dieser im „Schicksalsjahr“ 1898 selbst fürchtete, in „geistige Umnachtung zu fallen oder gar zu sterben“ [Diesel Eugen, 1937]. Nur mit Mühe war der Erfinder noch in der Lage, die II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung in München (11. Juni bis 10. Oktober 1898) vorzubereiten, auf der vier Dieselmotoren von vier verschiedenen deutschen Herstellern im Betrieb vorgeführt wurden – die Durchführung musste er weitgehend seinen Münchner Mitarbeitern Paul Meyer und Ludwig Noé überlassen (Bild 1).

Die Idee einer Holding
Einflussreiche Persönlichkeiten aus Diesels Umfeld schlugen ihm deshalb die Gründung einer Patentverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft vor, deren Hauptaufgabe die Koordination und Durchführung sämtlicher Dieselmotoren-Geschäfte im In- und Ausland sein sollte. Diesel zögerte zunächst noch. Doch am 16. Juni 1898 schrieb er an Fried. Krupp in Essen, dass seine Kräfte für eine richtige und sachgemäße Bewältigung der Geschäfte nicht mehr ausreichen würden und dass er deshalb den an ihn gerichteten Vorschlag, alle seine Motor-Unternehmungen in einer neuen Gesellschaft, einer Holding, zu bündeln, nun doch nähertreten würde. Einer der Hauptgründe dafür war die Hoffnung, sich nach Wegfall der zeitraubenden vielfältigen geschäftlichen Aktivitäten wieder verstärkt seiner eigentlichen Erfindertätigkeit widmen zu können. Schließlich hatte Rudolf Diesel allein, also ohne die Verträge der Maschinenfabrik Augsburg und Krupp, in der vergleichsweise kurzen Zeit zwischen Mitte 1897 und September 1898 14 Lizenzverträge verhandelt und abgeschlossen. Nunmehr sollte die „Allgemeine“ alle künftigen Lizenzverhandlungen durchführen.
Dann ging es sehr schnell. Schon am 17. September 1898 wurde die Gesellschaft mit dem Namen „Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren AG“ in Augsburg (kurz: „Allgemeine“) durch Heinrich Buz (Maschinenfabrik Augsburg), der auch den Vorsitz des Aufsichtsrats übernahm, Fried. Krupp, Essen, Berthold Bing (Leiter der russischen Dieselmotorengesellschaft in Nürnberg), drei große Banken und mehrere Finanzexperten gegründet. Gleichzeitig wurde ein Kaufvertrag zwischen Diesel und der „Allgemeinen“ abgeschlossen. Am 1. Oktober 1898 erfolgte die Eintragung in das Handelsregister. Direktor und alleiniger Vorstand wurde Albert N. P. Johanning, der schon seit Anfang Januar 1898 in Diesels Münchner Büro für die Finanzangelegenheiten tätig war (allerdings muss heute, fast 120 Jahre später, bezweifelt werden, ob er Rudolf Diesel in Finanzdingen immer gut beriet). Diesel selbst wurde Aufsichtsratsmitglied, außerdem Buz, Bing und die Vertreter der damals wichtigsten Lizenznehmer.
Die neue Firma brachte ihre Büros sowie das Münchner Ingenieurbüro von Rudolf Diesel in einem erst im Jahr zuvor (1897) fertiggestellten viergeschossigen Bau mit interessanter turmartiger Eckbetonung am damaligen Kaiserplatz 8 (benannt nach Kaiser Wilhelm I), seit 1964 Theodor-Heuss-Platz 8, unter. Erbauer des repräsentativen Bürogebäudes war Walter Krauss, ein führender Jugendstilarchitekt aus Augsburg. Nach Angaben des Augsburger Geodatenamtes (Geodatenamt der Stadt Augsburg, pers. Mitteilung an den Autor vom 12.12.2017) handelt es sich beim heutigen Haus (Bild 2) noch um das Originalgebäude aus dem Jahr 1897. Doch schon Ende 1901 wurden die Büros der "Allgemeinen" aus Kostengründen in das MAN-Firmengelände verlegt.

Die „Allgemeine“ war kein produzierendes Unternehmen und auch nicht mit dem Verkauf von Dieselmotoren befasst, sondern diente ausschließlich zum Erwerb und zur Nutzung der Rechte von Rudolf Diesel. Diesel selbst brachte fast alles in die neue Firma ein: seine gesamten Aktien von Dieselmotoren-Herstellern, seine Beteiligungen und alle seine noch verfügbaren (Patent-) Rechte am Dieselmotor und letztlich auch sein Münchner Ingenieurbüro, das nach Augsburg umzog, dessen Oberleitung er jedoch zunächst noch behielt. Diesel verpflichtete sich darüber hinaus, alle seine weiteren Verbesserungen, Erfindungen und Patente der „Allgemeinen“ kostenlos zu überlassen, ein folgenschweres Zugeständnis.
Nüchtern betrachtet war Diesel, der bis dahin finanziell durch seine Lizenzeinnahmen finanziell sehr gut gestellt war, von diesem Moment an ohne regelmäßige Einkünfte aus dem Dieselmotorengeschäft, einer der Hauptgründe für seinen späteren Niedergang. Es konnte eigentlich nie völlig geklärt werden, warum er derartigen Bedingungen zustimmte. Möglicherweise war er durch seinen wenige Wochen später erfolgten nervlichen Zusammenbruch seiner sonst nüchternen Urteilskraft beraubt. Mit Sicherheit wurde er auch falsch beraten. Was noch mehr wog, war die Tatsache, dass er, der eigentliche Erfinder, durch die Gründung der „Allgemeinen“ plötzlich um einen sehr großen Teil seines Einflusses in der „Dieselmotoren-Sache“ gebracht wurde. Sein Sohn Eugen schrieb später, dass „das fast die tödlichste Wunde war, die ihn treffen konnte“ [Diesel Eugen, 1949]
Das Grundkapital der „Allgemeinen“ betrug 3,5 Million Mark. Diese Summe sollte Rudolf Diesel als Einmalzahlung für alles, was er in die neue Firma einbrachte, in bar erhalten. Das Firmen-Aktienkapital war in 1,5 Millionen Mark in Form von Prioritätsaktien (Vorzugsaktien; 1.500 Stück zu je 1.000 Mark) und in 2 Millionen Stammaktien (800 Stück zu je 2.500 Mark) unterteilt. Die Summe von 3,5 Millionen Mark sollte innerhalb einer Woche nach Registrierung der Gesellschaft durch Kauf der aufgelegten Aktien durch interessierte Firmen und Banken eingebracht werden. Es bestand anfangs durchaus großes Interesse an den Aktien, an deren starken Kursanstieg zu diesem Zeitpunkt offensichtlich niemand ernsthaft zweifelte, schon gleich gar nicht Rudolf Diesel selbst. Doch letztlich wurden lediglich 800 Prioritätsaktien von nur sechs Zeichnern, darunter Buz (200 Stück), Bing (150 Stück), Krupp 200 (Stück) und die Maschinenfabrik Augsburg (100 Stück), gezeichnet. Die restlichen 700 Prioritätsaktien im Nominalwert von 700.000 Mark und alle 800 Stammaktien im Wert von 2 Millionen Mark gingen an die drei Banken der „Allgemeinen“.
Wie hoch war Diesels Abfindung tatsächlich?
Laut Kaufvertrag zwischen Rudolf Diesel und der „Allgemeinen“ vom 17. September 1898 sollte der Erfinder als Honorar die gesamten 3,5 Millionen Mark in bar erhalten, also nicht teilweise in Form von Aktien, wie es in manchen Veröffentlichungen dargestellt wird. Diesel erhielt auch sofort nach der Vertragsunterzeichnung 875.000 Mark in bar und 2,525 Millionen Mark wenig später, ebenfalls in bar [Schnauffer, 1958]. 100.000 Mark wurden einbehalten, weil sich der Erfinder mit diesem Betrag freiwillig an den Gründungskosten der neuen Gesellschaft beteiligte.
Doch aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen kaufte Diesel am 11. und 13. Oktober 1898 mit seiner Abfindung den Banken 250 Prioritätsaktien im Wert von 250.000 Mark und alle 800 Stammaktien im Wert von 2 Millionen Mark ab, wohl in der Annahme, dass ihr Kurswert mit der erhofften zunehmenden Nachfrage nach Dieselmotoren ansteigen würde.
Es verblieben ihm daher in bar lediglich
2,525 Mio + 0,875 Mio - 2,25 Mio - 0,05 Mio (der Verbleib von 50.000 Mark konnte nie aufgeklärt werden)
also 1,1 Millionen Mark.
Bedenkt man, dass Diesel ein Jahr zuvor, im Oktober 1897, allein für die Vergabe der Motorenlizenz nach Amerika und Kanada 1,0 Millionen Mark in bar erhalten hatte, sind 1,1 Millionen angesichts des Verzichts auf sämtliche Rechte, Ansprüche und vor allem allen Einnahmen aus dem Dieselmotorengeschäft außerordentlich wenig.
Prognosen viel zu optimistisch
Diesels eigene damalige Prognose über die Zahl an weltweit verkauften Dieselmotoren von etwa 475 jährlich mit einem Verkaufswert von etwa 5 Millionen Mark bei mindestens 425.000 Mark zu erwartenden jährlichen Lizenzeinnahmen, Grundlage der Geschäftsbedingungen bei der Gründung der „Allgemeinen“, war viel zu optimistisch. Dies sieht man schon daran, dass die MAN in Augsburg im Kalenderjahr 1899 als wichtigster Dieselmotorenhersteller der damaligen Zeit lediglich 12 Dieselmotoren auslieferte (incl. der in der eigenen Fabrik aufgestellten Motoren), darunter den in Bild 3 gezeigten 20-PS-Einzylindermotor, der noch als Original erhalten und im Yanmar-Werk in Amagasaki ausgestellt ist [Köhler, 2015a].

Die tatsächlichen Einnahmen aus den schwebenden und den späteren Lizenzvereinbarungen fielen deshalb deutlich geringer aus als erwartet. Die Aktien selbst waren nie sonderlich gewinnbringend und Dividenden wurden kaum ausgeschüttet [Diesel Eugen, 1937]. Der Alleinvorstand Johanning schied schon im Frühjahr 1903 wieder aus der Gesellschaft aus. Das war die Zeit, in der die “Dieselkrise“ endgültig überwunden schien und bedeutende Lizenznehmer wie Burmeister & Wain in Dänemark, Gebr. Sulzer in der Schweiz oder Carels Frères in Belgien die Produktion von Dieselmotoren nach Augsburger Zeichnungen aufnahmen. Doch die Stückzahlen waren so gering, dass die „Allgemeine“ zur Ankurbelung der Bestelltätigkeit den vereinbarten Prämiensatz von 10 auf 5 % reduzieren musste (wenn auch mit Beibehaltung der jährlich zu zahlenden Minimalprämie von 10.000 Mark).
Am 30. März 1905 musste die „Allgemeine“ auch noch einen Kapitalschnitt durchführen, und zwar eine Halbierung des Aktienkapitals auf 1,75 Millionen Mark. Diese Maßnahme ging jedoch ausschließlich zu Lasten von Rudolf Diesel, denn der Kapitelschnitt erfolgte nur bei den 800 in seinem Besitz befindlichen Stammaktien. Diesels Stammaktien im Kaufwert von 2 Millionen Mark wurden eingezogen; der Erfinder erhielt lediglich einen Genussschein in Höhe von 250.000 Mark - ein massiver Kapitalverlust für ihn.
Erschwerend kam hinzu, dass die „Allgemeine“ trotz dieser finanziellen Situation aufgrund der vereinbarten Gegenseitigkeitsverpflichtungen von Rudolf Diesel weiterhin ohne Kostenerstattung die Ergebnisse aller seiner Arbeiten zum Thema Dieselmotor einforderte. In Finanzdingen zeigte sich die Firma gegenüber einigen Lizenznehmern plötzlich auffällig großzügig, vermutlich um sie vorzeitig liquidieren zu können [Schnauffer, 1958; Köhler, 2015b]. Diesel zog die Konsequenzen daraus und schied Ende März 1905 verärgert aus dem Aufsichtsrat aus. Es kam danach sogar zu langen gerichtlichen Auseinandersetzungen, denn der Erfinder hatte nach wie vor keine Möglichkeit, selbständig und unabhängig an der Weiterentwicklung seines Motors und dessen Anwendung zu arbeiten, um daraus eigene Einkünfte zu erzielen. Das macht so manches, letztlich aber gescheitertes Engagement des Erfinders zwischen 1899 und 1908/09 verständlich.
Komplexe Geschäftstätigkeit
Etwa ab dem Jahr 1903 kam es zwischen der „Allgemeinen“ und ihren internationalen Lizenznehmern zu zunehmend unterschiedlichen Auffassungen über die Einhaltung der gegenseitigen Vertragsverpflichtungen. In erster Linie betraf dies den vertraglich festgelegten offenen gegenseitigen Austausch von technischen Informationen, Motor-Betriebserfahrungen, Entwicklungsverbesserungen und anderen Erfindungen innerhalb der groß gewordenen Lizenznehmerfamilie. Denn natürlich waren die einzelnen Lizenznehmer auch gegenseitige Konkurrenten, die Angst hatten, dass die Wettbewerber bessere Dieselmotoren bauen würden als sie selbst. Einige Hersteller steckten sehr viel Kapital sowie Arbeits- und Versuchsaufwand in die Weiterentwicklung ihrer Dieselmotoren und scheuten sich vor der Weitergabe der Konstruktionszeichnungen.
So klagte beispielsweise der schweizerische Lizenznehmer Gebr. Sulzer im Jahr 1907 gegen die „Allgemeine“ mit dem Ziel, von der Verpflichtung auf Weitergabe ihrer Konstruktionsdetails an die „Allgemeine“ und die anderen Lizenznehmer befreit zu werden. Die „Allgemeine“ antwortete mit einer Gegenklage (auf Beibehaltung der Lizenzzahlungen). Gebr. Sulzer war zwar mit seinem gerichtlichen Begehren erfolgreich, verlor aber den Gegenprozess der „Allgemeinen“. Erst im Januar 1909 einigen sich die „Allgemeine“ und ihr Lizenznehmer Gebr. Sulzer: alle Verträge zwischen beiden Unternehmen wurden annulliert und alle Patente aufgehoben.
Gebr. Sulzer hatten zwischen 1893 und 1909 für die schweizerischen Rechte an den Diesel-Patenten insgesamt immerhin etwa 350.000 Mark bezahlt und sahen dies als sehr viel Geld für „ein neues Produkt mit zunächst wenig ausgereifter Technik und einer mehr als unsicheren finanziellen Zukunft“ an [Somer und Behling, 1998].
Auch militärische Gesichtspunkte haben die Geschäftstätigkeit der „Allgemeinen“ nachhaltig erschwert. Das französische Unternehmen Sautter-Harlé & Cie, seit März 1899 Sublizenznehmer von F. Dyckhoffs Société Française des Moteurs R. Diesel (der erste Lizenznehmer von Rudolf Diesel), durfte Dieselmotoren für die ersten französischen U-Boote nur unter der Bedingung der französischen Marine fertigen und liefern, dass die Konstruktionszeichnungen nicht an die „Allgemeine“ in Augsburg weitergeleitet werden. Für die „Allgemeine“ und auch für Diesel stellte dies eine massive Geschäftseinbuße dar, denn Frankreichs Marine war um diese Zeit mit der Indienststellung von dieselgetriebenen U-Booten weltweit führend (lediglich für zwei der ersten französischen U-Boote, Circé und Calypso, konnte die MAN Dieselmotoren liefern (eigener Bericht in Vorbereitung). Im Jahr 1911 hatte Frankreich bereits mehr als 60 U-Boote mit Dieselmotorenantrieb in Betrieb, England nur 13, die USA und Deutschland dagegen kein einziges.
Die Hauptaufgabe der „Allgemeinen“ war mit Ablauf der Dieselpatente DRP 67207 und DRP 82168 in den Jahren 1907/08 erfüllt, denn ab diesem Zeitpunkt konnte jedes Unternehmen ohne Lizenzverpflichtungen Dieselmotoren herstellen und auf eigene Rechnung vertreiben. Im Februar 1910 wurde die Liquidation der „Allgemeinen“, die im Grunde genommen nie richtig floriert hatte, beschlossen; ihre Auflösung erfolgte nach Abschluss des 12. Geschäftsjahres fast genau ein Jahr später.
Was geschah mit Rudolf Diesel?
Wie dieser Artikel zeigt, war für Rudolf Diesel die Gründung und der Betrieb der „Allgemeinen“ sowie seine persönliche hohe finanzielle Beteiligung am Unternehmen eine klare Fehlentscheidung. Die Gesellschaft verschaffte ihm zwar eine gewisse Arbeitserleichterung. Er und seine Familie waren aber nicht wie erwartet auf Dauer abgesichert. Was für ihn jedoch viel schlimmer war: er hatte durch den Verzicht auf alle seine Rechte und Patente keinen Zugriff auf den Dieselmotor mehr – solange die „Allgemeine“ existierte. Diesel hatte die drohende Gefahr grundlegend unterschätzt - und offensichtlich keine guten Berater.

Nur wenige Wochen nach Gründung der „Allgemeinen“ wurde der psychisch schwer angeschlagene Erfinder nach einem körperlichen Zusammenbruch im Herbst 1898 wahrscheinlich noch Ende Oktober, spätestens Anfang November, zur stationären Behandlung in die Heilanstalt (später: Kuranstalt) Neuwittelsbach in München-Neuhausen zur stationären Behandlung eingewiesen (Bild 4). Gegründet hatte die Einrichtung im Jahr 1885 der Münchner Neurologe Geheimrat Dr. Rudolf von Hößlin; er war jahrzehntelang auch ihr ärztlicher Leiter.
Diesel blieb dort, abgesehen von einigen Urlaubstagen über Weihnachten, bis Ende Januar 1899. Anschließend verbrachte er auf dringenden Rat seiner Ärzte noch zwei Monate weitgehend abgeschottet in einem Sanatorium in der Nähe von Meran in Südtirol. Er war somit fünf Monate lang für die geschäftliche und technische Welt weitgehend unerreichbar, ausgerechnet in einer äußerst kritischen Phase, in der sich die technischen Probleme mit den ersten verkauften Serien-Dieselmotoren stark häuften. Auf das Geschehen bei der „Allgemeinen“ hatte er als Aktionär und langjähriges Mitglied des Aufsichtsrates ohnehin keinen großen unmittelbaren Einfluss. Als er dann aus Südtirol nach München zurückkehrte, erkannte er immer mehr, dass er durch die Gründung und Tätigkeit der „Allgemeinen“ um einen großen Teil seines Einflusses in seiner eigenen Sache gebracht war und dass jetzt andere Persönlichkeiten, die sich zum Teil sogar gegen ihn wandten, die „Dieselsache“ vorantrieben [Diesel E., 1949].
Literatur:
Diesel Eugen (1937): Diesel: Der Mensch, das Werk, das Schicksal. Deutsche Hausbücherei Hamburg/Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 1937/40 (und spätere Ausgaben)
Diesel Eugen (1949): Jahrhundertwende, gesehen im Schicksal meines Vaters. Reclam-Verlag Stuttgart
Köhler Horst (2015a): Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit. Eigenverlag des Autors (das Druckwerk ist vergriffen)
Köhler Horst (2015b): Rudolf Diesel – Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. 2. Auflage, Context-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-939645-57-3
Schnauffer Karl (1958): Lizenzverträge und Erstentwicklungen des Dieselmotors im In- und Ausland 1893-1909 – Text (Teil 1). Dokument im Historischen MAN-Archiv
Somer Jack A. und Behling Helmut (1998): The Sulzer Diesel Engine – From the Mountains To The Seas. Wärtsilä NSD Switzerland, ISBN 3-9521561-0-8
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von Horst Köhler, Friedberg
Vorwort
Zu Unrecht kommt der französische Ingenieur, Unternehmer, Erfinder sowie enge Freund und erster Lizenznehmer von Rudolf Diesel, Frédéric Charles Dyckhoff, in der technisch-historischen Literatur zu kurz; in der Tat sind die Quellen über ihn auch in der französischen Literatur nicht sehr ergiebig - oder teilweise sogar falsch. Aber er war es doch, der schon im Juni 1894 den weltweit ersten Dieselmotor (Leistung maximal 10 PS) zum Laufen brachte [Köhler 2015]. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Konstruktionszeichnungen dafür (Zeichnungsserie IX) von der Maschinenfabrik Augsburg bzw. von Rudolf Diesel stammten; Dyckhoff führte seinen (Versuchs-) Motor etwas abweichend davon aus - aufgrund der schlechten Erfahrungen Rudolf Diesels, die dieser um die gleiche Zeit mit dem ersten Augsburger Versuchsmotor 15/40 gemacht hatte.
Der folgende Artikel gliedert sich in zwei Hauptteile: Lebenslauf von Frédéric Dyckhoff, in dieser Informationsfülle bisher wohl unveröffentlicht, und ein Bericht darüber, wie im Frühjahr 1898 Dyckhoffs erster 8-PS-Dieselserienmotor nach eigener Konstruktion nur mit großer Unterstützung der Maschinenfabrik Augsburg zum Laufen gebracht werden konnte.

Lebenslauf von Frédéric Dyckhoff (6.9.1853 – 5.7.1910)
Frédéric Charles Dyckhoff kam am 6.9.1853 als zweites Kind seiner Eltern in der kleinen französischen Ortschaft Courselles-Sur-Aire in Nordosten Frankreichs im Département Meuse in der Region Grand Est (früher: Lothringen) zur Welt, also nicht erst 1855, wie oft behauptet wird. Er war im Gegensatz zu den Angaben in den bisherigen technisch-historischen Publikationen [z.B. Reuß 1993; Schnauffer 1958] weder ein gebürtiger Schweizer noch Schweizer Landsmann (leider hatte auch dieser Autor vor einigen Jahren diese unrichtige Angabe für eine Print-Veröffentlichung übernommen – und korrigiert sie hiermit [Köhler 2015]). Dyckhoffs Geburtsort war der Ort, in dem seine Eltern am 28.1.1858 heirateten. Damals hatte Courselles-Sur-Aire etwa 240 Einwohner, heute sind es nicht einmal mehr 40. Das Dorf liegt in der Nähe der Kleinstadt Bar-le-Duc, die im Ersten Weltkrieg im Hinterland der Front lag. Zwei Flüsse strömen durch Bar-le-Duc: Ornain und der etwa parallel dazu verlaufende künstlich angelegte Rhein-Marne-Kanal.
Der Vater von Frédéric Dyckhoff war der im Jahr 1817 geborene und aus dem holländischen Groningen stammende Jean Rudolphe Joseph Dyckhoff, die Mutter hieß Marie-Charlotte Eugénie Ten-Brinck (Bild 1); ihre Vorfahren stammten aus dem Rheinland. Der Vater von Marie-Charlotte Eugénie Ten-Brinck betrieb in Courselles eine eigene Spinnerei und Weberei. Dort hatte auch Jean Rudolphe Joseph Dyckhoff Arbeit gefunden, obwohl er eigentlich Arzt werden wollte und auch Medizin studiert hatte. Es ist davon auszugehen, dass er in diesem Unternehmen seine spätere Frau kennenlernte.
Im Jahr 1843 wurde die Spinnerei und Weberei durch einen Brand vollständig zerstört. Der Vater von Frédéric Dyckhoff war gezwungen, sich eine neue Existenz zu schaffen. So kaufte er sich 1846 in Bar-le-Duc Land und errichtete darauf eine neue kleine mechanische Fabrik. Schon in der Spinnerei in Courselles hatte sich sein Interesse für Maschinen aller Art und sein geschickter Umgang mit ihnen gezeigt. Das Ehepaar blieb weiterhin in Courselles-Sur-Aire wohnen. Das kleine Unternehmen florierte offensichtlich gut (später umfasste das Produktionsprogramm auch Dampfmaschinen) und verhalf den Dyckhoffs zu einem gehobenen Lebensstandard.
Der kleine Frédéric hatte noch eine etwas ältere Schwester, die am 17.11.1851 geborene Marie Rose Françoise Dyckhoff. Da Courselles keine eigene Schule besaß, gingen die beiden Dyckhoff-Kinder in Bar-le-Duc zur Grundschule und danach auf das Gymnasium. Der Wohlstand der Eltern ermöglichte es, dass der junge Frédéric nach seiner Schulausbildung zum Maschinenbaustudium an das 1855 gegründete Eidgenössische Polytechnikum (heute: Eidgenössische Technische Hochschule) in Zürich in der Schweiz geschickt werden konnte; vermutlich rührt von daher die falsche Nationalitätsangabe für ihn. Diese Lehranstalt war schon seinerzeit weltbekannt und zog viele junge Talente aus ganz Europa an, wie die Liste in Bild 2 mit den erfolgreichen Mit-Absolventen von Frédéric Dyckhoff aus dem Abschluss-Semester 1876/77 zeigt. Bild 3 ist eine der wenigen frühen existierenden Aufnahmen, die Frédéric Dyckhoff zusammen mit einigen Studienkollegen während seiner Zeit in Zürich zeigt. Das Bild stammt vermutlich aus dem Jahr 1877.


Dyckhoffs Vater hatte 1846 den Betrieb in seiner neu gebauten mechanischen Werkstatt in Bar-le-Duc aufgenommen. Der frisch gebackene junge Ingenieur Frédéric entschied sich als erste berufliche Station nicht zu einer Mitarbeit im väterlichen Unternehmen, sondern bewarb sich im Jahr 1877 erfolgreich bei der Firma von Gustave Eiffel (1832-1923) im rund 200 km entfernten Paris. Dieses Unternehmen errichtete zu dieser Zeit vorwiegend große Brücken. Dyckhoff wurde nach kurzer Zeit zum „Studienleiter“ (Chef des études de la société Eiffel) befördert und schlug bereits im Jahr 1878 den Bau eines großen Aussichtsturms aus Eisen vor (www.larousse.fr/encyclopedie/divers/tour_Eiffel/117769), also mehrere Jahre bevor das Bauwerk zwischen 1887 und 1889 für die Pariser Weltausstellung 1889 tatsächlich als Eiffel-Turm errichtet wurde.
Rudolf Diesel und Frédéric Dyckhoff
Der fünf Jahre ältere Rudolf Diesel arbeitete seit März 1880 als ebenfalls frisch gebackener Ingenieur bei der neuen Pariser Niederlassung seines ehemaligen Münchner Professors Carl Linde zur Herstellung und zum Vertrieb von Eis- und Kühlmaschinen; schon im Januar 1881 wurde er von Linde zum Direktor ernannt. Im Jahr 1882 besuchte er in Paris Gustave Eiffel; bei diesem Termin lernte er seinen jungen Berufskollegen Frédéric Dyckhoff kennen - und schätzen. Die persönliche Freundschaft der beiden war so eng, dass der einzige Sohn Dyckhoffs den Vornamen Rudolphe erhielt.
Inzwischen hatte Frédéric Dyckhoff seine Verlobte Marie Demoget (1856-1938), Tochter des bekannten Architekten Louis Charles Demoget aus Bar-le-Duc, geheiratet. Die Hochzeit fand weder in Bar-le-Duc noch in Paris statt, sondern in Angers im Westen Frankreichs, der 152.000-Einwohner-Hauptstadt des Départements Maine-et-Loire in der Region Pays de la Loire. Die Stadt liegt etwa in der Mitte der Strecke zwischen Le Mans und Nantes und gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Das Paar bekam zwei Mädchen und einen Sohn:
- Charlotte, von Beruf Krankenschwester (1883-1981)
- Louis Rudolphe, von Beruf Elektroingenieur (1884-1939) und
- Antoinette, von Beruf Englischlehrerin (1895-1961).
Etwa 1885 begann Frédéric Dyckhoff mit dem Bau seines eigenen Wohnhauses in Bar-le-Duc, nur wenige Dutzend Meter von der väterlichen Fabrik entfernt. Das schlossähnliche Gebäude lag in Sichtweite der markanten katholischen Kirche Saint Jean (Johanneskirche) und wurde nach den Plänen des Schwiegervaters von Frédéric Dyckhoff, dem Architekten Louis Charles Demoget (1827-1903), gebaut. Durch die Kriegszeiten bedingt entstand die Kirche in über 60-jähriger Bauzeit (1875-1939).
Bild 4 ist eine interessante Aufnahme aus der Zeit 1886/87; sie zeigt rechts die neue Dyckhoff-Villa und links die Kirche Saint Jean. In diesem herrschaftlichen Gebäude wohnte nicht nur die Familie, sondern auch die Bediensteten: der Koch, das Kindermädchen, der Hausmeister. Gäste und Kunden konnten ebenfalls kurzzeitig untergebracht werden. Wahrscheinlich hatte auch Rudolf Diesel bei seinen gelegentlichen Besuchen seines Freundes in Bar-le-Duc hier vorübergehend Quartier genommen.

Als Frédérics Vater im Jahr 1891 74-jährig verstarb, kündigte Dyckhoff sein Arbeitsverhältnis bei Gustave Eiffel und zog mit seiner inzwischen vierköpfigen Familie nach Bar-le-Duc um, um dort die väterliche Firma zu übernehmen und auszubauen.
Rudolf Diesel, der nach 10-jährigem Aufenthalt in Paris im Februar 1890 die Linde-Vertretung in Berlin übernommen hatte, arbeitete seit dem Frühjahr 1893 als selbständiger Erfinder. Bereits am 14.4.1892 hatte er sich seine Erfindung DRP 67 207 mit der Patent-Nummer 220.903 in Frankreich schützen lassen. Sechs Jahre später, im Jahr 1898, meldete er in Frankreich zwei weitere Motorpatente an, die unter den Nummern 276.778 und 276.779 erteilt wurden.
Auf einer seiner Reisen nach Frankreich machte er im zeitigen Frühjahr 1894 in Bar-le-Duc Halt und traf in dem heute nicht mehr existierenden Café des Oiseaux seinen Freund Frédéric Dyckhoff und dessen Rechtsberater Raymond Poincaré, französischer Politiker und späterer Ministerpräsident und Staatspräsident. In diesem Gespräch ging es um den Abschluss einer Dieselmotoren-Lizenzvereinbarung, vermutlich aber auch um die Möglichkeit einer französischen Fabrik zur Herstellung von Dieselmotoren, ein Wunschtraum Dyckhoffs bereits seit dem Jahr 1893. Wenig später waren die Vertragsunterlagen unterschriftsreif: am 18.4.1894 schlossen Dyckhoff und Diesel in Bar-le-Duc im Büro des Notars Monsieur Chastel einen Vertrag über die Herstellung eines 10-PS-Versuchs-Dieselmotors nach Konstruktionszeichnungen von Rudolf Diesel (Zeichnungsserie IX); die Maschinenfabrik Augsburg befasste sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit der Erstellung von Konstruktionszeichnungen für Dieselmotoren. So wurde Dyckhoff der erste Lizenznehmer von Rudolf Diesel, denn der berühmte Lizenzvertrag von ihm mit der Maschinenfabrik Augsburg und Fried. Krupp wurde erst drei Jahre später abgeschlossen.
Die Zylinderabmessungen des Motors (Bild 5) waren 18 cm Bohrung und 30 cm Hub. Schon im Juli des gleichen Jahres lief dieser Einzylinder-Motor auf dem Prüfstand in der Dyckhoff-Fabrik in Bar-le-Duc, dem historischen Schriftverkehr nach ohne große Probleme, ganz im Gegensatz zu den wenig erfolgreichen Tests des ersten Augsburger Versuchsmotors 15/40 etwa zur gleichen Zeit, der nur knapp 2 PS Leistung lieferte [Köhler 2015]. Am 27.7.1894 kam es nach einer wahren Rekordbauzeit von nur etwas mehr als drei Monaten zur offiziellen Motorvorführung in Gegenwart des Bürgermeisters Monsieur Nansot (von Bar-le-Duc ?) [Naegel 2011].
Nicht zuletzt wegen des schnellen Erfolges hatte Rudolf Diesel die - dann doch nicht verwirklichte - Idee, den französischen Dieselmotor zur Maschinenfabrik Augsburg bringen zu lassen. Er wollte ihn dort der Firmenleitung als Beweis für die Brauchbarkeit seiner Erfindung vorführen und parallel zum Versuchsmotor 15/40 weiter erproben [Althuser und Naegel 2008]. Auch an einen Einsatz des Motors zur Erlangung des Patentnachweises für Fried. Krupp in Österreich war gedacht [Köhler 2015]. Was mit diesem ersten französischen Dieselmotor später passierte, ist leider unbekannt.

Warum der Dyckhoff-Versuchsmotor 18/30 besser als der Augsburger Motor 15/40 war
Ein Hauptgrund ist bereits im Vorwort zu diesem Beitrag angegeben: Rudolf Diesel war zu Beginn der Schleppversuche des Motors 15/40 der Maschinenfabrik Augsburg zur Erkenntnis gelangt, dass sich der Carnot-Prozess doch nicht in seiner Verbrennungskraftmaschine verwirklichen lässt – und musste mit dieser für ihn bitteren Erkenntnis seinen Kritikern Recht geben. Die Herstellung der Motor-Einzelteile war jedoch schon so weit fortgeschritten, dass die Montage und die Versuche in Augsburg nicht mehr zu stoppen waren. Doch seinen Freund und Lizenznehmer Frédéric Dyckhoff konnte er noch rechtzeitig informieren, so dass dieser die Konstruktionszeichnungen entsprechend abändern konnte.
Ein zweiter Grund war, dass es Rudolf Diesel mit der Augsburger Maschinenfabrik mit einem Großunternehmen zu tun hatte, in dem die Abläufe deutlich länger dauerten als in der kleinen inhabergeführten Dyckhoff-Werkstatt in Bar-le-Duc. Rudolf Diesel, der nicht Angestellter der Maschinenfabrik Augsburg war, musste in der Führungsebene unterhalb des Augsburger Generaldirektors Heinrich Buz so manche Widerstände gegen seinen Motor ausräumen, ein Problem, das Dyckhoff nicht hatte. Dyckhoff galt als relativ ruhiger Ingenieur und Unternehmer, er agierte pragmatischer als Diesel. Er musste niemanden Rechenschaft über sein Tun und seine Investitionen in ein neues, auch ihm völlig unbekanntes Produkt abgeben, wohnte nicht wie Rudolf Diesel weit vom Ort des Geschehens entfernt und war nicht wie dieser in ganz Europa unterwegs, um seinen Motor bekannt zu machen und Förderer und Lizenznehmer zu überzeugen und zu finden.
Möglicherweise hatte Dyckhoff mit seinem ersten Versuchs-Dieselmotor auch das Glück des Tüchtigen, denn nur wenige Wochen nach dem Start des französischen 10-PS-Motors mussten bei Diesels zweitem Lizenznehmer, dem belgischen Unternehmen Carles Frères in Gent (der belgische Lizenzvertrag wurde am 30.4.1894 unterzeichnet), die Versuche mit einem nach den gleichen Zeichnungen gebauten leistungsgleichen Motor abgebrochen werden. Carels Frères nahmen daraufhin vom geplanten Dieselmotorenbau vorübergehend bis zum Jahr 1903 Abstand [Köhler 2015].
Ermutigt durch diesen Ersterfolg und zusätzlich angespornt durch die Empfehlungen und Ratschläge Diesels sah Dyckhoff ein großes Marktpotential für den Dieselmotor in Frankreich. Er plante deshalb schon früh eine größere Fabrik. Da ihm sein Unternehmen in Bar-le-Duc für eine Dieselmotoren-Serienproduktion zu klein erschien, pachtete er am 23.8.1895 für zunächst zehn Jahre ein sieben Hektar großes, noch unbebautes Gelände im 5 km entfernten kleinen Ort Longeville-en-Barrois (Bild 6), ebenfalls am Rhein-Marne-Kanal und direkt an der Bahnstrecke Paris-Straßburg gelegen. Warum er ein derart großes Gelände, das zur Jagd genutzt wurde, für seine neue Fabrik benötigte, ist unbekannt.
Baubeginn der neuen Fabrik erst 1897
Die beiden Gruppenaufnahmen in Bild 6 müssen unmittelbar vor Baubeginn der neuen Fabrik in Longeville entstanden sein. Sie stellen ein seltenes technisch-historisches Dokument dar, weil auf ihr neben nicht mehr identifizierbaren Personen die vollständige Familie Dyckhoff zu sehen ist. Die zweite Person von rechts ist Marie Dyckhoff, die Gattin des Unternehmers; links von ihr ihre drei Kinder, mit abnehmendem Alter gruppiert.
Geht man davon aus, dass die kleine 1895 geborene Antoinette (links neben ihrem Bruder Louis Rudolphe zu sehen) zum Zeitpunkt der Aufnahmen auf dem Baugrundstück in Longeville-en-Barrois etwa zwei Jahre alt war, müssen die Aufnahmen aus dem Jahr 1897 stammen. Aussagen von französischen Technik-Historikern, nach denen bereits im Sommer 1896 im Werk Longeville Dieselmotoren gefertigt wurden [Althuser und Naegel 2008], können deshalb nicht stimmen. Dies wird auch durch den Reisebericht von Karl Dieterichs vom Frühjahr 1898 bekräftigt (Details siehe weiter unten), der im Dyckhoff-Werk Bar-le-Duc zwei Dyckhoff-Dieselmotoren im Fabrikbetrieb laufen sah.

Intensive Zusammenarbeit Dyckhoff - Diesel
Dyckhoff und Diesel pflegten einen regelmäßigen intensiven Briefwechsel und besuchten sich gegenseitig. So nahm Frédéric Dyckhoff am 20.11.1895 an einer Vorführung des zweiten Augsburger Versuchsmotors 22/40 teil. Bei einem Bremsversuch mit am Motor angebauter Luftpumpe zur Kraftstoffeinblasung wurde eine Leistung von 11,9 PS bei einer Drehzahl von 168 U/min und ein für die damalige Zeit sehr guter Gesamtwirkungsgrad von 16,85 % erreicht (siehe auch den Artikel „Neues über den ältesten noch erhaltenen Dieselmotor der Welt“ in der Rubrik „Dieselmotoren-Historikforschung“). Dyckhoff war später der erste nicht-deutsche Interessent, dem am 1.2.1897 der dritte Augsburger Versuchs-Dieselmotor 25/40-A im Betrieb vorgeführt wurde, noch vor der offiziellen Abnahme durch Prof. Moritz Schröter. Der an diesem Tag durchgeführte Bremsversuch ergab einen Gesamtwirkungsgrad von 26,6 %, der höchste bis dahin gemessene Wert. Dyckhoff war außerordentlich beeindruckt. Im Journal der Maschinenfabrik Augsburg lässt sich wörtlich nachlesen: „Das ist soviel, als die allerbesten Gasmotoren unter besonders günstigen Umständen als thermischen Wirkungsgrad erreicht haben (Crossley) bei Benutzung von Leuchtgas“ [Diesel 1913]. Schon am 30.4. und 1.5.1897 weilte Dyckhoff erneut in Augsburg.
Im gleichen Jahr besuchte Dyckhoff in Begleitung des französischen Ingenieurs Prof. Sauvage Rudolf Diesel und dessen Familie in ihrer Münchner Wohnung (Bild 7). Die Familien kannten sich gegenseitig. Der jüngere Erfindersohn Eugen Diesel bezeichnete später den französischen Unternehmer als „eher klein und dicklich, aber lebhaft – und von Gicht geplagt“ [Diesel Eugen 1937]. Ein Jahr später, 1898, erhielt Frédéric Dyckhoff einen Sitz im Aufsichtsrat der neu gegründeten Augsburger Patentverwertungsfirma Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren AG (siehe hierzu den Artikel „Allgemeine Gesellschaft für Dieselmotoren AG Augsburg“ in der Rubrik „Dieselmotoren-Historikforschung“).

Klein-Dieselmotoren „Fabrikat Dyckhoff“
Diesel hatte mit seinem Freund Dyckhoff schon öfters die Gründung einer französischen Dieselmotoren-Gesellschaft besprochen. Am 12.4. und 16.4.1897 wurde sie schließlich unter den Namen Société Française des Moteurs R. Diesel mit einem Aktienkapital von 1,2 Mio Franc (entsprach damals kaufkraftmäßig etwa 1 Mio Mark = ca. 0,5 Mio €) in Bar-le-Duc gegründet [Naegel 2011]. Beglaubigender Notar war auch diesmal Monsieur Chastel aus Bar-le-Duc. Diesel erhielt als Gegenleistung für die Nutzung seiner Patente und die Überlassung der Motor-Konstruktionszeichnungen die Hälfte der Aktien (also kein Bargeld); dafür wurde Dyckhoff von einer Prämienzahlung befreit. Der frühere Vertrag vom 18.4.1894, in dem noch eine Lizenzprämie von 25 % festgeschrieben war, wurde mit der neuen Vereinbarung ungültig. Zu einer tatsächlichen Lizenzzahlung an Rudolf Diesel war es allerdings bis April 1897 ohnehin nicht gekommen, weil F. Dyckhoff zwischen 1894 und 1897 noch keine Serien-Dieselmotoren an Kunden verkaufte. Sitz der Société Française, so der Firmenname in Kurzform, war vorerst die väterliche Fabrik in Bar-le-Duc.
Im Gegensatz zur Maschinenfabrik Augsburg konzentrierte sich Dyckhoff, anfangs noch in der Fabrik in Bar-le-Duc, dann hauptsächlich in seinem neu gebauten Werk in Longeville-en-Barrois (Bild 8), auf die Herstellung von kleinen Dieselmotoren im Leistungsbereich zwischen 4 und etwa 20 PS. Die Konstruktionszeichnungen dafür musste sein kleines Team nunmehr selbst erstellen, wobei Rudolf Diesel beratend tätig war. Französische Technikhistoriker hatten bei ihren Recherchen allerdings festgestellt, dass sich Frédéric Dyckhoff von Rudolf Diesel nicht nur eine einmalige Starthilfe erhofft hatte [Althuser und Naegel 2008]. Doch mehr konnte Diesel wegen seiner starken beruflichen Inanspruchnahme in München und in Augsburg, der zeitraubenden Betreuung seiner Lizenznehmer und seiner angegriffenen Gesundheit ab Mitte 1898 nicht mehr leisten. Ab Herbst 1898 war er mit der Gründung der Augsburger "Allgemeinen" außerdem ohnehin nicht mehr mit der Intensiv-Betreuung von Lizenznehmern befasst.
Vielleicht deswegen traten beim ersten französischen 8-PS-Serienmotor im Gegensatz zum oben erwähnten 10-PS-Versuchsmotor schwerwiegende technische Probleme auf. Die Ursache war, dass die Fertigungsgenauigkeit der einzelnen Motorteile, die noch im alten Werk Bar-le-Duc hergestellt wurden, zu wünschen übrig ließ.

So entschlossen sich 1898, also vor genau 120 Jahren, die Maschinenfabrik Augsburg und Rudolf Diesel, einen erfahrenen Dieselmotoren-Ingenieur und engen Mitarbeiter Diesels nach Frankreich zu entsenden, um den ersten dort gebauten Motor mit 8 PS Leistung betriebsfähig zu machen [Köhler 2015]. Es handelte sich um Karl Dieterichs aus dem Münchner Büro des Erfinders, der für Rudolf Diesel die Augsburger Dieselmotorenversuche, speziell die Gasversuche, leitete und auch die Journale führte. Dieterichs war der eigentliche Troubleshooter von Rudolf Diesel; dieser konnte wegen der intensiven Vorbereitung des Diesel-Pavillons auf der II. Münchner Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung, die am 11.6.1898 begann, nicht mehr so häufig wie zuvor von seinem Wohnort München nach Augsburg kommen.
Dauereinsatz in Frankreich
Am 1.5.1898, einem Sonntag, reiste Dieterichs von Augsburg ab. Er fuhr zunächst nach München, wo er sich am anderen Tag mit Rudolf Diesel und dessen Finanzdirektor Albert Johanning zu einem Abstimmungsgespräch traf. Ein weiteres Gespräch fand mit dem Privatdozenten Brückner von der Technischen Hochschule München statt; Brückner überließ Dieterichs einen sogenannten Stimmgabelapparat zur Bestimmung des Ungleichförmigkeitsgrades des Motors. Brückner war einer der beiden Assistenten von Prof. Moritz Schröter beim ersten offiziellen Abnahmelauf des dritten Augsburger Versuchsmotors 25/40-A am 17.2.1897 in Augsburg.
Der Augsburger Karl Dieterichs traf am 4.5.1898 in Bar-le-Duc ein und fuhr dann zusammen mit Frédéric Dyckhoff zur neuen Fabrik in Longeville (Bild 9a und 9b), in dessen auffälligem turmähnlichen Gebäudeteil mittlerweile die Büros der neuen Société Française des Moteurs R. Diesel untergebracht waren. Dort waren zu diesem Zeitpunkt nach einem Reisebericht der Maschinenfabrik Augsburg [Anonym 1898] erst zehn Arbeiter beschäftigt sowie ihr Chef, ein Ingenieur namens Bosch. Als Arbeitsmaschine stand lediglich eine alte Lokomobile (Dampfmaschinenanlage in geschlossener Bauform, incl. Feuerung, Dampfkessel, Pumpen, Steuerung usw. auf einer gemeinsamen bewegbaren Plattform angebracht) zur Verfügung. Der 8 PS starke Dieselmotor konnte noch nicht in Gang gesetzt werden, weil die meisten Rohrleitungen fehlten. Nach Dieterichs‘ Ansicht war die mechanische Ausführung schlechter als die der Augsburger Versuchsmotoren. Sein Eindruck war andererseits, dass die Fertigungsqualität von zwei weiteren kleinen Dyckhoff-Dieselmotoren, die im alten Werk Bar-le-Duc liefen, deutlich besser war.
Am 6. Mai sollte der 8-PS-Motor erstmals gedreht werden, doch die Leistung der Lokomobile reichte dafür bei Weitem nicht aus, selbst dann nicht, nachdem man alle Ventile zur Reduzierung der mechanischen Verluste ausgebaut hatte.


K. Dieterichs regte zunächst an, für den Dieselmotoren-Probestand im Werk Longeville-en-Barrois eine zweite Lokomobile mit mindestens 15 PS Leistung anzuschaffen. Die Zeit bis zu deren Eintreffen wurde für Reparatur- und Nacharbeiten der vom Werk Bar-le-Duc zugelieferten Motorbauteile genutzt, die wie erwähnt größtenteils mangelhaft ausgeführt waren. Teilweise hatte man - aus Augsburger Sicht - ungeeignete Werkstoffe verwendet; so bestanden beispielsweise die Haupt- und Kreuzkopflager aus Bronze anstatt aus Weißmetall wie von der Maschinenfabrik Augsburg dringend empfohlen.
Am 14. Mai musste Dieterichs seine Tätigkeit in Longeville vorübergehend unterbrechen, da er auf Anordnung des Büros Diesel in München einen Einsatz in der Gasmotoren-Fabrik Deutz AG wahrnehmen musste. Dort lief seit Ende 1898 der erste Deutz-Dieselmotor (Typ „V“) nach Augsburger Konstruktionszeichnungen der Zeichnungsserie XVI, ein Einzylinder-Kreuzkopfmotor 26/41 mit einer Leistung von 20 PS bei einer Drehzahl von 160 U/min, doch es kam laufend zu technischen Problemen [Köhler 2015]. Es handelte sich um den Motor, den Deutz im gleichen Jahr bei der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung in München ausstellte.
Nach wie vor unbefriedigende Situation
Als Karl Dieterichs nach seinem Einsatz in Köln am 5. Juni nach Longeville zurückkehrte, musste er enttäuscht feststellen, dass zwar die neue Lokomobile angeschlossen und den kleinen 8-PS-Dieselmotor versuchsweise auch schon angetrieben hatte, doch statt der vorgesehenen Drehzahl von 240 wurden nur 150 U/min erreicht. Bei einer Druckprobe des Luft-Anlassgefäßes platzte bei 70 bar Druck der Boden. Das Gefäß wurde durch ein neues, nunmehr nach Augsburger Zeichnungen gefertigtes ersetzt. Die Lagerschalen waren aber immer noch aus dem falschen Werkstoff, die Indiziervorrichtungen falsch angebracht, das Nadelgehäuse im Oberteil, wo Luft und Kraftstoff zugeführt werden sollten, war porös und damit unbrauchbar.
Dabei gab es bereits einen festen Termin für den ersten Selbstlauf des Motors, den 28. Juni, an dem in Longeville ein Aktionärstreffen stattfinden sollte. Drei Tage zuvor, am 25. Juni, war der Motor komplett zusammengebaut. Am 26.6.1898, einem Sonntag, wurde er zunächst durch einen Elektromotor bei 140 U/min gedreht, dann Petroleum eingeblasen – doch es erfolgte keine Zündung, obwohl der Motor zwei Minuten lang im Schleppbetrieb lief. Er wurde abgestellt, das Auslassventil demontiert – dichter Petroleumnebel quoll aus dem Zylinder. Nach einer Reinigung und dem Wieder-Zusammenbau folgte ein zweiter Versuch: nach 50-60 Umdrehungen zeigten sich jetzt einige Rauchwolken aus dem Auspuffende – kurz kam es zur Erleichterung aller Beteiligten zur lang erwarteten Zündung. Nach zwei Stunden wurde der Dieselmotor abgestellt und am 28. Juni den Besuchern der Fabrik vorgestellt und im Betrieb vorgeführt.
Bis dahin war der 8-PS-Motor noch ständig durch einen Riemen mit dem Dynamo verbunden, wobei die Drehzahl 140 U/min betrug. Als am 29. Juni der Riemen abgeworfen wurde, stieg die Drehzahl bis auf 225 U/min. Immer wieder waren Überholungsarbeiten erforderlich, doch nach dem Einbau eines verbesserten Kolbens lief der Motor am 9. Juli erstmals den ganzen Tag. Weil das Anlassventil unbrauchbar geworden war, erfolgte das Anlassen immer noch durch den Dynamo bzw. den Elektromotor. Nach dem Austausch des Anlassventils startete der Dieselmotor am 16. Juli zum ersten Mal mit Druckluft bei noch warmer Maschine, zwei Tage danach auch bei kaltem Motor.
In den Tagen danach wurden noch diverse Messungen durchgeführt und Arbeitsdiagramme ausgewertet. Endlich, am 23.7.1898, war der lange Auslandseinsatz von Karl Dieterichs beendet. Insgesamt 57 Tage verbrachte er allein in Longeville, um Dyckhoffs ersten 8-PS-Serienmotor zum Laufen zu bringen. Dies zeigt, wie schwer sich anfangs trotz der Unterstützung durch die Maschinenfabrik Augsburg sogar jene Dieselmotoren-Lizenznehmer taten, die - wie Frédéric Dyckhoff - auch Dampfmaschinen herstellten und bereits gute Anfangserfahrungen mit Dieselmotoren hatten.

Die Jahre danach
Frédéric Dyckhoff (Bild 10) war mit dem Dieselmotorengeschäft im Gegensatz zu anderen Herstellern dieser Zeit recht erfolgreich und vergab 1898/99 gleich drei französische Unterlizenzen. Seine Lieferliste von Februar 1899 umfasste vier Dieselmotoren mit je 4 PS Leistung, einen Motor mit 6 PS, vier Motoren mit 8 PS und sieben Motoren mit 20 PS. Sehr eingehend befasste er sich 1899/1900 mit der Entwicklung von Schiffsmotoren, dessen erster, ein Dreizylinder mit 13,2 cm Bohrung und 13,2 cm Hub eine Leistung von 15 PS bei einer für die damalige Zeit ungewöhnlich hohen Drehzahl von 600 U/min erreichte. Für diesen Motor entwickelte Dyckhoff eine eigene Umsteuerung, bei der durch Drehen verschiedene Nockenwellen in Eingriff gebracht wurden. Er ließ sich dieses System durch seine französische Patentschrift 285.444 vom 30.1.1899 (Renversement de marche dans les moteurs à combustion interne (Système Dyckhoff)) und durch sein deutsches Patent Nr. 107 359, eingereicht am 25.4.1899, schützen [Schnauffer 1958]. Es handelte sich um den ersten europäischen umsteuerbaren Dieselmotor (nur Hewes & Philips in den USA hatten schon einige Monate früher einen umsteuerbaren 5-PS-Dieselmotor gebaut [Köhler 2015]). Bekannt geworden ist die Société Française auch dadurch, dass zwei ihrer drei Lizenznehmer die ersten Dieselmotoren für den Einsatz in U-Booten fertigten (Details siehe „Dieselmotoren erobern den U-Bootmarkt“ in der Rubrik, „Sonstiges“). Bei der Pariser Weltausstellung 1900 erhielt der dort ausgestellte Zweizylinder-Dyckhoff-Dieselmotor mit 80 PS Leistung den „Grand Prix“ in der Kategorie Kraftmaschinen (siehe Beitrag „Dieselmotoren auf der 5. Pariser Weltausstellung 1900“ in der Rubrik „Dieselmotoren-Historikforschung“).

Ein weiterer Höhepunkt in Dyckhoffs Leben war 1903 der Einbau eines Einzylinder-Gegenkolben-Dieselmotors in den bis dahin nicht motorisierten Lastkahn Petit Pierre, der auf dem Rhein-Marne-Kanal verkehrte (siehe den Beitrag „Petit Pierre und Vandal – die ersten Schiffe mit Dieselmotorantrieb“ in der Rubrik „Sonstiges“). Zwar wurde dieser 25-PS-Motor nicht von Dyckhoffs Société Française selbst hergestellt, sondern in seinem Auftrag von seinem Lizenznehmer Sautter Harlé & Cie, Paris, doch ist davon auszugehen, dass Dyckhoff bei der Konstruktion und Herstellung mitwirkte und sich auch mit Rudolf Diesel darüber austauschte. Bild 11 zeigt den damals 20-jährigen Sohn von Frédéric Dyckhoff, Rudolphe Dyckhoff, am Steuerrad der Petit Pierre auf dem nahe an den beiden Dyckhoff-Fabriken vorbeifließenden Rhein-Marne-Kanal. Rudolphe interessierte sich schon als Jugendlicher für das Unternehmen seines Vaters und führte nach dessen Tod die Firma weiter.
Am 25.10.1903 nahm auch ein begeisterter Rudolf Diesel auf Einladung Dyckhoffs an einer mehrstündigen „Probefahrt“ der Petit Pierre teil.
Ab 1902 verschlechterte sich die Geschäftslage der Société Française zusehends. Es gab vor allem Probleme mit dem französischen Marineministerium, das die Erteilung von (weiteren) Dieselmotoren-Aufträgen für U-Boote bzw. andere Kriegsschiffe davon abhängig machte, dass die Gegenseitigkeits-Verpflichtung mit der Augsburger „Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren AG“ („Allgemeine“) aufgehoben wird. Es kam zwar im Juni 1904 zu einem gütlichen Übereinkommen zwischen der „Allgemeinen“ und Dyckhoffs Société Française, doch spätestens im Frühjahr 1909 muss der Lizenzvertrag vom 12.4.1897 annulliert worden sein.
Ein Jahr später verstarb Frédéric Dyckhoff am 5.7.1910 im Alter von erst 57 Jahren. Bestattet wurde er in der Ten-Brinck-Dyckhoff-Familiengruft auf dem Friedhof von Bar-le-Duc (auch sein Sohn Louis Rudolphe wurde nur 55 Jahre alt), Bild 12. Frédéric Dyckhoffs Frau Marie überlebte ihren Mann um 28 Jahre; sie verstarb, 82-jährig, im Jahr 1938.

Wie ging es mit Dyckhoffs Fabriken weiter?
Schon im Dezember 1908, zwei Jahre vor seinem Tod, hatte Frédéric Dyckhoff sein kaum noch Ertrag abwerfendes Unternehmen in Longeville-en-Barrois an die Société des ateliers et chantiers Augustin Normand aus Le Havre verkauft, nachdem er zuvor keinen Abnehmer für seine französischen Dieselmotoren-Patente fand und die ursprünglich von ihm bevorzugte Fusion mit A. Normand offensichtlich nicht zustande kam. Normand war jedenfalls spätestens ab Juni 1909 Inhaber der Diesel-Patente und wurde so zum Wettbewerber von Sautter Harlé & Cie. Es ist davon auszugehen, dass die Société Française spätestens zu diesem Zeitpunkt ihre Tätigkeit beendet hat und aufgelöst wurde.
1912 verkaufte der neue Besitzer Grund und Fabrikanlagen an Joseph Antoine Utard weiter, der in den Gebäuden eine Gießerei einrichtete [Naegel und Althuser 2008]. In Bild 8a ist der Name des letzten Besitzers weit sichtbar am Turm der früheren Fabrik zu erkennen. Wie schon dort vermerkt ist, wurde sie nach 2008 abgerissen. Zuletzt diente sie noch als Lagerhaus.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm der Sohn von Frédéric Dyckhoff, Louis Rudolphe Dyckhoff (1884-1939), die alte mechanische Fabrik seines Großvaters in Bar-le-Duc. Sie blieb noch bis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Familienbesitz. Wie sie nach Kriegsende genutzt wurde, ist nicht mehr bekannt, doch man konnte die Fabrikgebäude als unbenutzte Industriebrache noch bis 2010 sehen. Am 13.7.2010 brannte sie total aus (Bild 13).
Das einzige Gebäude, das aus der Ära Frédéric Dyckhoffs bis heute erhalten geblieben ist, ist seine Villa in Bar-le-Duc (Bilder 4, 14a und 14b). Erbaut wurde das Anwesen 1885, wie oben schon erwähnt nach den Plänen des Schwiegervaters von Frédéric Dyckhoff. Da Dyckhoff zu diesem Zeitpunkt noch in Paris für Gustave Eiffel arbeitete, ist zu vermuten, dass der Archtekt Demoget oder einer seiner Angestellten die Bauüberwachung übernahm.
Bewohnt wird das Anwesen heute von der immer noch recht rüstigen Marie-Rose Cochet (Bild 14b), die auch die Familienchronik und das Familienalbum verwaltet (aus dem sie einige Aufnahmen für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat). Frau Cochet ist die einzige Tochter von Charlotte Dyckhoff, der 1981 verstorbenen älteren Tochter von Frédéric Dyckhoff.


Weiterer beruflicher Werdegang von Karl Dieterichs
Karl Dieterichs wurde mit der Gründung der „Allgemeinen“ in Augsburg, wie auch die anderen Angestellten von Diesels Büro in München, als Angestellter übernommen. Er verließ jedoch die „Allgemeine“ schon wieder im September 1899, weil er sich angesichts der vielen Probleme mit den ersten ausgelieferten Dieselmotoren einen dauerhaften Aufschwung dieser Verbrennungskraftmaschine nicht vorstellen konnte. Vier Jahre lang arbeitete er zunächst für ein anderes Unternehmen auf dem Gebiet der Gasmaschinen; später wurde er zum Professor an die Universität Delft berufen.
Bildnachweis:
Bilder 5, 6 und 7: Historisches MAN-Archiv Augsburg
Bild 8: Wikipédia L’encyclopédie libre
Alle übrigen: Dyckhoff-Archive Marie-Rose Cochet und Vincent Zurawski, Frankreich
Literatur:
Althuser Jean-Michel und Naegel Paul-Antoine [2008]: Les débuts du moteur Diesel en France: Nouveaux éléments historiques. Connaissance de la Meuse, pp.2-7 >halshs-00441182< (Stand März 2018)
Anonym [1898]: Bericht über den Probelauf eines in Frankreich gebauten 8 PS-Dieselmotors im Jahr 1898 nach einem Reisebericht von Herrn Dieterichs. Dokument Historisches MAN-Archiv, Akt 55/II
Diesel Eugen [1937]: Diesel - Der Mensch, Das Werk, Das Schicksal. Erstauflage Hanseatische Verlagsanstalt AG, Hamburg, 1937/1940
Diesel Rudolf [1913]: Die Entstehung des Dieselmotors. Julius Springer Verlag Berlin-Heidelberg-New York. Erster limitierter unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1913, Steiger-Verlag Moers, 1894, ISBN 3-921564-70-0
Köhler Horst [2015]: Die ersten Dieselmotoren bis 1900 weltweit. Früherer Eigenverlag des Autors (die Druckauflage ist vergriffen)
Naegel Paul [2011]: Sidérurgies et métallurgies meusiennes. Journée d’études „Les industries de la Lorraine du XVIIIe s. à nos jours“. Mars 2011, France (Internet-Status März 2018)
Reuß Hans-Jürgen [1993]: Hundert Jahre Dieselmotor – Idee, Patente, Lizenzen, Verbreitung. Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co, Stuttgart, ISBN 3-440-06641-X
Schnauffer Karl [1958]: Lizenzverträge und Erstentwicklungen des Dieselmotors im In- und Ausland 1893-1909. Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte des Deutschen Verbrennungsmotorenbaues. Dokument aus dem Historischen MAN-Archiv
Danksagung:
Der erste Teil dieses Artikels wäre in diesem Umfang nicht ohne die Hilfe des Ur-Enkels von Frédéric Dyckhoff, Vincent Zurawski, Frankreich, möglich gewesen. Er stellte mir nicht nur eine größere Zahl von im Familienbesitz befindlichen historischen Aufnahmen zur Verfügung, sondern wurde nicht müde, im Zeitraum März und April 2018 meine vielen Nachfragen nach immer mehr Details geduldig zu beantworten; mitunter musste er dafür erst im Familienarchiv recherchieren und sich mit seinem Cousinen und Cousins besprechen. Dafür sei ihm herzlicher Dank ausgesprochen. H.K.
Dieser Beitrag wurde am 29. April 2018 online gestellt und am 3. Juli 2018 aktualisiert und erweitert, nachdem neue historische Dokumente und Fotos aufgetaucht waren.
Nachtrag vom 25. Dezember 2018:
Die im Text erwähnte Enkeltochter von Frédéric Charles Dyckhoff, Marie-Rose Cochet (siehe Bild 14b), verstarb am 30. November 2018 in der Dyckhoff-Villa. Beigesetzt wurde sie im großen Dyckhoff-Ten Brinck-Familiengrab in Bar-le-Duc neben ihren Eltern (siehe Bild 12).
https://dieselmotoren-historik.jimdoweb.com

Bildnachtrag vom 9. Dezember 2019:
Dieses bisher noch unveröffentlichte Privatphoto aus dem Nachlass der im November 2018 verstorbenen Dyckhoff-Enkeltochter Marie-Rose Cochet zeigt den damals 50-jährigen Frédéric Dyckhoff zusammen mit seiner Frau Marie und seinem 19-jährigen Sohn Louis-Rudolphe bei einer gemeinsamen Fahrt auf dem Lastkahn Petit Pierre .
Das Bild wurde im August oder September 1903 aufgenommen. Gut möglich, dass der Unternehmer Frédéric Dyckhoff Frau und Sohn anlässlich seines 50-jährigen Geburtstages am 6. September 1903 zu einer gemeinsamen Ausflugsfahrt auf dem Lastschiff eingeladen hatte, der um diese Zeit einen französischen 25-PS-Doppelkolben-Dieselmotor erhielt.
Das Bild stellte Vincent Zurawski, Frankreich, zur Verfügung.
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von Horst Köhler, Friedberg
Einleitung
Der Erfinder Rudolf Diesel hatte mit seiner Frau Martha, geborene Flasche, drei Kinder; wie er selbst kamen sie in Paris auf die Welt:
·
Rudolf Diesel jun. (1884-1944), der Erstgeborene, der das Thema dieses Artikels darstellt,
·
Hedwig Emma Diesel („Hedy“, 1885-1968), die später den Ingenieur Arnold („Ari“) Freiherr von Schmidt heiratete und mit ihm drei
Töchter und einen Sohn hatte, sowie
·
Eugen Diesel (1889-1970), dessen Frau Annaluise, geb. Gräfin von Waldersee, zwei Söhne und eine Tochter bekam; die Tochter Renate
Diesel verstarb jedoch schon als Zehnjährige.
Der jüngere Sohn Eugen brach zur großen Enttäuschung des Vaters im Jahr 1912 sein Maschinenbaustudium in München ab und trat damit auch nicht in dessen Fußstapfen. Er studierte stattdessen Biologie und Paläontologie und promovierte 1923 an der philosophischen Fakultät der Friedrichs-Wilhelms-Universität Berlin zum Dr. phil. Er brachte es als Schriftsteller, Vortragender, Vorstandsmitglied des Deutschen Museums und gefragtem Interessenvertreter seines verstorbenen Vaters zu einem gewissen Bekanntheitsgrad, wenn auch nicht zu Reichtum. Er schrieb gut ein Dutzend Bücher. Seine beiden Biografien über den berühmten Vater, „Diesel: Der Mensch, das Werk, das Schicksal“ (Erstauflage 1937) sowie „Jahrhundertwende - Gesehen im Schicksal meines Vaters“ (Erstauflage 1949) erschienen in mehreren Auflagen.
Im Gegensatz zu Eugen Diesel blieb sein älterer Bruder Rudolf, der sich mit seiner fast gleichaltrigen Schwester Hedwig sehr gut verstand, von der Gesellschaft weitgehend unbeachtet, mied die Öffentlichkeit und verließ schon in jungen Jahren das elterliche Haus. Eugen Diesel geht in den beiden genannten Biografien nur an ganz wenigen Stellen auf seinen Bruder ein und spricht von ihm, etwas distanziert, meist als „Diesels ältestem Sohn“ und nicht als „mein Bruder“. Wenig war bisher über sein Leben bekannt, was Grund genug ist, im nachfolgenden Beitrag neue Fakten und Erkenntnisse über sein (Familien-)Leben zusammenzutragen.
Geboren wurde Rudolf Diesel jun. am 26.11.1884 oder, nach anderen Quellen, am 24.11.1884 und nicht schon 1883, wie in einigen Biografien über seinen Vater zu lesen ist (das Paar Rudolf Diesel und Martha Flasche hatte erst am 24.11.1883 geheiratet). Zusammen mit den drei Kindern zog die fünfköpfige Familie Diesel im Februar 1890 von Paris nach Berlin um, wo der Vater die Berliner Linde-Vertretung übernahm. Zum Winterbeginn 1895 erfolgte dann ein weiterer Umzug nach München.
Wie Eugen Diesel berichtet, hatte sein Bruder Rudolf in der Schule Schwierigkeiten mit dem Fach Mathematik und erhielt Nachhilfeunterricht von seinem Vater [Diesel Eugen 1949]. Schon früh stellte sich heraus, dass Rudolf jun. nicht Ingenieur werden wollte und konnte (er selbst bezeichnete sich später als Diplom-Kaufmann). Seine Bindung an das Elternhaus war nicht allzu fest. Wie hier noch aufgezeigt wird, wohnte er ab seinem 18. Lebensjahr nur noch gelegentlich im elterlichen Haus.


Aufschlussreicher Fund: Interessantes Ausgabenbuch
Zufällig gelangte ich im Frühjahr 2018 in den Besitz von Kopien eines dünnen, in Leder gebundenen Ausgabenbuches im Format von etwa DIN A4, das auf dem Deckblatt mit „Rudolph Diesel jr.“ beschriftet ist. Die mitunter schwer zu entziffernden und sicherlich auch nicht vollständigen handschriftlichen Eintragungen (auf 1- 3 Seiten je Jahr) beginnen mit Blatt Nr. 13 mit dem Jahr 1905; die ersten 12 Seiten wurden offensichtlich aus dem Buch herausgerissen. Die Aufzeichnungen enden mit Juni / Juli 1913 mit Blatt Nr. 26; wenige Monate danach suchte der Erfinder Rudolf Diesel freiwillig den Tod [Köhler 2015].
Die Bilder 1 und 2 sind zwei willkürlich ausgewählte Seiten mit den Aufwendungen für die Kalenderjahre 1906 und für den Zeitraum Juli bis November 1912.
Die Geschichte des Ausgabenheftes ist erzählenswert. Der damals junge Bauarbeiter Rudolf Hattenkofer fand es bereits 1992 zusammen mit einigen frühen handschriftlichen Briefen des Vaters von Margarethe („Daisy“) Diesel, der zweiten Frau von Rudolf jun., und einem einzelnen Foto in einem Abfallcontainer vor dem seinerzeitigen „Heim für verwaiste Töchter“, dem heutigen Damenstift am Luitpoldpark in München. Rudolf Hattenkofer schenkte den Unterlagen offensichtlich keine allzu große Bedeutung, denn über ein viertel Jahrhundert lang bewahrte er sie auf, bevor er über die Website www.dieselmotoren-historik.com auf mich aufmerksam wurde und mir freundlicherweise einen Satz Kopien zur Auswertung überließ. Herr Hattenkofer kann sich an das Fundjahr und den genauen Fundort deswegen noch so genau erinnern, weil die dortige Baustelle eine seine allerersten mit mehr Verantwortung war.
Mir war bekannt, dass Daisy Diesel (im Verwandtenkreis wurde sie Daisy und nicht Margarethe genannt; dies wird deshalb in diesem Artikel so beibehalten), auf die am Ende dieses Artikels kurz eingegangen wird, bis zu ihrem Tod im Jahr 1992 in einem Altenheim in München wohnte. Da lag für mich sofort die Vermutung nahe, dass sie in dem heutigen Damenstift in der Parzivalstr. 63 gewohnt haben muss. Dies wurde mir von Frau Susanne Kropf, Ur-Enkelin des Erfinders Rudolf Diesel, die ihre Großtante Daisy mehrmals in dieser Einrichtung besuchte, bestätigt [Kropf 2018]. Nach ihrem Tod im Jahr 1992 muss entweder ein entfernter Angehöriger oder, aus meiner Sicht wahrscheinlicher, das Pflegepersonal die Unterlagen über den Container entsorgt haben. Denn Daisy Diesel selbst hatte zu diesem Zeitpunkt keine eigene Familie und auch keine direkten Nachkommen.
Wer führte das Ausgabenbuch?
Diese Frage wagte ich bei der ersten Ansicht der Blätter zunächst nicht sicher zu beantworten. Marion Diesel, die erste Frau von Rudolf jun., schied sofort aus, weil das Paar sich im ersten Jahr der Aufzeichnungen, 1905, noch gar nicht kannte. Das Ausgabenheft wurde zwar im Abfallcontainer vor dem Damenstift, also dem langjährigen Wohnort seiner zweiten Frau Daisy gefunden, doch auch sie scheidet schon allein deswegen aus, weil die Ehe erst 1941 geschlossen wurde, während die Eintragungen bereits mit dem Todesjahr des Erfinders (1913) enden. Auch Martha Diesel, die Ehefrau von Rudolf Diesel, kommt als mögliche Urheberin nicht infrage: sie befasste sich kaum mit Geldangelegenheiten, schon gleich gar nicht mit den Ausgaben ihres ältesten Sohnes Rudolf jun.
Es verbleiben demnach als Urheber der Aufzeichnungen nur Rudolf Diesel jun. selbst oder sein Vater, der Erfinder. Für den Vater spricht, dass er ausgerechnet in kleinen Dingen sehr genau und sparsam war (die seinerzeit noch sehr wohlhabende Familie schaffte sich ihr erstes Telefon, ihre erste Schreibmaschine und ihr erstes Auto trotzdem erst relativ spät an) und dass andererseits sein Sohn Rudolf kein großes Interesse daran hatte, über Jahre hinweg Ausgaben festzuhalten – zumal er einen großzügigen Vater besaß.
Für eine endgültige Aussage reichte mir dies nicht aus. So führte ich zunächst einen Schriftvergleich mit Handschriften von Vater (aus dem Jahr 1913) und Sohn (aus dem Jahr 1936) mit den handgeschriebenen Ausgabeneintragungen durch. Bild 3 ist eine Gegenüberstellung der typischen Schreibweisen der Großbuchstaben des Erfinders und seines Sohns Rudolf jun. Die Schreibweise der beiden ist zwar recht ähnlich, trotzdem schrieb der Vater einige Anfangsbuchstaben, die im Ausgabenbuch häufig vorkommen, anders als der Sohn. Dies spricht für den Vater als Urheber. Man mag einwenden, dass die Bucheintragungen aus dem Zeitraum 1905-1913 stammen, die Schriftproben von Rudolf Diesel jun. aber aus dem Jahr 1936. Dies ist eine lange Zeitspanne, in der sich die menschliche Handschrift durchaus ändern kann [Köhler 2017].

Doch weitere Tatsachen sprechen aus meiner Sicht endgültig für den Vater als Urheber. Zunächst ist auffällig, dass die Aufzeichnungen ausgerechnet wenige Wochen vor dem Tod des Erfinders enden. Gegen eine mögliche Urheberschaft des Sohnes Rudolf jun. spricht beispielsweise, dass mehrfach von „Feriengeld“, „Taschengeld“ und „monatlichen Zuschüssen“ die Rede ist. Es macht aber keinen Sinn, wenn der Sohn in einer Ausgabenaufstellung Zuschüsse des Vaters als Ausgaben auflisten würde. Entscheidend für mich ist auch der Vermerk „abzüglich seines Gehalts“ bei einigen aufgeführten Reiseausgaben, wie z.B. bei dem Aufenthalt von Rudolf jr. in London vom 26.11. bis zum 31.12.1905. Dort wurde von den tatsächlichen Aufwendungen von 988 M ein Abzug von 100 M mit dem Vermerk „hiervon ab sein Gehalt von £ 1 je Woche“ gemacht. Aus Sicht des Vaters hat er also „nur“ 888 M an Reisekosten bezahlt, 100 M hat offensichtlich sein Sohn beigesteuert.
Damit war für mich klar, dass der Vater und nicht sein älterer Sohn die Ausgaben festgehalten hat. Dieser Tatsache verdanke ich viele der in diesem Beitrag erwähnten bisher unbekannten Details zur Diesel-Familiengeschichte und zum Leben des jungen Rudolf jun. in der Zeit von 1905-1913. Rudolf Hattenkofer, der das offensichtlich achtlos weggeworfene Heft in München gefunden und lange Zeit verwahrt hat, wird diese Schlussfolgerung freuen; er besitzt damit ein historisch wertvolles und äußerst interessantes handschriftliches Unikat des Erfinders Rudolf Diesel.
Die Kindheit und Jugend von Rudolf jun.
Seine ersten Lebensjahre verbrachten Rudolf jun. und seine jüngeren Geschwister Hedwig und Eugen bei seinen Eltern, wie oben erwähnt zunächst noch in Paris, dann ab Februar 1890 in Berlin. Es ist anzunehmen, dass der Erfinder in den Pariser und Berliner Jahren noch genügend Zeit für seine Familie aufbringen konnte. Doch ab Ende 1891 / Anfang 1892 änderte sich dies grundlegend, denn neben der beruflichen Tätigkeit für seinen Arbeitgeber kamen in den Abendstunden und an den Wochenenden zeitintensive theoretische Arbeiten für seinen neuen Verbrennungsmotor hinzu. Fast gleichzeitig folgten Patentanmeldung (Februar 1892), sein erstes Buch (erschienen Ende Dezember 1892), Korrespondenz und Gespräche mit potentiellen Herstellern seines Motors, vor allem mit der Maschinenfabrik Augsburg und Fried. Krupp in Essen, Konstruktionsarbeiten für den ersten Augsburger Versuchsmotor 15/40 (Frühjahr bis Sommer 1892), Vertragsverhandlungen und Vertragsunterzeichnung, verbunden mit zahlreichen Reisen (Februar / März 1893) und unangenehme Auseinandersetzungen mit hartnäckigen Kritikern seines Motorpatents [Köhler 2015]. Als der Erfinder im Frühjahr 1893 seinem Arbeitgeber Carl Linde kündigte und sich selbständig machte, wurde es allerdings nicht besser, denn nun war er bei der Maschinenfabrik in Augsburg, später MAN, unabkömmlich. Er sah seine weiterhin in Berlin wohnende Familie nur noch an den Wochenenden, und auch da nicht jede Woche. Erst im Dezember 1895 zog Martha Diesel mit ihren Kindern nach München und die fünfköpfige Familie war wieder vereint.

Vermutlich hat der feinfühlige Rudolf jun. unter dem häufigen Fehlen seines Vaters sehr gelitten. Er hielt sich von dem gesellschaftlichen Leben fern, das in der im Frühjahr 1901 bezogenen neuen und herrschaftlichen Diesel-Villa in München häufig stattfand. Immer weniger suchte er die Geborgenheit und Harmonie seiner engsten Angehörigen. Das eigens für ihn eingerichtete Zimmer in der Villa blieb meist leer. Wo sich er sich als Jugendlicher aufhielt, ist nicht überliefert [Diesel Eugen 1937]. Andererseits genoss er durchaus die regelmäßigen Ausflüge mit der Familie, so z.B. schon 1894 in den Harz (Bild 4), den gemeinsamen Urlaub in den Dolomiten (1899) und, nachdem der Vater 1905 sein erstes Automobil, einen NAG-Siebensitzer, bekam, die regelmäßigen sommerlichen Auto-Ausflüge innerhalb Deutschlands und in verschiedene Nachbarländer, die gelegentlich sogar mehrere Tage dauerten.
Doch durch den Fund des vom Vater geführten Ausgabenheftes ist heute zumindest für die Zeit ab Ende 1905 bis Sommer 1913 bekannt, was die wesentlichen Lebensstationen von Rudolf jun. waren und wo er sich aufhielt, siehe die nachstehende Tabelle. Bemerkenswert dabei ist, wie großzügig der Vater über all die Jahre hinweg die Aufenthalte und die Ausbildung seines Erstgeborenen finanzierte.
Ein Vergleich macht dies besonders deutlich: im Jahr 1906 betrug der Monatslohn eines einfachen Münzarbeiters in München lediglich 92 M (Quelle: Wikipedia: Deutsche Währungsgeschichte).
Aufenthaltsorte von Rudolf Diesel jun. in der Zeit zwischen Ende November 1905
und Sommer 1909
|
Zeitraum |
Ort |
Finanzielle väterliche Unterstützung, M |
Anmerkungen von Rudolf Diesel im Ausgabenheft |
|
26.11-31.12.1905 |
London, Paris, St. Moritz |
988 (incl. 150 M für einen Frackanzug) |
abzügl. 100 M „nach Abzug seines Gehalts“ |
|
1.1.-1.4.1906 |
England (London ?) |
1.268 |
|
|
1.4.-31.12.1906 |
Köln |
2.524,35 |
|
|
Juli - September 1906 |
St. Blasien, Bad Reichenhall, München |
keine Angabe |
„der Aufenthalt in St. Blasien, Reichenhall und München sind nicht berechnet“ |
|
Januar - September 1907 |
Köln |
1.847,50 |
„Unterhalt“ |
|
10.4.-10.11.1908 |
Hamburg |
3.195 |
„davon 2.175 M für die Pension“ |
|
14.3.-14.6.1909 |
Berlin |
985 |
zuzügl. 143 M für Reisen zwischen München und Berlin |
Interessant die notierten Kostenangaben zur Ausbildung von Rudolf jun. Da übernahm der Vater beispielsweise im Jahr 1907 die Studiengelder und Anschaffung von Büchern in Höhe von 259,50 M für den damals 23-Jährigen, zahlte 1.069 M für eine Orientreise Rudolfs mit dessen Handelsschule und einen Esperanto-Kurs. Bei der gemeinsamen Familien-Autoreise nach Frankreich im gleichen Jahr beziffert der Vater den auf seinen älteren Sohn fallenden Anteil mit 607 M und bemerkt dazu wörtlich „5. Teil des Gesamtaufkommens“ (d.h. 1/5 der angefallenen Kosten für die gesamte Familie waren Ausgaben für den ältesten Sohn). Im Frühjahr 1908 übernahm der Erfinder die Kosten für Schreibstunden von Rudolf jun., Prüfungsgebühren und einen Stenografie-Kurs und ein Jahr später die Teilnehmer-Gebühren für eine Berlitz-Sprachschule. Für Juni 1909 findet sich in Diesels Aufzeichnungen ein Betrag von 130 M für eine „Reise nach Berlin zur Verhandlung zum Eintritt in die Überseeische Bank“ und für Dezember 1909 51,50 M für weitere Sprachstunden.
Doch nicht nur die schulisch bedingte Ausbildung und den Aufenthalt an verschiedenen Orten inclusive der angefallenen Reisekosten übernahm der Vater (pflichtgemäß), sondern er finanzierte auch die Freizeitunternehmungen und Vergnügungen seines bereits im Erwachsenenalter befindlichen Sohns, wie folgende Eintragungen zeigen:
· 1907: Vergnügungsreisen und Studienfahrten (109,70 M), Carneval (50 M), Theater (18,60 M), Tennis (55 M)
· 1908: Amusements mit Freunden, Theater (78 M), Theater in München (23,60 M), ja sogar ein Segelboot für 200 M
· 1909: Reitstunden (120 M), Bootsunkosten (50 M), Geschenk zur Verlobung seiner Schwester Hedwig (100 M).
Dazu kamen zusätzliche, nicht unbeträchtliche finanzielle Leistungen. Allein für das Kalenderjahr 1907 summierten sich die Gesamtaufwendungen für Rudolf jun. auf 5.531,40 M, also in einer Zeit, in der der Erfinder kein mehrfacher Millionär mehr war und bemerkt haben musste, dass sein Vermögen zusehends schwindet. Selbst in den ersten Monaten seines Todesjahres 1913 überwies er noch monatlich 500 M Lohn für den damals 29-Jährigen (und dessen junge Familie). Es scheint, als ob der Vater seine frühere häufige Abwesenheit von Zuhause später durch großzügige Zahlungen kompensieren wollte.
Das Amerika-Abenteuer, erste Heirat
Anfangs 1910 beunruhigte eine besondere private Begebenheit die Familie Diesel in München. Rudolf Diesel jun. hatte sich in die junge hübsche Marion Besold verliebt, die die Familie jedoch wegen ihres „arroganten Verhaltens“ als evtl. künftige Ehefrau ablehnte. „Um auf andere Gedanken zu kommen“ schickten die besorgten Eltern ihren Sohn Ende Dezember 1910 nach New York und übernahmen dafür die Kosten von insgesamt 2.242 M, zuzüglich 500 M „Bezahlung seiner Schuld“ plus 400 M „Zulage im Dezember“, wie es im Ausgabenbuch vermerkt ist Durch die Kontakte des Vaters zu Thomas Edison gelang es, den Sohn in dessen amerikanischen Unternehmen unterzubringen. Doch die offensichtlich schwangere Marion Besold reiste ihrem Freund mit dem nächsten Schiff nach. Es wurde sofort geheiratet und am 20.9.1911 gebar sie in New York einen Sohn, den das Paar Mortimer nannte [von Schmidt 1948].
Was in der breiten Öffentlichkeit bis heute nicht bekannt ist: Rudolf Diesel jun. hat seine Vaterschaft nie wirklich bestätigt und Mortimer offiziell nicht als seinen eigenen Sohn anerkannt, auch wenn er immer in rührender Weise zu ihm stand, die Stelle des eigentlichen Vaters übernahm und seinen Sohn überaus liebte – auch wenn diese Liebe in späteren Jahren nur selten erwidert wurde.
Aus dem Kreis der Nachfahren der Familie Diesel heißt es noch heute, dass Rudolf jun. Marion Besold in den USA aus Mitleid und Rücksichtnahme geheiratet hat. Umso tragischer für Rudolf jun. war, dass diese Ehe nicht glücklich war. Später, nach dem Tod des Erfinders Rudolf Diesel, der seiner Schwiegertochter Marion mehrmals teure Bekleidungsstücke schenkte, zeigte Marion Diesel gegenüber ihrem Mann anstelle von Zuneigung oder wenigstens Verständnis für seine besondere Situation eher Verachtung.
Als das Ehepaar Rudolf und Martha Diesel am 26.3.1912 zu seinem zweiten Amerika-Aufenthalt aufbrach (der erste war im November 1904), war es das Hauptziel von Martha Diesel, ihren Sohn Rudolf jun. zu besuchen und zum ersten Mal ihren Enkel zu sehen. Ob Rudolf und Martha Diesel schon vor der Begegnung den Plan hatten, bei dem Zusammentreffen das Paar mit ihrem Kind zur Rückkehr nach München zu bewegen, oder ob sich diese Diskussion spontan erst beim Wiedersehen in New York ergab, ist unbekannt. Jedenfalls ließ sich die junge Familie zu einer Rückreise nach Deutschland im April 1912 bewegen; die Passage- und sonstigen Kosten von insgesamt 1.464,35 M gemäß Ausgabenheft übernahm wieder der Vater.
Der Erfinder stellte seinem ältesten Sohn und dessen Familie nach erfolgter Rückkehr in der Münchner Cuvilliéstraße in Bogenhausen eines seiner Häuser, nur ein paar Straßen von der Diesel-Villa entfernt (vermutlich unentgeltlich), zur Verfügung und beschäftigte ihn als hauptamtlichen Verwalter seiner gesamten Immobilien. Monatlich überwies er ihm 500 M, unterstützte jedoch die Familie zusätzlich finanziell.
Im Juli 1912 wurde der Enkel des Erfinders in München getauft und erhielt bei dieser Gelegenheit den endgültigen Namen Arnold. Im September 1912 wurde im Familienkreis Arnolds erster Geburtstag gefeiert.
Nach dem Tod des Vaters vor dem Nichts
Nach dem für alle überraschenden (Frei-)Tod von Rudolf Diesel in der Nacht vom 29. auf den 30.9.1913 [Köhler 2015] war für Rudolf Diesel jun. alles anders als zuvor: er verlor nicht nur den ihn umsorgenden und unterstützenden Vater, sondern auch seine gute Arbeitsstelle und damit sein sicheres Einkommen, seine Wohnung und sein bis dahin angesammeltes, eher geringes Vermögen. Er war plötzlich verarmt – und musste sich als vorübergehender Arbeitsloser auch noch die Vorwürfe seiner Frau Marion anhören, die mit ihrem Hang zu teuren Luxusgütern deutlich zurücktreten musste. Nachkommen der Diesel-Familie berichten, dass Marion ihrem Mann geradezu ein „Höllenleben“ bereitete. Von den damaligen engen Verwandten wurde der melancholische Rudolf jun. als anhänglicher Mensch mit trotzdem viel Humor geschildert.

Rudolf Diesel jun. suchte und fand wieder Arbeit. Nach dem Tod des Vaters zog er zunächst mit Frau und Kind nach Essen und arbeitete dort ungefähr acht Jahre lang bei Fried. Krupp; wegen seiner guten Sprachkenntnisse hatte man ihn als Auslandskorrespondent eingestellt. In dieser Zeit entstand auch das in Bild 5 gezeigte Portrait von Rudolf jun. und Arnold; beide scheinen sich tatsächlich nicht allzu ähnlich zu sehen.
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte die Familie nach München zurück, wo Rudolf Diesel jun. zum Jahresbeginn 1925 vom ADAC als beamteter Referent für allgemeine Presse- und Auslandsbeziehungen Arbeit fand. Sein Monatsgehalt betrug selbst zwei Jahre nach seiner Einstellung nur 350 M, äußerst wenig im Vergleich zu den früheren monatlichen Zahlungen und sonstigen großzügigen Zuschüssen des Vaters. Er musste nunmehr ja auch für die Miete seiner einfachen Wohnung in der Münchner Ainmillerstr. 31 selbst aufkommen. Denn die nächsten Angehörigen des verstorbenen Erfinders Rudolf Diesel, vor allem seine Ehefrau Martha, durften im Herbst 1913 weder die exklusive Diesel-Villa, noch andere Immobilien des Vaters, noch Ersparnisse behalten.
Briefe an die deutsche Industrie
So war Rudolf Diesel jun. gezwungen, zusätzliche Gelder für den Lebensunterhalt seiner Familie zu generieren, zumal seine Frau Marion offensichtlich keiner eigenen Arbeit nachging. Die Folge waren verschiedene Bittbriefe an die deutsche Motorenindustrie, insbesondere an die MAN, wie man aus den entsprechenden Dokumenten im Historischen MAN-Archiv ersehen kann. In einem Schreiben vom 14.4.1927 an Freiherrn Theodor von Cramer-Klett jun., Sohn des gleichnamigen früheren Eigentümers der Maschinenbau Actiengesellschaft Nürnberg, bat er um einen Zuschuss für die Ausbildung seines damals 15 ½ Jahre alten Sohnes Arnold, da, wie er schreibt, „ich bald nicht mehr in der Lage sein werde, die Prämien für meine Lebensversicherung aufzubringen, somit im Falle meines Ablebens meine Familie der Not preisgegeben sein würde“. Dank der Fürsprache und Vermittlung von Cramer-Klett jun. erhielt Rudolf Diesel jun. noch im gleichen Jahr ein zweckgebundenes Stipendium der MAN, was die finanzielle Situation für ihn etwas erleichterte, auch wenn er seine Lebensversicherung nach wie vor nicht bezahlen konnte.
Drei Monate später besuchte Rudolf Diesel jun. zusammen mit seinem Sohn das damalige MAN-Vorstandsmitglied Imanuel Lauster (ab 1932: Vorstandsvorsitzender) in Augsburg und erbat Hilfe. Lauster überreichte Rudolf Diesel jun. bei diesem Gespräch 500 M in bar und ebnete den Weg für folgende weitere laufende Zuschüsse der MAN, zweckgebunden für die Ausbildung von Arnold Diesel:
· monatlich 150 M während der Schulzeit von Arnold auf dem Humanistischen Gymnasium München für die Zeit Juli 1927 bis April 1932, sowie
· monatlich 200 M ab April 1932 für vier Jahre für das (Jura-)Studium von Arnold in München.
Dies summierte sich innerhalb der acht Jahre Laufzeit auf einen Gesamtbetrag von 16.800 M für die Schulausbildung und das Studium von Arnold Diesel. Eine weitere Bitte um finanzielle Unterstützung richtete Rudolf Diesel jun. im September 1928 an Friedrich Carl Duisburg, Direktor und Vorstandsmitglied der Bayer AG. Auch in diesem Schreiben erklärte er, dass er sich nicht in der Lage sehe, seine Lebensversicherung zu begleichen. Ein ähnlicher Brief ging auch an Gebr. Sulzer in Winterthur in der Schweiz.
Arnold Diesel stand zum Jahresbeginn 1936 im Alter von 24 ½ Jahren kurz vor seinem Referendarexamen, an das sich eine dreijährige Referendarzeit anschließen sollte. Da die MAN-Studienbeihilfe auslaufen würde, wandte sich Rudolf Diesel jun., der mit seiner Familie seit einiger Zeit in der Münchner Unertlstr. 2/III wohnte, Anfang Januar 1936 erneut an die MAN und schilderte seine anhaltend schwierige finanzielle Situation. Wörtlich heißt es in diesem Brief:
„Schweren Herzens entschliesse ich mich, mich an Sie zu wenden und Sie zu bitten, die Beihilfe für die Dauer der Referendarzeit zu verlängern. Es bleibt mir kein anderer Ausweg. Ohne Ihre Hilfe ist das Durchhalten unmöglich und die einmal beschrittene Berufsausbildung meines Sohnes gefährdet“. Das Hilfegesuch war zumindest teilweise erfolgreich, denn die MAN stimmte die Zahlung einer Beihilfe für die Dauer eines Jahres zu (Bild 6).

Insgesamt hatte die MAN die Ausbildung und das Studium von Arnold Diesel in den Jahren 1927 bis 1938 mit einem Betrag von 22.000 M bezuschusst [Cummins 1993].
Tod der Ehefrau Marion und Wiederheirat
Bild 7 zeigt Rudolf und Marion Diesel in einer der ganz wenigen noch existierenden Aufnahmen, auf denen beide zu sehen sind. Es handelt sich um einen Ausschnitt eines Fotos mit einer größeren Gruppe von Diesel-Nachfahren, unter anderem zusammen mit der Witwe des Erfinders, Martha Diesel, aufgenommen anlässlich der Enthüllung des Reliefs von Rudolf Diesel im Deutschen Museum am 22.9.1932. Links neben Marion Diesel Hedwig von Schmidt, geb. Diesel, die Schwester von Rudolf Diesel jun., rechts Oskar von Miller, Gründer des Deutschen Museums München und Freund von Rudolf Diesel und seiner Familie.
Wie schon erwähnt, war die Ehe der beiden nicht ohne Spannungen. Marion Diesel musste nach dem Tod ihres Schwiegervaters Rudolf Diesel auf den Luxus und das sorgenfreie Leben verzichten, an das sie sich nach ihrer Eheschließung in den USA gewöhnt hatte. Rudolf Diesel jr. wiederum litt darunter, dass er nach dem Tod des Vaters zwar einen großen Namen trug, doch nun plötzlich vor dem Nichts stand. Die Erwartungshaltung seiner Frau und ihre Vorwürfe belasteten ihn zusätzlich.
Marion Diesel selbst wurde krank und starb schließlich im Jahr 1938.


Rudolf Diesel jun. fand in einer für ihn weiterhin sehr schwierigen Zeit doch noch sein großes Glück und heiratete am 7.8.1941 die damals 42-jährige Margarethe „Daisy“ Heiss, Tochter des Starnberger praktischen Arztes Dr. Adolf Heiss (Bild 8). Ihr Geburtsdatum und Geburtsort: 11.2.1899, Starnberg. Nach früherer Aussage seiner Schwester, Hedwig von Schmidt, war diese zweite Ehe sehr harmonisch und glücklich. Wörtliches Zitat: „…zum ersten Mal hatte er ein gemütliches gepflegtes Heim, gutes Essen und alle Sachen waren in Ordnung…“ [von Schmidt 1948]. Lediglich das unfreundliche Verhalten von Arnold Diesel vor allem gegenüber seiner Stiefmutter trübten die (nur wenigen) gemeinsamen Jahre des Ehepaares; Arnold Diesel zog schließlich später aus der elterlichen Wohnung in der Unertlstraße aus.

Bild 9 ist ein Familienfoto aus diesen guten Ehejahren; es stammt vom 15.11.1942 und zeigt Daisy und Rudolf Diesel jun. rechts hinten. Offensichtlich ist keine weitere Aufnahme bekannt, auf der man Rudolf jun. so ungezwungen lächeln sieht wie hier. Und auch Daisy Diesel strahlt ihren Mann geradezu an.
Die erwachsenen Personen auf diesem Bild sind von links nach rechts:
- Freiherr Arno von Schmidt, der ab 1910 in Rudolf Diesels (neuem) Münchner Konstruktionsbüro bis zum Tod seines Schwiegervaters beschäftigt war
- Annaluise Diesel, die Frau des jüngeren Erfindersohns Eugen Diesel
- Hedwig von Schmidt, Schwester von Rudolf Diesel jun. und Ehefrau von Arno von Schmidt
- Daisy und Rudolf Diesel jun.
- Ganz links Hans Jürgen Diesel und vorne rechts sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Rainer Wilhelm Diesel, beides Söhne des Ehepaares Eugen und Annaluise Diesel.
Umso schockierender für Daisy Diesel und die gesamte Verwandtschaft kam zwei Jahre später das unerwartete Ende von Rudolf Diesel jun.. Am 8.11.1944 stürzte sich der 60-Jährige wohl in einer Situation tiefster Verzweiflung von der (früheren) Großhesseloher Brücke in München in den Tod, die in 31 m Höhe die Isar überspannte. Offenbar hat er es zeitlebens nie überwunden, dass er als direkter Nachfahre des berühmten und weltweit verehrten und geehrten Erfinders immer in dessen Schatten stand und zur Sicherung des Lebensunterhaltes seiner Familie auf Spenden anderer angewiesen war. Seelisch schwer zu schaffen machte ihm sicherlich auch sein Sohn Arnold.
Die Brücke, die von 1983 bis 1985 durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt wurde, hatte insofern eine fragwürdige „Berühmtheit“, weil von ihr zwischen 1877 und 1978 etwa 290 Personen durch einen Sprung in die Tiefe ihrem Leben ein Ende setzten (WIKIPEDIA, Stand Mai 2018).
Wo Rudolf Diesel jun. seine letzte Ruhestätte fand und ob und wo er kirchlich beerdigt wurde (wie die meisten „Diesels“ in direkter Linie war er evangelisch), ist wohl nicht (mehr) bekannt.
Zwei Jahre später, 1946, schied auch sein Sohn Arnold freiwillig aus dem Leben. Kaum noch etwas ist dazu bei den heutigen Diesel-Nachfahren bekannt: der Enkel des Erfinders hat entweder in Nürnberg Selbstmord begangen [Kropf 2018], nach einer anderen Quelle in Fürth [Historisches MAN-Archiv 2004]. Damit starben nacheinander der Erfinder Rudolf Diesel selbst, sein Sohn Rudolf Diesel jun. und dessen Sohn Arnold Diesel durch Suizid [Köhler 2015].
Die Witwe Daisy überlebt ihren Mann um 48 Jahre
Daisy Diesel blieb nach dem Tod ihres Mannes zunächst weiterhin in der Unertlstraße wohnen. Mitbewohnerin wurde ihre Schwester, Frau Melbourne, die entweder geschieden oder verwitwet war und für das Münchner Amerika-Haus arbeitete. Die Rente von Daisy Diesel war sehr gering, doch dank ihres Talentes gelang es ihr, berühmte alte Gemälde und Bilder zu kopieren und damit ein Nebeneinkommen zu erzielen. Viele Kunden für ihre Gemäldekopien vermittelte ihre Schwester durch ihre Kontakte im Amerika-Haus; oft handelte es sich bei den Käufern um amerikanische Besatzungssoldaten [Kropf 2018].
Wann Daisy Diesel in das heutige Damenstift am Luitpoldpark eingezogen ist, konnte bisher nicht ermittelt werden. Es muss jedoch spätestens im Winter 1972/73 geschehen sein. Dafür spricht der Fund von vier Überweisungsträgern eines Dr. Hansjörg Frühwald, Mitglied der früheren Geschäftsführung der Axel-Springer-Verlag AG in Hamburg, über jeweils 100 DM aus dem Jahr 1973 (entspricht in der heutigen Kaufkraft etwa je 170 €). Die Überweisungsträger lagen 1992 in dem gleichen Abfallcontainer, in dem Rudolf Hattenkofer auch das Ausgabenheft von Rudolf Diesel fand. Empfängerin war jeweils Daisy Diesel. Auf einem der Überweisungsträger (Bild 10) ist die volle Empfängeranschrift angegeben: Daisy Diesel, 8000 München 40, Parzifalstr. 63 – die genaue Anschrift des Damenstifts bis heute. Auf einem anderen Überweisungsschein ist auf der Rückseite das Bankinstitut und der genaue Überweisungstag zu entziffern: Deutsche Bank Hamburg, 15. Februar 1973. Ob die Zahlungen von Dr. Frühwald eine freiwillige Unterstützung für Daisy Diesel darstellten oder ob damit ein von ihr verkauftes Gemälde abbezahlt wurde, bleibt ungeklärt, auch, wie lange die Zahlungen anhielten.

Demnach gilt wohl eine im Historischen MAN-Archiv vorliegende kurze Notiz vom 15.12.1976, nach der Daisy Diesel zu diesem Zeitpunkt noch in der Unertlstraße wohnte, als überholt. Mein Versuch, diese Angelegenheit durch eine Nachfrage (vom 9.3.2018) bei der Pflegedienstleitung des Damenstifts nach der genauen Aufenthaltszeit von Daisy Diesel im Heim endgültig zu klären, führte leider zu keinem Ergebnis. Überraschenderweise ist eine Daisy Diesel in dieser Einrichtung unbekannt (pers. Email des Damenstifts am Luitpoldpark vom 16.4.2018 an den Autor).
Margarethe Daisy Diesel, eine der letzten weiblichen Träger des Namens Diesel, verstarb am 7.4.1992 im Damenstift im hohen Alter von 93 Jahren. Am 13.4.1992 wurde sie in München eingeäschert und die Urne anschließend nach Starnberg überführt. Im dortigen Friedhof an der Hanfelder Straße befindet sich eine Grabstätte Heiss (M-195/196), vermutlich das Grab der Eltern von Daisy Diesel, in der die Urne am 8.5.1992 beigesetzt wurde (pers. Mitteilungen der Gräberverwaltung der Städtischen Friedhöfe München vom 4.6.2018 sowie der Gewerbe- und Friedhofsverwaltung Starnberg vom 5.6. und 6.6.2018 an den Autor). Damit ist durch meine Recherchen ihre letzte Ruhestätte im Gegensatz zu der ihres Mannes Rudolf Diesel jun. und ihres Stiefsohns Arnold bekannt.
Von Arnold Diesel kennt man bis heute nicht einmal seinen genauen Todestag und auch nicht, wie und wo er zu Tode kam.
Danksagung
Frau Susanne Kropf, Wels, Österreich, bin ich zu besonderem Dank verpflichtet. Sie hat mir so manchen hilfreichen Hinweis bei der Recherche gegeben, einige Familienfotos zur Verfügung gestellt und mit mir darüber hinaus weitere Details aus der frühen Diesel-Familiengeschichte ausgetauscht. Auch Herrn Rudolf Hattenkofer danke ich dafür, dass er mir Scans seines Fundes aus dem Jahr 1992 zur Auswertung zur Verfügung stellte. Mein Dank gilt schließlich dem Historischen MAN-Archiv, in dem ich in verschiedene Briefe von Rudolf Diesel jun. Einsicht nehmen konnte.
Allein schon deshalb, weil dieser Artikel nach vorliegender Dokumentenlage wahrscheinlich die erste umfangreiche biografische Arbeit über den Erfindersohn Rudolf Diesel jun. ist, ist die Diesel-Familienforschung noch lange nicht abgeschlossen. Wer unter den Lesern dieses Beitrages Ergänzungen oder Korrekturen anbringen oder mit mir über das Thema „Rudolf Diesel jun.“ diskutieren möchte, ist herzlich eingeladen, mit mir über das Kontaktformular von www.dieselmotoren-historik.com oder gerne auch schriftlich oder per Fax (siehe Kategorie „Impressum“ in der Fußzeile jeder Unterseite) Verbindung aufzunehmen.
Literatur:
Cummins Lyle [1993]: Diesel’s Engine – Volume One - From Conception to 1918. Carnot Press, Wilsonville, Oregon, USA, ISBN 0-917308-03-4
Diesel Eugen [1937]: Diesel: Der Mensch – Das Werk – Das Schicksal. Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 1. Auflage, 1937
Diesel Eugen [1949]: Jahrhundertwende - Gesehen im Schicksal meines Vaters. Reclam-Verlag Stuttgart
Historisches MAN-Archiv [2004]: Stammbaum Diesel. Einseitige Zusammenfassung vom 17.11.2004
Köhler Horst [2015]: Rudolf Diesel: Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. 2. Auflage Dezember 2015, Context-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-939645-57-3
Köhler Horst [2017]: Handschrift von Rudolf Diesel im Verlauf seines Lebens. www.dieselmotoren-historik.com, Rubrik „Sonstiges“, 7.5.2017
Kropf Susanne [2018]: pers. Mitteilungen an den Autor März bis Anfang Juni 2018
von Schmidt Hedy [1948]: Lebenserinnerungen. Dokument im Historischen MAN-Archiv
Schmidt Helmut [1993]: Die Augsburger Familie Diesel und ihre Nachkommen. Rudolf-Diesel-Gymnasium Augsburg. Jahresbericht 1992-1993, S.85-93
Dieser Beitrag wurde am 16. Juni 2018 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg
Teilzusage von Heinrich Buz an Rudolf Diesel
Mit Schreiben vom 20. April 1892 an Rudolf Diesel in Berlin gab der alleinverantwortliche Generaldirektor der Maschinenfabrik Augsburg, Heinrich Buz, dem Erfinder nach einer anfänglichen Absage nunmehr vorsichtig zu erkennen, dass sein Unternehmen aufgrund der von Rudolf Diesel zwischenzeitlich vorgenommenen technischen Zugeständnisse (nur flüssige Kraftstoffe statt Kohlenstaub, deutliche Reduzierung des Verbrennungsdruckes und Reduzierung der Motorleistung) doch bereit sei, „unter Umständen die Ausführung einer Versuchs-Maschine zu übernehmen … wobei zunächst nur der erste Schritt gemacht werden soll, um zu erfahren, ob das System überhaupt praktisch ausführbar ist“. Im letzten Absatz dieses Briefes heißt es dann weiter: „Wir stellen Ihnen nun anheim uns zunächst Constructions-Zeichnung einer solchen Maschine vorzulegen und würden Sie alsdann eventuell zu weiterer persönlicher Verhandlung einladen“.
Rudolf Diesel hatte schon im Vorfeld in Berlin drei "Ausführungsskizzen" für einen Zweizylinder-Versuchsdieselmotor mit 22,5 cm Kolbendurchmesser und einer indizierten Leistung von 50 PSi fertiggestellt. Er war deshalb in der Lage, diese Dokumente zusammen mit einer vierseitigen handschriftlichen Erläuterung sofort nach Augsburg schicken. Doch die Maschinenfabrik Augsburg stellte sich einen Einzylindermotor mit kleinerer Bohrung und entsprechend geringerer Leistung vor und bat Diesel am 25. April 1892 schriftlich, seine ursprünglichen Entwürfe entsprechend abzuändern. Unter hohem Arbeitseinsatz und nur mit Hilfe seines (ersten) Angestellten, des Dresdener Konstrukteurs Johannes Nadrowski, konnte er diese Aufgabe bereits am 4. Juli beenden. Eine bindende vertragliche Vereinbarung gab es zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht (sie erfolgte zwischen R. Diesel und der Maschinenfabrik Augsburg erst am 21. Februar 1893), doch es gab eine mündliche Zusage als Ergebnis eines Treffens von Heinrich Buz, Lucian Vogel, wahrscheinlich auch mit dem einflussreichen Dampfmaschinen-Konstrukteur Josef Krumper sowie mit Rudolf Diesel im September 1892 in Augsburg.
Bei Lucian Vogel (1855-1915, Bild 1) handelte es sich um einen guten Bekannten Diesels aus der früheren Münchner Studienzeit; er war inzwischen Oberingenieur der Augsburger Eismaschinenabteilung - und Schwiegersohn von Heinrich Buz, dessen jüngste Tochter Emma er geheiratet hatte. Von 1893 bis 1897 war ihm der Versuchsraum für den Dieselmotor unterstellt, vermutlich zusätzlich zu seinen eigentlichen Aufgaben in der Eismaschinenabteilung

Eigentlich hätte der Erfinder vereinbarungsgemäß selbst die vielen Werkstattzeichnungen für die Bauteile des Motors erstellen müssen, doch Rudolf Diesel war einerseits kein Verbrennungsmotoren-Fachmann, sondern Kälteingenieur, und außerdem durch seine damalige berufliche Tätigkeit als Leiter der Berliner Linde-Vertretung zeitlich voll ausgelastet. Auf seine Bitte hin hatte sich deshalb ab Juli 1892 die Maschinenfabrik Augsburg mehr und mehr eingeschaltet. Hauptsächlich war es auf Augsburger Seite Lucian Vogel, der in enger Abstimmung mit dem Erfinder diese Aufgabe übernahm. Vor allem hatte Vogel dem Erfinder die werksinternen verwaltungstechnischen Dinge abgenommen und ihm dadurch viel Zeit (und wohl auch Ärger) erspart. Nicht immer setzte sich Diesel mit seinen Konstruktionsideen durch: so plädierte er beispielsweise für ein geschlossenes Kurbelgehäuse, doch die Maschinenfabrik Augsburg blieb der im Dampfmaschinenbau bewährten offenen Bauweise treu.
Unter Druck stehendes Kraftstoffgefäß mit Nadelventil statt Kraftstoffpumpe
Lucian Vogel (Bild 1) arbeitete in der ersten Zeit der äußerst spannenden Entstehungsgeschichte des Dieselmotors intensiv an den Konstruktionszeichnungen für die Werkstatt mit und berechnete außerdem alle wichtigen Teile selbst. Aus Angst vor einer zu hohen Belastung der Kurbelwelle - weil Diesel nicht einschätzen konnte, bei welchen Zylinderdrücken sein Verfahren problemlos arbeiten würde, wurde der Versuchsmotor für einen Verbrennungsdruck von ca. 100 bar ausgelegt - änderte Vogel die Motor-Hauptabmessungen und den Verdichtungsdruck mehrmals. Alle dadurch entstandenen Konstruktionsänderungen wurden in Augsburg ausgeführt (Bild 2); Rudolf Diesel beteiligte sich von Berlin aus durch eine rege Korrespondenz mit seinen eigenen konstruktiven Ideen. Ende November 1892 erhielt er aus Augsburg insgesamt 18 Konstruktionszeichnungen für einen Versuchsmotor mit 15 cm Kolbendurchmesser und 40 cm Hub. Nicht alles daran fand seine Zustimmung. Er antwortete am 6. Februar 1893 mit einer Reihe von konstruktiven Gegenvorschlägen (Konstruktionsserie V) und - noch im gleichen Monat - mit einer ausführlichen 50-seitigen Schrift „Berechnungen zum Augsburger Versuchsmotor 150/400“. In dieser Abhandlung schlug er unter anderem eine gegenüber seinem ersten Vorschlag von September 1892 wesentlich kleinere Kraftstoffpumpe vor. Hintergrund war die von ihm ursrpünglich vorgesehene isothermische Verbrennung. Nur 0,087 ml (!) Kraftstoff, so hatte er berechnet, sollte dem Motor pro Hub zugeführt werden. Diesel war sich allerdings in diesem Punkt selbst unsicher und auch Augsburg zeigte sich skeptisch gegenüber einer derartig kleinen Mini-Pumpe, die nur 4 mm Pumpendurchmesser und 8 mm Hub erhalten sollte. Diese Pumpe wurde jedoch nicht realisiert, sondern durch ein unter Druck stehendes Kraftstoffgefäß ersetzt; zum Steuern der benötigten Kraftstoffmenge entschied man sich für ein Nadelventil. Bei den ersten Motorversuchen wurde der Druck im Kraftstoffgefäß durch eine Handpumpe auf dem gewünschten Einspritzdruck gehalten.

Die Maschinenfabrik Augsburg akzeptierte Diesels Gegenvorschläge weitgehend. Mit nur einer Ausnahme (Länge des Kurbelzapfens) änderte sie an dem letzten Diesel-Zeichnungssatz von Anfang Februar 1893 kaum noch etwas. Die überarbeiteten Werkstattzeichnungen (Serie VI) hatte die Maschinenfabrik am 27. März 1893 fertiggestellt und begann sofort danach mit der Herstellung des ersten Einzylinder-Versuchsmotors 15/40 (Bild 3). Darauf bezieht sich auch der folgende Satz von Rudolf Diesel in seinem im Todesjahr 1913 erschienenen Buch „Die Entstehung des Dieselmotors“: „Im Juli 1893 war die erste Maschine nach meinen Zeichnungen in Augsburg fertiggestellt“ (Unterstreichung durch den Autor).
Hat nun Rudolf Diesel mit seinem Konstrukteur Nadrowski, der abwechselnd in Diesels Berliner Büro und in Augsburg tätig wurde, oder die Maschinenfabrik Augsburg mehr zum Entstehen des Versuchsmotors 15/40 beigetragen? Bei einer nach 125 Jahren nicht immer einfachen neutralen Einschätzung steht fest, dass es die Maschinenfabrik Augsburg als Großunternehmen war, die dank ihrer Möglichkeiten, Kapazitäten und Erfahrungen im Dampfmaschinenbau den überwiegenden Teil der Motorentwürfe, Berechnungen und vor allem die Werkstatt-Einzelteilzeichnungen lieferte. Rudolf Diesel trug zusammen mit seinem einzigen Konstrukteur zum gemeinsamen Projekt mit seinen Erfindungsideen (Patent), seinen groben Vorentwürfen, vor allem aber mit seinen Überlegungen und Vorschlägen zur Klärung der damals noch unbekannten Zusammenhänge bei der dieselmotorischen Verbrennung bei. Ohne den jeweils anderen Partner hätte wohl keiner der beiden "Gruppen" das Ziel erreicht.
Schwieriger Start mit dem ersten Versuchsmotor 15/40 (Bild 3)
Sowohl die Maschinenfabrik Augsburg als auch Diesel erstellten Zeichnungen und Berechnungen für den Motor 15/40 in der Erwartung, dass mit ihm der ideale Carnot-Kreisprozess mit Verbrennung bei konstanter Temperatur und Verzicht auf jegliche Kühlung durchgeführt werden kann. Als Diesel dann im Sommer 1893 einsah, dass dieser Prozess nicht zu realisieren ist, sondern die Verbrennung bei konstantem Druck durchzuführen ist, befand sich der Motor 15/40 in der Fabrik bereits in der Fertigung. Aber Diesel wollte oder konnte seine Fehleinschätzung damals mit Rücksicht auf sein Hauptpatent, seine Lizenznehmer, seine anderen Geschäftsfreunde und wohl auch wegen seiner Kritiker nicht öffentlich eingestehen.

Die Versuche am zunächst noch ungekühlten 15/40 (Bild 3) begannen am 17. Juli 1893. Der Erfinder, seit den Verträgen zwischen der Maschinenfabrik Augsburg und Fried. Krupp (Vorvertrag vom 15. März, Hauptvertrag vom 25. April 1893) und zwischen Fried. Krupp und Diesel (vom 10. April 1893) dank der großzügigen Gehaltszahlung durch Krupp selbständig, leitete ab 17. Juli 1893 persönlich die erste Versuchsreihe in Augsburg. Krupp entsandte auf gemeinsame Bitte der Maschinenfabrik und Rudolf Diesel einen Elektroingenieur für elektrische Zündungsversuche. Die Maschinenfabrik Augsburg stellte Diesel anfangs ihren erfahrenen Eismaschinen-Monteur Hans Linder (1858-1942), im gleichen Jahr wie Diesel geboren, zur Unterstützung ab (Bild 4), später zusätzlich den gleichaltrigen Monteur Franz Schmucker (Bild 5; Schmucker wurde ein regelrechter Dieselmotoren-Fachmann, kannte jede Schraube an den Motoren, war an der Konstruktion und Einführung des Plattenzerstäubers beteiligt, stellte ab November 1897 den ersten von der Maschinenfabrik verkauften Diesel-Serienmotor in Kempten auf und beseitigte so manche bei den ersten Kunden und Lizenznehmern aufgetretenen Motorprobleme).
Doch nach nur 38 Tagen mussten die Versuche ergebnislos eingestellt werden. Immerhin konnte (am 10. August 1893) gezeigt werden, dass auch trotz einer sehr geringen Kompression Selbstzündung erfolgt, wobei allerdings statt des ursprünglich vorgesehen Petroleums das teurere Benzin eingespritzt wurde. Alle Beteiligten waren jedenfalls enttäuscht und Diesel selbst schreibt: „Sehr deprimiert kehrte ich nach Berlin, meinem damaligen Wohnsitz, zurück und machte dort die Zeichnungen zu einem völligen Umbau dieser Maschine, dessen Ausführung fünf Monate dauerte“.
Diesel war im Herbst 1893 mit seiner Familie innerhalb Berlins von der Brückenallee 15 in die Kantstr. 153 in Charlottenburg umgezogen. Zusammen mit seinem Mitarbeiter Nadrowski fertigte er in seinem neuen Büro die Zeichnungen für den Umbau des Versuchsmotors 15/40. Nun hatte er als freier Erfinder nicht nur mehr Zeit zur Verfügung, sondern durch die bisherige enge Kooperation mit der Maschinenfabrik Augsburg viel an Konstruktionserfahrung gewonnen. Auf die vielen technischen Änderungen des Augsburger Motors soll hier nicht eingegangen werden, da über sie in der verfügbaren technischen Literatur eingehend berichtet ist, z.B. in dem als Nachdruck erhältlichen Buch von Rudolf Diesel aus dem Jahr 1913. Die größten Änderungen betrafen
- neue Kolbenkonstruktion (mit Dichtungsringen, die durch Spreizringe nach außen gepresst wurden statt des ursprünglichen Plungerkolbens aus Stahlguss),
- Trennung von Ein- und Auslassventil
- Verbesserung der Kraftstoffeinspritzung
- wassergekühlter Zylinder, da rund sechs Mal so viel Kraftstoff wie bei einem Carnot-Prozess eingespritzt werden muss mit der Folge einer deutlichen Temperatursteigerung.

Um verschiedene Einspritztechniken (auch die Lufteinblasung, die sich später durchsetzte) erproben zu können, sah Diesel neben der neuen Pumpeneinspritzung auch weiterhin das Akkumulierverfahren vor, das sich jedoch im Versuch als ungeeignet herausstellte. Vor der Kolben-Neukonstruktion holte er sich Rat bei seinen Lizenznehmern Fried. Krupp und Gebr. Sulzer, Schweiz. Die Firma Krupp war es auch, die auf Bestellung durch Augsburg einen neuen stählernen Zylinderdeckel fertigte und am 15. November 1893 ablieferte.
Am 7. Oktober 1893 schickte Rudolf Diesel seine Konstruktionsvorschläge und Berechnungen im Umfang von 25 Seiten an die Maschinenfabrik Augsburg; im gleichen Monat folgten noch einige Nachträge. Am 27. Oktober sandte die Maschinenfabrik Augsburg die fertigen Werkstattzeichnungen zur Gegenprüfung und Genehmigung an den Erfinder. Diesel antwortete am 1. November, wobei er eine Wasserkühlung des Arbeitszylinders forderte. Die vorhandene Ummantelung des Zylinders wurde deshalb für eine provisorische Wasserkühlung eingerichtet.
Allein im Zeitraum zwischen Mitte November und Ende Dezember 1893 erkundigte sich Fried. Krupp mehrmals nach dem Termin für die Wiederaufnahme der Versuche mit dem Motor 15/40. Dies zeigt, wie stark Krupp am Fortgang der Motorversuche interessiert war. Auf die letzte Krupp-Anfrage vom 27. Dezember 1893 antwortete Augsburg ausweichend: „…Wir bitten, sich noch etwas zu gedulden, und dürfen Sie überzeugt sein, dass es uns selbst sehr unangenehm ist, dass die Fertigstellung des Motors sich verzögert…“.
Nach Fertigung der neuen Komponenten in der Werkstatt der Maschinenfabrik Augsburg und ihren Einbau in den Versuchsmotor 15/40 konnte die Erprobung nach fünfmonatiger Unterbrechung am 18. Januar 1894 weitergehen (sie wurden im März 1894 beendet). Der Erfinder reiste dazu von Berlin nach Augsburg, wo er bei seinem 61-jährigen Schwager Christoph Barnickel im Augsburger Springergässchen wohnte (Barnickel hatte 1883 in zweiter Ehe Diesels um 27 Jahre jüngere Schwester Emma geheiratet). Die vielen Unterbrechungen im Versuchsprogramm nutzte er für Heimreisen nach Berlin und für Besprechungen mit potentiellen Lizenznehmern.
Am 17. Februar 1894, ein besonderes Datum, wurde zwar erstmals für etwa eine Minute Leerlauf erzielt (der anwesende Rudolf Diesel hatte dies zunächst gar nicht bemerkt und wurde erst von seinem Monteur Linder darauf hingewiesen). Doch es gelang nicht, den Kraftstoff dem Brennraum gleichmäßig verteilt zuzuführen. Hohe Reibungsverluste und eine bei der Verbrennung auftretende starke Rußbildung trübten das Ergebnis. Es wurde deshalb entschieden, den Kraftstoff dampfförmig zuzuführen. Ein entsprechender Verdampfer wurde konstruiert und gebaut, was eine weitere Unterbrechung des Erprobungsprogrammes zur Folge hatte.
Die Versuche von Ende Juni bis etwa Mitte November 1894, sowohl mit einem außerhalb des Zylinders als auch mit einem im Zylinder montierten Verdampfer, waren im Prinzip Fehlschläge. Da es weiterhin Zündungsprobleme gab, wurden die elektrischen Zündungsversuche wieder aufgenommen, jedoch ebenfalls ohne positives Ergebnis. Es folgte ein erneuter Umbau des Motors 15/40 zur Verbrennung gasförmiger Kraftstoffe. Im Versuchslaboratorium wurde dafür eine städtische Gasleitung verlegt; parallel dazu richtete Rudolf Diesel einen sogenannten äußeren Vergaser für flüssige Kraftstoffe ein. Doch ein befriedigender Betrieb nur mit Gas, d.h., ohne eine kleine vorgelagerte Benzinmenge als Zündmittel, gelang nicht. Durch die Gasversuche erzielten Diesel und die Maschinenfabrik Augsburg fast ein ganzes Jahr lang keine Fortschritte im Dieselmotorenbau.
Mittlerweile hatte Rudolf Diesel mit dem Monteur Schmucker (Bild 5) einen zweiten Mechaniker erhalten, der sich mit Monteur Linder abwechselte. Außerdem wurde Anfang November 1894 mit Fritz Reichenbach, dem Schwager von Heinrich Buz, ein junger Ingenieur als Assistent für Diesel für die Motorversuche eingestellt, nachdem sich der Erfinder selbst nicht mehr in der Lage sah, die anfallenden Arbeiten alleine zu bewältigen. Diesel musste jetzt die Messinstrumente nicht mehr selbst ablesen, sondern konnte sich auf das Eintragen der Ergebnisse in die Journale und deren Analyse konzentrieren. Auch sein Berliner Mitarbeiter Nadrowski kam nach Augsburg, um ihn bei den Konstruktionsarbeiten zum zweiten Versuchsmotor 22/40 zu unterstützen.
Vom Versuchsmotor 15/40 zum 22/40
Der erste Versuchsmotor 15/40 hatte im Spätherbst 1894 ausgedient. Aufbauend auf den mit ihm gemachten Erfahrungen entstand der im Zylinderdurchmesser von 15 auf 22 cm vergrößerte zweite Augsburger Versuchsmotor 22/40 mit unverändertem Hub von 40 cm. Seine Kennzeichen: vom Kolben in den Zylinderdeckel verlegter Brennraum, Vereinigung von Ein- und Auslassventil (aus Platzgründen), getrennte Ein- und Auslassleitungen, angegossener Kühlmantel, Steuerwelle von der Motormitte oben an den Zylinder verlegt. Beibehalten vom ersten Mototr 15/40 wurde der gesamte A-Ständer und das Gestänge, so dass nicht allzu viele neue Konstruktionszeichnungen angefertigt werden mussten; die dürften hauptsächlich von Reichenbach und Nadrowski unter Aufsicht von Rudolf Diesel angefertigt worden sein. Vorsichtshalber und zu Versuchszwecken, so schreibt Diesel später, wurde seitlich in den Verbrennungsraum eine elektrische Zündkerze eingebaut (Bild 6).

Nach langer Pause begannen die eigentlichen Motorversuche am zweiten Motor 22/40 erst Ende April 1895. Fast auf Anhieb lief er einigermaßen selbständig und lieferte zufriedenstellend breite Arbeitsdiagramme. Doch der mechanische Wirkungsgrad war mit 58 % nach wie vor schlecht und die Verteilung des Kraftstoffs unzureichend. Beim ersten Bremsversuch am 26. Juni 1895 war der spezifische Petroleumverbrauch 382 g/PSh, was einen Gesamtwirkungsgrad von nur 16,6 % bedeutete. Dabei wurde die Einblase-Druckluft noch durch einen neben dem Motor aufgestellten und getrennt angetriebenen Linde-Kompressor erzeugt. Es wurde viel mit verschiedenen Düsenmundstücken, den sogenannten Sternbrennern, den Einblasedrücken und verschiedenen Kolben und deren Ringbestückungen experimentiert. Einen Monat später erreichte man immerhin einen Gesamtwirkungsgrad von 20,3 % (siehe Beitrag „Neues über den ältesten noch erhaltenen Dieselmotor der Welt“ oben in dieser Kategorie).
Die Arbeitssituation für Diesel und sein noch kleines Team von Mitarbeitern verbesserte sich im Sommer 1895 durch den Einbau eines Konstruktions- und Berechnungsbüros in das Motor-Laboratorium, das bis dahin in einem einzigen Raum Büro, Versuchswerkstatt und Probestand war. Rudolf Diesel leitete sowohl das Konstruktionsbüro als auch das Laboratorium. Wieder gab es eine längere Unterbrechung von Juli bis September 1895, denn nun wurde ein an den Motor anzubauender einstufiger wassergekühlter Einblase-Luftkompressor („Luftpumpe“) konstruiert, gefertigt und an eine am Kühlmantel vorhandene Arbeitsfläche angebracht (Bild 7). Bei einem offiziellen Bremsversuch am 11. Oktober 1895 wurde ein Gesamtwirkungsgrad - nunmehr incl. Kompressor - von 16,5 % gemessen; dieser Wert beinhaltete nunmehr im Vergleich zu den früheren Messungen den Verlust durch den motorbetriebenen Luftkompressor. Den Abschluss der Arbeiten am Versuchsmotor 22/40 bildete ein von Monteur Franz Schmucker überwachter 111-Stunden-Dauerlauf an 16 Betriebstagen mit der eigenen Luftpumpe und einer von Diesel entworfenen Petroleumpumpe, der vom 8. November bis zum 20. Dezember 1895 dauerte. Dazu kamen im Januar 1896 Versuchsläufe mit einem angebauten Regulator, außerdem von Krupp durchgeführte Abgasanalysen. Einziger Schwachpunkt des zweiten Versuchsmotors blieb die rasche Verkokung der an der Düsenmündung angebrachten Mundstücke, die alle vier bis fünf Tage ausgewechselt werden mussten.

Die beiden dritten Versuchsmotoren 25/40-A und 25/40-B
Der Entschluss, mit zwei neuen, nahezu identischen Einzylinder-Versuchsmotoren 25/40 mit je 20 PS Leistung eine dritte Versuchsmotor-Variante zu schaffen, fiel am 20. Februar 1896 bei einer großen Besprechung in Essen mit sechs hochrangigen Vertretern von Fried. Krupp, Essen, dem Krupp-Grusonwerk in Magdeburg sowie Heinrich Buz und Lucian Vogel von der Maschinenfabrik Augsburg und Rudolf Diesel, der im Dezember 1895 mit seiner Familie von Berlin nach München in die Giselastraße 14 in Schwabing umgezogen war. Zwei Tage später wurde die Besprechung im kleineren Kreis in Magdeburg fortgeführt. Diesem Vorhaben wurde große Priorität eingeräumt, was man daran erkennen kann, dass Augsburg mehrere junge Ingenieure neu einstellte. Unter ihnen war Imanuel Lauster, der am 2. Januar 1896 zur Maschinenbau Augsburg stieß und wenig später bei der MAN eine steile Karriere machte (Bild 8): im März 1899 wurde er Leiter des Diesel-Laboratoriums, drei Jahre später im Alter von erst 29 Jahren Oberingenieur mit Prokura und 1904 Leiter der MAN-Dieselmotorenabteilung. Im Jahr 1913 wurde er schließlich Mitglied des MAN-Vorstands und 1932 dessen Vorsitzender.
Lauster wurde in den ersten Wochen durch Rudolf Diesel in die für ihn damals noch völlig fremde Materie eingearbeitet und erledigte nach dessen Anweisungen die Konstruktionsarbeiten im neuen Büroraum des Dieselmotoren-Laboratoriums. Lauster konnte sehr schnell völlig selbständig arbeiten, ein großer Vorteil für Diesel und die Maschinenfabrik Augsburg, denn der Erfinder befand sich häufig auf Dienstreisen. Vermutlich half, zumindest zeitweise, auch noch Johannes Nadrowski mit.
Gleich nebenan absolvierte der Versuchsmotor 22/40 unter Aufsicht des mittlerweile mit Dieselmotoren sehr erfahrenen Monteurs Schmucker ein Restprogramm.

Die beiden neuen Motoren, von denen der zweite für das Krupp-Grusonwerk vorgesehen war, erhielten neben dem auf 25 cm vergrößerten Zylinderdurchmesser ein neues Gestell mit runden Stützen. Zylinder und der Kühlwassermantel wurden aus einem Stück gegossen. Der nunmehr glatte Brennraum lag zwischen Kolbenstirnfläche und Zylinderkopf. Der Kolben wurde jetzt ebenfalls wassergekühlt, die Schmierölversorgung und -Zirkulation gegenüber dem Motor 22/40 verbessert und, beim ersten der beiden zeitlich versetzt hergestellten Motoren, die Kolbenunterseite als Ladeluftpumpe ausgebildet – ein erster (allerdings fehlgeschlagener) Versuch zur Aufladung von Dieselmotoren. Wie beim 22/40 wurde auch beim 25/40 die am Motor angebaute einstufige Pumpe für die Einblaseluft vom Kreuzkopf aus durch eine Kurbelschwinge angetrieben.
Schon Ende April 1896 hatten Imanuel Lauster und Diesel die Konstruktionsarbeiten abgeschlossen. Dies ist insofern bemerkenswert, weil Lauster nach seiner eigenen späteren Aussage weder die Zeichnungen noch die Versuchsprotokolle der beiden Vorgängermotoren 15/40 und 22/40 zu Gesicht bekam. Kein Wunder, dass die beachtliche Leistung des jungen Lauster von der Maschinenfabrik Augsburg durch eine vergleichsweise hohe Weihnachtsgratifikation von 3.000 Mark gewürdigt wurde, obwohl er noch nicht einmal ein volles Jahr Mitarbeiter der Maschinenfabrik war. Lucian Vogel überreichte damals die Geldprämie.
Ein Zeichnungssatz ging sofort in die Werkstatt der Maschinenfabrik Augsburg zur Herstellung der Bauteile, einen weiteren erhielt das Krupp-Grusonwerk in Magdeburg. Der Bau des ersten der beiden Motoren (25/40-A) und seine Montage verlief dagegen weniger zügig, weil sich etliche Gussstücke, wie z.B. der Zylinderdeckel, bei der Wasserdruckprobe wiederholt als undicht erwiesen. Als der Motor 25/40-A am 6. Oktober 1896 zum ersten Mal von der Transmission gedreht wurde, zeigten sich immer noch eine Reihe von Schwachpunkten, die bis zum Jahresende 1896 ausgemerzt waren. Als am 12. Dezember der Motor bei einem Bremsversuch mit Vorverdichtung der Luft durch die Kolbenunterseite lief, wurde zwar ein relativ hoher mittlerer indizierter Druck von 9,6 bar gemessen, aber nur enttäuschende 15 PS Leistung an der Bremse. Diesel ließ die Ladepumpenvorrichtung wieder entfernen, beim zweiten Versuchsmotor 25/40-A wurde sie erst gar nicht mehr eingebaut.
Die ersten zufriedenstellenden Probeläufe erfolgten in der zweiten Dezemberhälfte 1896 und im Januar 1897. Ab dann folgten die Besuche von und Vorführungen vor zahlreichen Interessenten und Sachverständigen. Allein in der ersten Februarhälfte 1897 kamen nacheinander Frédéric Dyckhoff aus Frankreich und Vertreter der Firmen Krupp-Essen, der Gasmotorenfabrik Deutz und der Gebrüder Sulzer aus der Schweiz zur Besichtigung und Motorvorführung nach Augsburg. Schließlich erfolgte am 17. Februar 1897 die offizielle Abnahme des Motors 25/40-A durch Prof. Dr. Moritz Schröter und zwei seiner Assistenten von der TH München. Der dabei gemessene Gesamtwirkungsgrad bei voller Motorenleistung betrug 26,2 %. Dieser Wert konnte durch weitere Detailverbesserungen bis Oktober 1897 auf 30 % verbessert werden.
Die Entwicklungsphase des frühen Dieselmotors galt damit im Prinzip als abgeschlossen, auch wenn die beiden Versuchsmotoren 25/40-A und 25/40-B zwar betriebsfähig, aber noch nicht praxistauglich waren.
Verwendete Literatur:
Diesel Rudolf [1913, 1984]: Die Entstehung des Dieselmotors. Erstausgabe 1913 durch den Springer-Verlag, unveränderter Nachdruck in limitierter Stückzahl 1984 durch den Steiger-Verlag Moers, ISBN 3-921564-70-0
Diesel Eugen [1937]: Diesel: Der Mensch, das Werk, das Schicksal. Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, 1937/1940
Köhler Horst [2004]: Das Geheimnis der Zwillingsmotoren. Kultur & Technik, Magazin des Deutschen Museums München, Ausgabe 04/2004
Köhler Horst [2015]: Rudolf Diesel: Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. 2. Auflage, Context-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-939645-57-3
Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg A.G. [1948]: Fünfzig Jahre Dieselmotor 1897-1947. Erinnerungsbroschüre
Rüdel Reinhardt [2011/12]: Lucian Vogel (1855-1915), Maschinenbauingenieur aus Riedlingen, der wichtigste Mitarbeiter Rudolf Diesels bei der Entwicklung des Dieselmotors. www.gfh-biberach.de/Hefte/BC-Heimatkundliche Blätter (Stand: November 2018)
Sass Friedrich [1962]: Geschichte des deutschen Verbrennungsmotorenbaues von 1860-1918. Springer-Verlag Berlin, Göttingen, Heidelberg
Schnauffer Kurt [1957/58]: Umbauten des Versuchsmotors und erster betriebsbrauchbarer Dieselmotor 1894-1897. Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte des Deutschen Verbrennungsmotorenbaues. Dokument im MAN-Archiv Augsburg.
Worsoe Wilhelm [1933/1940]: Die Mitarbeit der Werke Fried. Krupp an der Entstehung des Dieselmotors in den Jahren 1893/97 und an der Anfangs-Entwicklung in den Jahren 1897/99. Dokument im Deutschen Museum München
Bildnachweis:
Bilder 1, 2, 4, 5 und 8: Historisches MAN-Archiv
Bilder 3 und 6: Aus Rudolf Diesel "Die Entstehung des Dieselmotors", 1913
Bild 7: Horst Köhler
Dieser Beitrag wurde am 6. November 2018 online gestellt und am 9. November 2018 ergänzt.
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von Helmut Hujer, Usingen
Einleitung
Aus der 1892 gegründeten Motorenfabrik Oberursel ist im Jahr 1990 die neue Firma BMW Rolls-Royce Aeroengines hervor-gegangen, aus der im Jahr 2000 der Produktionsstandort Oberursel der Rolls-Royce Deutschland geworden ist. Am Anfang der Motorenfabrik, mit Sitz auf dem Anwesen einer schon zehn Jahre zuvor aufgebauten Maschinenbaufabrik, standen Stationärmotoren mit dem Namen GNOM. Damals waren Stadt- oder Leuchtgas und Petroleum die vorherrschenden Kraftstoffe. Diese stehenden Motoren fanden guten Anklang im Kleingewerbe und in der Landwirtschaft, sie wurden auch in Lokomobile, Seilwinden, und Holzzerkleinerungs-Maschinen eingebaut, und ab dem Jahr 1900 in die erfolgreichen Oberurseler Motorlokomotiven. Diese waren überwiegend mit liegenden Motoren ausgestattet, deren Produktion mit den wachsenden Motorleistungen 1898 hinzugekommen war. Nach dem Ablauf der Dieselpatente im Jahr 1908 griff auch die Motorenfabrik Oberursel dieses Motorprinzip auf und es gelang ihr, binnen kurzer Zeit in dieser Technik Fuß zu fassen und erfolgreich mit solchen Motoren auf den Markt zu kommen. Für die Produktion dieser größeren Motoren wurde 1911 eine neue Werkhalle errichtet (Bild 1).


Der Dieselmotor Modell 28
Im Jahr 1910 brachte die Motorenfabrik Oberursel ihren als Modell 28 bezeichneten ersten Dieselmotor heraus, dessen Konstruktion in der Tradition der bereits seit 1898 gebauten liegenden Motorentypen lag. Vorteil der liegenden Bauweise: während selbst kleinere stehende Motoren hohe Maschinenräume erforderten, fand z.B. das Modell 28 Nr.7 mit 100 PS Leistung bei 170 U/min bequem in einem nur 3 m hohen Raum Platz.
Die Fachzeitschrift „Der praktische Maschinen-Konstrukteur“ berichtete im Jahr 1913 sinngemäß Folgendes zum Motortyp 28: Der Oberurseler Dieselmotor mit der Modellbezeichnung 28 arbeitete nach dem Viertaktverfahren Der Kraftstoff wurde mit Hilfe der in einem zweistufigen Ventilkompressor erzeugten Druckluft in die im Zylinder hochverdichtete Luft eingeblasen und dort zur Selbstzündung gebracht. Mit der beim Auslaufen des Motors noch erzeugten Druckluft wurden die zugehörigen Stahlflaschen (Bild 2) auf 25 Atmosphären Druck aufgeladen; mit dieser Druckluft konnte der Motor wieder gestartet werden. Falls aber, beispielsweise nach mehrmaligen erfolglosen Startversuchen, der Flaschendruck unter 10 Atmosphären abgesunken war, konnten die Druckflaschen mit Kohlensäure aufgeladen werden. Der Motor konnte mit den üblichen Rohölen, mit Gasöl oder Petroleum betrieben werden, aber auch mit Schweröl, Teeröl und sogar dünnflüssigem Teer. Es wurde das Zündölverfahren angewendet. Dabei wurde zuerst eine geringe Menge Petroleum oder eines anderen leichter entzündlichen Öls eingeblasen, das sich sofort entzündete; erst bei warm gelaufenem Motor wurde das schwerer entzündliche und dann erst zur vollständigen Verbrennung kommende Teeröl eingeblasen. Jeweils vor dem Abstellen musste der Motor etwa fünf Minuten mit Petroleum betrieben werden, damit sich die Leitungen damit füllen konnten.

Die Dieselmotoren Modell 28 wurden als Einzylindermotoren in acht Größen mit einer Nennleistung von 25 bis 160 PS gebaut, aber auch als Zweizylindermotoren in vier Größen mit einer Nennleistung von 130 bis 320 PS. Die Maximalleistung lag etwa 20 % über der angegebenen Nennleistung.
Durch konstruktive Verbesserungen konnte die Leistung der Motoren im Laufe der Zeit noch weiter gesteigert werden, beim größten Einzylindermotor von 160 PS auf 170 PS Nennleistung und 204 PS Maximalleistung (zuvor 192 PS), beim größten Zweizylindermotor von 320 PS auf 340 beziehungsweise 420 PS Maximalleistung (zuvor 400 PS).
Bei den Zweizylindermotoren waren zwei der Einzylindermotoren nebeneinander angeordnet, ihre Kurbelwellen waren mit dem dazwischen angeordneten gemeinsamen Schwungrad miteinander verbunden und damit im Lauf synchronisiert (Bild 3). Solche Dieselmotoren kamen als Kraftmaschinen in Gewerbe- und Fabrikbetrieben zum Einsatz, häufig aber auch zur Stromerzeugung im Inselbetrieb oder in kleineren Elektrizitätswerken. Der größte jemals in der Oberurseler Motorenfabrik gebaute Motor war eine aus zweien solcher Zwillingsmotoren mit jeweils 320 PS Nennleistung und 400 PS Maximalleistung aufgebaute Anlage, die vermutlich in einem solchen Elektrizitätswerk arbeitete. Die beiden Zwillingsmotoren mit den jeweils in einem gemeinsamen Gehäuse nebeneinander liegenden Zylindern waren mit ihren fluchtenden Wellen beiderseits eines gewaltigen Schwungrades angeordnet. Auf der zu einem Außenlager weitergeführten Welle des rechten Zwillings saß der zweistufige Hochdruckkompressor zur Erzeugung der Einblaseluft sowie der in Flaschen gespeicherten Druckluft für den Anlassvorgang. Leider ist nicht überliefert, wo dieser Großmotor eingesetzt wurde.
Für die 100-PS-Ausführung des Modells 28 Nr. 7 können einem früheren Firmenprospekt folgende Angaben entnommen werden:
Spezifischer Kraftstoffverbrauch bei Normalleistung: 185 g/PSh bei 10 % Toleranz
Schwungraddurchmesser und -Breite (leichte Ausführung): 3,5 m / 40 cm
Schwungradgewicht (leichte/schwere Ausführung): 5,25 t / 9,8 t
Gesamtgewicht / Leistungsgewicht: 20,5 t / 205 kg/PS
(incl. Außenlager, zwei Druckluftflaschen und zwei Filtergefäßen, normales Schwungrad, Riemenscheibe, Auspufftopf, Fundament-schrauben und -Platten, Werkzeuge, Reserveteile)
Preis des Motors mit diesem Zubehör und leichtem Schwungrad: M 27.300

Die Glühkopfmotoren Modell 27 und Modell 32
Schon bald nach dem Standardmodell 28 brachte die Motorenfabrik einen einfach aufgebauten Zweitaktmotor mit Glühkopfzündung heraus, das Modell 27, der insbesondere zur Nutzung von billigen und ansonsten wenig brauchbaren Brennstoffen vorgesehen war (Bild 4). Bei einem Glühkopfmotor wird der Brennstoff während des Verdichtungstaktes auf eine ungekühlte Wandung im Zylinderkopf gespritzt, an der er sich entzündet. Zum Anlassen musste dieser Glühkopf etwa 15 bis 20 Minuten mit einer Brennlampe erhitzt werden. Der Glühkopfmotor benötigte keine ausgefeilten Einspritzdüsen, allerdings ist sein Zündzeitpunkt kaum steuerbar und aus diesen Gründen hat er einen systembedingt hohen Kraftstoffverbrauch. Beim Modell 27 der Motorenfabrik handelte es sich um einen liegenden Zweitaktmotor mit Kurbelkastenspülung, Einspritzpumpe und Einspritzdüsen mit einer Fliehkraft-Aussetzerregelung. Dieser ab etwa 1911 in vier Größen mit 8 bis 22 PS gebaute Rohöl-Motor wurde speziell für den Einsatz in russischen Ölgebieten gebaut, wo der Kraftstoffpreis und damit auch der Kraftstoffverbrauch kaum eine Rolle spielte. Ansonsten ist über diesen Motor nicht mehr bekannt.
Im Jahr 1913 folgte ein weiterer Zweitakt-Glühkopfmotor, das einfach und robust gestaltete und stärkere Modell 32 (Bild 5). Dieser ebenfalls liegende Einzylindermotor wurde in Größen zwischen 20 und 50 PS gebaut und war wie sein Vorgänger für den Betrieb mit billigen und schwer entzündlichen Brennstoffen vorgesehen, wie dem aus Braunkohle gewonnenen Solaröl, Steinkohleteer-Naphtha, dem zähflüssigen Erdöl-Destillationsrückstand Masut, aber auch mit Rohöl oder mit dem bei dessen Fraktionierung anfallenden Gasöl. Er konnte aber auch mit Petroleum betrieben werden. Anders als bei seinem Vorläufer wurde die Spül- und Ladeluft nicht im Kurbelgehäuse erzeugt, sondern von einer besonderen Luftpumpe, die von einer Kolbenstufe und einer Zylindererweiterung gebildet wurde. Die Zylinderwandungen waren von dem Kühlmantel der Verdampfungskühlung umfangen. Der offene Kurbelkasten erlaubte die Beobachtung des Pleuelstangenkopfes und der Kurbelwellenlager auch während des Betriebes. Eine Schmierölpumpe sorgte für die Schmierung des Kolbens sowie der Hauptlager, für die weiteren Schmierstellen waren Schmiergefäße und Ölvasen angebracht. Die Brennstoffpumpe wurde von einem seitlich angebrachten Zentrifugalregulator gesteuert, ebenso die Pumpe für das während des Ladevorgangs zur Kühlung in den Zylinderraum eingespritzten Wassers. Das schwere Schwungrad mit der angefügten Riemenscheibe war durch ein Außenlager abgestützt, so dass deren Massen sowie der Riemenzug gleichmäßig aufgenommen wurden. Auch bei diesem Motor musste zum Anlassen der als Glühkugel ausgebildete Zylinderkopf durch eine Öffnung in der vorderen Schutzhaube mittels einer Brennlampe zuvor zum Glühen gebracht werden. Dieser Motor 32 wurde, vermutlich ebenso wie das Modell 27, insbesondere dort eingesetzt, wo die billigen und für seinen genügsamen Betrieb erforderlichen Brennstoffe als Nebenprodukte anfielen. Sein Kraftstoffbedarf lag zwischen 280 und 380 Gramm je PS und Stunde. In Deutschland halten sich solche Glühkopfmotoren mit dem markanten Motorengeräusch der ab 1921 von Lanz gebauten Bulldogs in Erinnerung.

Das Ende der Dieselmotoren-Produktion
Schon bald nach Beginn des Ersten Weltkriegs kam die Produktion der Motoren weitgehend zum Erliegen. Einerseits waren zu diesem Zeitpunkt große Teile der Exportmärkte nicht mehr zugängig, andererseits wurden nun alle Kapazitäten für die rasant steigenden Bedarfe an Flugmotoren und Motorlokomotiven benötigt. Nach dem Krieg waren die Vorkriegsprodukte der Motorenfabrik Oberursel technisch veraltet und die Exportmöglichkeiten blieben weiterhin eingeschränkt. In diesen generell schwierigen Zeiten ging die Motorenfabrik Oberursel AG Ende 1921 eine Interessen-gemeinschaft mit der darin bestimmenden Gasmotorenfabrik Deutz AG ein. Bis auf den neu entwickelten Fahrzeugmotor Modell 35, der zum Vorläufer der schnelllaufenden Deutzer Dieselmotoren für Fahrzeuge und Aggregate wurde, musste das bisherige Bauprogramm der Motorenfabrik Oberursel eingestellt werden.
Literaturhinweis und Quellenangabe
Helmut Hujer (2017): 125 Jahre Motorenfabrik Oberursel – 1892 bis 2017, Usingen. Dieses reich bebilderte und 896 Seiten umfassende Buch über die wechselvolle Geschichte der traditionsreichen Motorenfabrik Oberursel kann beim Autor (50 €) bezogen werden: [email protected] oder Telefon 0170 4375 178.
Dieser Artikel wurde am 14.4.2019 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg (Teil 1, 2 und 3) und Siegfried König, Wien (Teil 4)
1. Einleitung
Im Mai 1899 reiste Rudolf Diesel nach Österreich-Ungarn, wo er mit mehreren Fabrikdirektoren, die sich für die Fertigung seines neu erfundenen Dieselmotors interessierten, Verkaufsgespräche führte. Er war erst kurz zuvor von einem mehrmonatigen Kuraufenthalt in Südtirol zurückgekehrt, der sich an seine Zeit in der Heilanstalt Neuwittelsbach bei München (ab Herbst 1898; die Diagnose: ständige nervliche Überbelastung) anschloss. Gesundheitlich immer noch angeschlagen, nahm er die Reisestrapazen auf sich, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr Rechteinhaber seiner Patente war. Denn alle seine Patente, Erfindungen und Rechte gingen kurz vor seiner Einweisung in die Heilanstalt an die am 17. September 1898 gegründeten Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren („Allgemeine“) in Augsburg über (Köhler, 2015). Doch Rudolf Diesel sollte sich im Interesse der „Allgemeinen“, die am 21. Februar 1899 das Motorenpatent an die Budapester Aktiengesellschaft für Dieselmotoren verkauft hatte, in Österreich-Ungarn persönlich zeigen.
Die Budapester AG für Dieselmotoren vergab als Holding zwischen Februar 1899 und April 1901 insgesamt fünf Unterlizenzen an Maschinenfabriken in den Städten Wien, Arad (Arad gehörte bis 1920 zu Ungarn, heute Rumänien), Budapest und Leobersdorf. Der Lizenzvertrag zwischen der AG für Dieselmotoren und der Leobersdorfer Maschinenfabrik (LMF) von Ganz & Co., ca. 25 km südlich von Wien gelegen, wurde am 2. April 1901 unterzeichnet.


2. Historischer LMF-Dieselmotor
In den Jahren 2002/03 wurde ein fast vergessener historischer LMF-Dreizylinder-Dieselmotor in privater Initiative bei großem Zeit- und Arbeitseinsatz, meist an den Samstagen (ca. 700 Arbeitsstunden), von drei an der Dieselmotorenhistorie begeisterten Technikern unter Leitung des Co-Autors dieses Beitrages (S.K.) am ursprünglichen Aufstellort wieder betriebsfähig gemacht und erstmals am 8. Februar 2003 in Gang gesetzt (siehe Bild 1 und 2). Zu Beginn der Instandsetzungsarbeiten funktionierte der Motor nach seiner „Auszeit“ von mehr als 40 Jahren natürlich nicht mehr. Zum Glück fehlte bis auf den Kompressor-Keilriemen am Motor selbst eigentlich nichts Wesentliches, selbst einige Ersatzteile waren noch vorhanden.
Der Dieselmotor lief als Notstromaggregat in der seit 1849 bestehenden früheren Guntramsdorfer Druckfabrik, die bis 1962 in Betrieb war. Seit 1961 drehte sich der Motor, der etwa 250 PS Leistung hatte, nicht mehr. Die leeren Gebäude der Druckfabrik wurden im Laufe der Jahre an viele kleine und größere Gewerbebetriebe sowie an einige Privatpersonen vermietet, unter anderem auch an den Co-Autor Siegfried König, dem das alte Stromaggregat schon immer durch die trüben Scheiben hindurch aufgefallen war. Er erhielt die Erlaubnis zum Dauerzutritt in die frühere Maschinenhalle, um dort den „Oldie“ mit Hilfe seiner beiden Bekannten wieder betriebsbereit zu machen (Details siehe Kapitel 4). Da die Marktgemeinde Guntramsdorf die ehemalige Druckfabrik im Jahr 2007 aufkaufte, ist seitdem die Vermarktungsgesellschaft der Gemeinde Guntramsdorf in Niederösterreich offizielle Besitzerin des Stromaggregates.

Leider ist weder das genaue Herstellungsjahr des Dreizylinders, noch seine Typenbezeichnung bekannt. Auch die Typschilder an jedem Zylinder (Bild 3) geben dazu keine Hinweise. Siegfried König vermutet, dass der historische LMF-Motor in jedem Fall erst mehrere Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs gebaut wurde, vermutlich um 1920, möglich wäre aber auch 1928. Dafür spricht, dass der Motor schon eine Einspritzpumpe (LMF-Bauart), also keinen Kompressor für die Kraftstoff-Druckeinblasung mehr besitzt. Folgerichtig ist auch nur eine Druckluftflasche für den Start vorhanden (statt zwei Flaschen für Start und Betrieb wie bei den Vorgängermotoren mit Lufteinblasung),siehe Bild 1. Da die MAN in Augsburg ihre kompressorlosen Dieselmotoren zwar schon ab 1919 entwickelte, aber erst 1925 serienmäßig in den Markt einführte, ist ein Baujahr 1928 nicht unwahrscheinlich. An der Druckflasche befindet sich ein Prüfstempeleinschlag, der leider nicht mehr deutlich zu lesen ist: die Jahreszahl könnte 1920, aber auch 1928 sein. Ein Baujahr 1920 würde bedeuten, dass LMF schon vor der MAN kompressorlose Dieselmotoren herstellte und verkaufte, was aus technikhistorischer Sicht durchaus möglich ist: denn die Hauptdieselpatente waren 1907/08 ausgelaufen, so dass ab diesem Datum jede Fabrik verbesserte Dieselmotoren nach eigener Konstruktion bauen und ohne Lizenzzahlungen an den Lizenzgeber vertreiben konnte.

Technische Unterlagen mit Zeichnungen der LMF-Motoren existieren wohl mit Ausnahme von Kopien eines historischen LMF-Motorprospektes nicht mehr, der zumindest in Teilen aus dem Jahr 1913 stammen dürfte. Ihm ist die in Bild 4 gezeigte Schnittdarstellung entnommen. Dieser LMF-Motor in Tauchkolbenbauweise hatte allerdings noch einen Einblaseluft-Kompressor (Baukomponente V), war also ein Vorgänger des im vorliegenden Artikel vorgestellten späteren Motors mit Direkteinspritzung des Kraftstoffes. Siegfried König vermutet, dass durch die russische Besetzung in Niederösterreich zwischen 1945 und 1955 im Rahmen von Reparaturleistungen alles „verschwand“, was irgendwie brauchbar war. Dies trifft auch auf alle Unterlagen der früheren Druckfabrik zu, deren Bücher, Broschüren, Zeichnungen und technischen Berichte zum Feuermachen zweckentfremdet wurden. Man darf froh sein, dass der in diesem Beitrag beschriebene Motor diese Phase überlebt hat.
Eine in dem erwähnten Prospekt veröffentlichte LMF-Dieselmotoren-Referenzliste bis Ende März 1912 ist selbst für Fachleute überraschend, hat LMF zumindest bis zu diesem Zeitpunkt mehr Dieselmotoren für stationäre und maritime Anwendungen ausgeliefert als gemeinhin angenommen wird: 315 Motoren (langsam- und mittelschnelllaufende stationäre Viertakt-Dieselmotoren und schnelllaufende Zweitakt-Dieselmotoren) von 20 PS bis zu mehreren 100 PS Leistung mit über 33.000 PS Gesamtleistung waren es allein bis Ende März 1912. Die technischen Motordaten zu diesem Zeitpunkt, also März 1912, waren beachtlich: spezifischer Kraftstoffverbrauch je nach Motorgröße 185 - 210 g/PSh, thermischer Wirkungsgrad bis zu 37 % und Leistungsgewicht bis zu 14 kg/PS, was ein für 1912 fast sensationell niedriger Wert ist. Dies ist deswegen bemerkenswert, weil LMF nach Erwerb der Baulizenz von der Budapester AG für Dieselmotoren Anfang April 1901 bis zur Aufnahme der Motorenfertigung wegen der Unzuverlässigkeit der von anderen Herstellern gebauten Dieselmotoren ab 1898/99 mehr als ein volles Jahr abwartete und ihren ersten Dieselmotor erst im Oktober 1902 fertigte. Andere Schwerpunkte von LMF waren Turbinen, allgemeiner Maschinenbau (z.B. Zerkleinerungsmaschinen, Flaschenzüge), Papierfabrikations- und Holzschleifereimaschinen, Hartgussräder und Räderpaare (LMF betrieb eine eigene Gießerei).
Für den Erstautor (H.K.) ist es daher gerechtfertigt, im nachfolgenden Abschnitt chronologisch näher auf die Geschichte der Abteilung „Original-Dieselmotoren“ von LMF einzugehen, bevor diese ganz in Vergessenheit gerät.

3. Geschichte der LMF
1850: Baubeginn einer Eisengießerei östlich von Leobersdorf, 1856/57 um eine mechanische Werkstatt und eine Kesselschmiede erweitert
1871-1887: Mehrere Fabrikbrände, mehrere Besitzerwechsel
1887: Die Erben des letzten Besitzers verkaufen LMF an die ungarische Ganz & Comp., Budapest
1896/97: Das Werk wird zum wiederholten Mal erweitert; 580 Beschäftigte mit zunehmender Tendenz
Oktober 1901 - Oktober 1903: Viktor Kaplan, späterer Erfinder der nach ihm benannten Wasserturbine mit verstellbaren Laufschaufeln, beschäftigt sich während seiner kurzen Zugehörigkeit zur LMF mit dem Einblasen komprimierter Luft oder Kohlensäure in den Verbrennungsraum zur Leistungssteigerung durch Aufladung
1904/05: Beginn der eigentlichen Serienproduktion von Dieselmotoren (Bild 5), zunächst meist zum Antrieb der ebenfalls von LMF hergestellten Generatoren
1.1.1907: Die Tochtergesellschaft von Ganz & Comp. in Leobersdorf wird in die eigenständige Leobersdorfer Maschinenfabrik Actiengesellschaft umgewandelt, eigene Niederlassungen in Wien und Klagenfurt; das Stammhaus Ganz & Comp. in Budapest bleibt Mehrheitseigentümer
1910: Eine weitere Halle wird errichtet und die Gesamtleistung der E-Zentrale von 700 PS (mit dampfmaschinenbetriebenen Generatoren) durch Aufstellung eines Diesel-Generators auf 1.000 PS erhöht (Bild 6)

Juli 1914: 1.200 Mitarbeiter, davon nur 100 Angestellte; ein Jahr später sinkt die Mitarbeiterzahl wegen der kriegsdienstbedingten Einberufungen auf nur 800 Personen
1916: Auslieferung des 500. LMF-Dieselmotors
1925: Der 1.000. LMF-Dieselmotor wird zusammen mit zwei weiteren baugleichen für die Kraft- und Pumpstation in Seru/Ägypten geliefert; ca. 500 Mitarbeiter
1929/30: Das LMF-Aktienkapital wird auf 1/6 reduziert; am 1. Juni 1930 wird die Produktion von Dieselmotoren nach über 1.100 Stück eingestellt und alle Konstruktionsunterlagen an die Grazer Waggonfabrik, einem weiteren früheren Unterlizenznehmer der AG für Dieselmotoren, abgegeben; das Werk zählt jetzt nur noch 240 Mitarbeiter; wenig später, 1932, sind die meisten Arbeiter entlassen
1938: Leichte Entspannung am Arbeitsmarkt; aus in Schuppen gelagerten Restbeständen wird der letzte LMF-Dieselmotor montiert, ein ehemaliger U-Bootmotor mit 10 Zylindern und zwei Nockenwellen, der in der Eisfabrik in Baden aufgestellt wird
1939: Die LMF-Aktien werden von den Eisenwerken Weserhütte, Bad Oeynhausen/Westfalen gekauft, Anhebung der Belegschaft auf 1.500 Mitarbeiter, Einstellung des Turbinenbaues; LMF wird Rüstungsbetrieb
23. Oktober 1944: Amerikanischer Bombenangriff auf LMF
3. Oktober 1945: Die Ostfront erreicht Leobersdorf, das Werk wird geplündert und alle technischen Unterlagen und Archive vernichtet
1945/1955: Als deutscher Besitz wird das Werk von der russischen Betriebsverwaltung USIA übernommen, die meisten Maschinen werden demontiert und in die Sowjetunion gebracht; Beginn der Herstellung von Stationär-Dieselmotoren, Gießerei- und Stahlbauprodukten; 1948: etwa 300 Beschäftigte
1955: Das Werk geht in österreichischen Besitz über; der Versuch, es als selbständiges Unternehmen weiterzuführen wird unterbunden; vorübergehende Schließung
1956: Egon Strager erwirbt das brach liegende Firmengelände und verlegt seine beiden bestehenden Fabriken in Wien und Vösendorf nach Leobersdorf; er wandelt das Unternehmen wieder in eine AG um
1963: Nach dem Rückzug von E. Strager übernimmt Babcock & Wilcox, Deutschland, die Aktien von LMF; Hauptprodukte sind jetzt Niederdruck- und Hochdruckkompressoren
1998: Neuer Besitzer wird die internationale Gruppe des Investors Gerhard Andlinger New York, Brüssel, Wien
2004: Invest Equity kauft LMF
2016: LMF wird zu 95,5 % von der chinesischen Zhejiang Kaishan Compressor Co. Ltd. übernommen. Hauptprodukte sind maßgeschneiderte Hochdruckkompressoren für bis zu einem Druck von 700 bar für die Erdöl-, Erdgas- und Chemieindustrie.
4. Instandsetzung eines LMF-Dreizylinder-Dieselmotors der Guntramsdorfer Druckfabrik
von Siegfried König
Im Jahr 2002 entschlossen sich Walter Prandl, Hubert Nositzka und der Verfasser dieses Abschnittes, Siegfried König, den seit 1962 stillstehenden Dieselmotor mit flachriemenangetriebenem Drehstromgenerator wieder lauffähig zu machen. Es zeigte sich, dass die Kolben festsaßen und die Kurbelwelle nicht einmal durch entsprechende Hebelangriffe am Schwungrad zu bewegen war. Die anfängliche Euphorie wäre beinahe verflogen, wenn uns ein alter KFZ-Meister nicht den Tipp gegeben hätte, in den Brennraum jedes Zylinders einen Liter Coca Cola einzufüllen und 24 Stunden einwirken zu lassen. Gesagt, getan: wir entfernten die Einspritzdüsen und füllten drei Liter Coca Cola ein. Jetzt konnten wir die Einspritzdüsen näher untersuchen; sie waren durch Brennstoff-Ablagerungen verstopft. Sie wurden daraufhin gekennzeichnet, zerlegt, gereinigt und poliert.
Am nächsten Tag setzten wir wieder einen großen Hebel an und konnten das Schwungrad Zentimeter um Zentimeter bewegen; wir gossen einige Liter Öl in den Brennraum, wissend, dass wir das Cola-Öl-Gemisch ohnehin absaugen müssen. Nach einer kompletten Umdrehung war es schon wieder möglich, mit dem für das händische Durchdrehen des Motors vorhandenen, deutlich kleineren Hebel zu arbeiten.
Die Unterlagen, die uns zur Verfügung standen, waren leider nicht sehr umfangreich, und so beschlossen wir, die Einspritzpumpe zu öffnen, um die Stellung „OT 1. Zylinder“ zu ermitteln. Mittlerweile war das Cola-Öl-Gemisch abgesaugt und wir begannen, uns mit dem Ölkreislauf zu beschäftigen. Der Motor hat eine drucklose Umlaufschmierung; der Ölvorrat (ca. 150 l) befindet sich in einem Kellerraum (von uns Katakombe genannt); von dort fördert eine direkt von der Nockenwelle angetriebene Zahnradpumpe das Öl in einen Vorlagebehälter, von wo es über einstellbare Tropföler zu allen tiefer liegenden Schmierstellen (Kurbelwellenlager, Pleuellager, Einspritzpumpe) gelangt. Die wichtigen Stellen der Zylinderschmierung (höher liegend) werden durch je eine kleine Zweifachkolbenpumpe versorgt.
Wir wussten aus dem Motorenbuch, dass auch der Leder-Flachriemen seine Position seit 1962 nicht verändert hatte, was für den Riemen schlecht ist. Zusätzlich war uns klar, dass bei einem Riemenriss ein Ersatz aus finanziellen Gründen nicht in Frage kommen würde. So rückten wir den Generator auf seinen Spannschienen 10 cm weg, um den Riemen zu entspannen; dann konnten wir diesen Meter um Meter weiterziehen, mit Lederputzmittel reinigen und mit Sattelseife beidseitig einlassen. Der Muskelkater war bei allen zwei Tage lang spürbar.
Nun nahmen wir uns das Startproblem vor (wurde zum Hauptproblem, aber das wussten wir zunächst noch nicht). Ein Keilriemen wurde organisiert und ein kleiner Drehstrommotor trieb den einstufigen(!) Einzylinder-Kompressor mit Siedekühlung an. Wir wussten, dass zum Start etwa 32 bar Druck notwendig sind. Der Kompressor wurde immer heißer, erreichte leider nur knapp 20 bar. Er wurde zerlegt, die Ventile neu eingeschliffen, die Ventilfedern getauscht, wieder zusammengebaut. Mäßiger Erfolg: nur etwa 24 bar.
Der Kompressor kam daraufhin zur Überholung in eine Kompressor-Instandsetzungsfirma. Auch danach zeigte er sich jedoch mit 26 bar immer noch sehr „unwillig“. Die rettende Idee kam von einem Techniker einer bekannten österreichischen Kompressorenfirma, der uns den Tipp gab, die Luftansaugung unseres Kompressors mit ca. 2 bar Vordruck durch einen anderen Kompressor zu beaufschlagen. Und siehe da, er schaffte nun die 32 bar, wenn es auch eine Stunde dauerte.
Während der Reparatur des Kompressors mussten wir Druckluftflaschen (33 l / 200 bar) verwenden. Zwei, maximal drei Startversuche waren möglich, dann war die Flasche leer. Vor dem ersten Füllversuch wurde eine Wasserdruckprobe durchgeführt, denn wenn die Anlassflasche explodiert wäre, hätte das sehr unangenehm sein können. Aber die positiv erfolgte Druckprobe sowie eine Wandstärke von ca. 5 cm haben uns beruhigt.

Es zeigte sich, dass der Motor nicht aus jeder Position der Kurbelwelle starten kann. Also nahmen wir mühsam die Steuerventildiagramme auf und fügten dem Schwungrad einen weiteren weißen Strich mit “A“ wie Anlassen hinzu (Bild 7). Diese Arbeiten wurden im kalten Januar 2003 durchgeführt (bei nur 8 °C in der Halle). Der Motor spritzte ein, wollte aber nicht anspringen. Wir organisierten eine vierte Person, jeder bekam eine Sprühdose Starthilfespray, und ein weiterer Versuch folgte. Immerhin zwei Zündungen waren jetzt hörbar, aber anspringen wollte der Motor immer noch nicht. Frustration machte sich breit.
Wir beschlossen, bei jenem Zylinder, der nicht wie die beiden anderen beim Starten mit Druckluft beaufschlagt wird, eine Glühkerze einzubauen. Das erforderte einigen mechanischen Aufwand; nach einigen Glühversuchen und der Anpassung des Speisetrafos bauten wir die Glühkerze ein. Nach Umfüllen einer vollen 200 bar-Leihflasche kam der große Augenblick. Nach etwa einer Minute Vorglühen ist er am 8. Februar 2003 problemlos angesprungen. Was uns ungeheuer beeindruckte, war der Umstand, dass der Fliehkraftregler so exakt arbeitete, dass die Drehzahl an der Generatorwelle genau 1.000 U/min betrug.
Nun waren Probleme, die man erst bei laufendem Motor entdeckt, zu lösen: Ein Zylinder spritzte deutlich weniger ein als die anderen beiden; es zeigte sich, dass das entsprechende Rückschlagventil nicht schnell genug schloss. Es wurde poliert und die Feder erneuert und nun spritzten alle Pumpen gleich ein.
Die Auslassventile waren undicht; nach dem Ausbau zeigte sich, dass die Kupferdichtungen
Risse hatten. Wir erinnerten uns, im Ersatzteilfundus welche gesehen zu haben. Natürlich handelte es sich um Reservedichtungen für die Einlassventile, die andere Maße
haben.
Der nächste Schritt war die Wasserkühlung; der Motor hat fünf Kühlkreisläufe (3 x Zylinder, alle drei Einspritzdüsen und der Wassermantel des Auspuffkrümmers). Die Zylinder waren in Ordnung, der Auspuff war durch Korrosion undicht und wurde provisorisch abgedichtet, die Einspritzdüsen jedoch waren verlegt. Der erste Versuch mit Wasser (6 bar) scheiterte; der zweite Versuch mit 32 bar Kompressordruck ebenfalls. Dann hatten wir die Idee, direkt 200 bar aus der Leihflasche zu verwenden; dies setzte ein spezielles, neu anzufertigendes Anschlussstück voraus, das wir dann auch realisierten. Ganz wohl war uns nicht bei der Sache, wir gingen auch in „Deckung“, als wir das Flaschenventil öffneten. Mit lautem Knall schoss ein Gemisch aus Rost und schwarzen (Teer-)Klumpen aus dem Rohr und somit war die Kühlung grundsätzlich funktionstüchtig.
Es zeigte sich in der Folge, dass zum unbelasteten Vorführen des Dieselmotors auf Grund der thermischen Trägheit keine Wasserkühlung nötig ist.
Nachdem nun die größten Probleme bezüglich des Motors gelöst waren, konnten wir uns dem Generator zuwenden (Bild 1). Da keine elektrischen Pläne vorhanden waren, mussten wir diese aufnehmen und zeichnen. Messungen ergaben, dass der auf der Generatorwelle angeflanschte Gleichstrom-Erregergenerator (70 V =) keine Spannung abgab; eine Messung ergab keine erkennbaren Fehler. Dann kam uns die Idee, dass die lange Ruhezeit von fast 40 Jahren zum völligen Verlust der magnetischen Remanenz (Restmagnetismus) geführt haben könnte. Wir schalteten zwei Autobatterien in Serie und tippten bei laufendem Generator kurz auf die Klemmen: sofort lieferte die Erregermaschine die erwarteten 70 V.

Das zweite Problem war, dass der Handregler des Hauptgenerators aussetzte; es zeigte sich, dass der Regler aus 28 Einzelwiderständen bestand, die fast alle durch Oxidation unbrauchbar geworden waren. Die 28 Widerstände ließ ich neu anfertigen und baute sie in das Handreglergehäuse ein (siehe Bild 8; die 28 Widerstände befinden sich hinter der hellen Marmorplatte Mitte links). Eine Sisyphus-Arbeit, die eine ganze Nacht in Anspruch nahm.
Den automatischen lastabhängigen Schnellregler setzten wir nicht instand, da wir uns nicht zutrauten, den Generator auf das öffentliche Netz zu synchronisieren; es gibt im Areal der Druckfabrik einige Kühlhäuser, und da wir wie oben erwähnt hauptsächlich nur an Samstagen tätig waren, wäre ein Netzausfall sehr unangenehm gewesen.
Das waren, kurz zusammengefasst, die Hauptprobleme der Motor- und Generatorinstandsetzung.
Abschließend sei noch erwähnt, dass ich in Weißenbach a.d. Tristing in Niederösterreich einen „Schwestermotor“ entdeckt habe (LMF; Dreizylinder), der auch als Notstromaggregat eingesetzt wurde. Bei der Besichtigung dieses Motors konnte ich auch mit dem schon in Rente befindlichen Motorenwärter sprechen, der uns etliche gute Hinweise gab.
Einen weiteren LMF-Dreizylinder habe ich erst kürzlich im Internet gefunden, leider gibt es dort keine Angaben zu seinem Standort.
Literatur:
Anonym (2010): Chronik 160 Jahre LMF 1850-2010. Herausgeber: Leobersdorfer Maschinenfabrik
Bäumler Walter, Köhler Horst und Oehlers Werner (2017): Historische MAN-Dieselmotoren 1895-1945. Herausgeber: MAN Energy Solutions, Augsburg, ISBN 978-3-00-058112-0
Köhler Horst (2008): Rudolph Diesel: Erfinderleben zwischen Triumph und Tragik. Context-Verlag Augsburg, 2. Auflage Dezember 2015, ISBN 978-3-939645-57-3
Dieser Beitrag wurde am 29. Dezember 2019 online gestellt.
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von Horst Köhler, Friedberg
Einleitung
Doppeltwirkende Dieselmotoren sind Verbrennungskraftmaschinen mit zwei Brennräumen im gleichen Zylinder, einer über und einer unter dem Kolben. Dadurch kann der untere Zylinderraum zusätzlich zur Leistungserzeugung genutzt werden. Dieses Konstruk-tionsprinzip wurde aus dem Dampfmaschinenbau übernommen.
Es ist bekannt, dass bis in die 1950er-Jahre doppeltwirkende Zweitakt-Dieselmotoren gebaut wurden. Wie sieht es aber mit doppelt-wirkenden Viertaktern aus? Wurden die außer von Burmeister & Wain (B&W, Dänemark) und seinem Lizenznehmer Harland & Wolff (H&W, Belfast, Nordirland) noch von anderen Herstellern gefertigt?
Es stimmt, meist stellten die früheren Hersteller dieses Motortyps doppeltwirkende Zweitakt-Dieselmotoren her, während sich doppeltwirkende Viertakter wegen ihrer komplizierteren Bauweise weniger gut und vor allem weniger lang durchsetzen konnten: mit den aufgeladenen (einfachwirkenden) Viertaktmotoren ab den 1930er-Jahren verschwanden sie vom Markt, während doppelt-wirkende Zweitakt-Dieselmotoren noch bis in die 50er-Jahre gebaut wurden.
Um 1925 gab es folgende Hersteller von doppeltwirkenden Viertaktmotoren:
- in Deutschland die Deutsche Werft-AEG Hamburg Berlin (Lizenz B&W) sowie die MAN Augsburg
- in Holland Werkspoor, Amsterdam,
- in Nordirland Harland & Wolff (H&W, Lizenz B&W)
- in Großbritannien North-Eastern Marine Engineering Co. Ltd, Wallsend-on-Tyne (Lizenz Werkspoor),
- in Dänemark B&W, Kopenhagen,
- in Schweden A.B. Götaverken, Gothenburg (Lizenz B&W),
- in Italien Stabilimento Tecnico Triestino, Triest (Lizenz B&W),
- in den USA McIntosh & Seymour (Auburn, NY; 1929 von der American Locomotive Company, ALCO, übernommen).
Ob freilich alle hier genannten Firmen auch tatsächlich doppeltwirkende Viertakt-Dieselmotoren in Serie hergestellt und verkauft haben und falls ja, wie viele, konnte der Autor bis jetzt nicht ermitteln. Fest steht nur, dass B&W mit dem Motor 84/150 (Bohrung / Hub, jeweils in cm) und der Werkspoor-Lizenznehmer North-Eastern Marine Engineering Co. mit dem Motor 80/140 doppeltwirkende Einzylinder-Viertakt-Versuchsmaschinen betrieben und dass North-Eastern davon sechszylindrige Ausführungen mit je 3.600 PS Motorleistung bei 95 U/min herstellte. Leider sind technische Angaben über diese Motoren sehr selten und je nach Quelle sogar widersprüchlich.
Im Folgenden einige ausgewählte Anwendungen doppelwirkender Viertaktmotoren, wobei bei den Schiffsmotoren auch kurz auf die Geschichte der betreffenden Schiffe eingegangen wird.
1907:
Ein von Fried. Krupp in Essen gebauter einfachwirkender Versuchs-Viertaktmotor mit 32,5 cm Bohrung und 35 PS Leistung wird bei der Kieler Germaniawerft in einen doppeltwirkenden Motor umgebaut. Die Ergebnisse überzeugen allerdings nicht, das Vorhaben wird eingestellt.

1910-1914:
Basierend auf den erfolgreichen Nürnberger Großgasmotoren in liegender Bauweise ab 1903 entwickelt MAN Augsburg für stationäre Anwendungen liegende doppeltwirkende Viertakt-Diesel-motoren mit der Typenbezeichnung CL (L für liegend). Der nur ein einziges Mal gebaute und im Februar 1914 ausgelieferte größte Motor CL 140 (Bohrung / Hub = 100 / 140 cm) besitzt eine Leistung von 1.000 PS je Zylinder bei 94 U/min, also 2.000 PS Gesamt-leistung als Zweizylinder-Tandemmotor. Laut den Ver-kaufslisten der MAN werden nur 28 CL-Motoren mit insgesamt 64 Zylindern und einer Gesamt-leistung von 24.400 PS gebaut und verkauft, so z.B. im Jahr 1910 drei Vierzylinder-CL 90-Motoren mit je 1.600 PS Leistung für das städtische E-Werk Halle. Die kleineren Motoren, CL 80 und CL 90, werden in Zwei- und Vierzylinder-Ausführungen gebaut, die beiden größeren, CL 100 (Bild 1) und CL 140, nur als Zweizylinder. Das durchschnittliche mittlere Leistungsgewicht dieser liegenden Tandemmaschinen beträgt 113 kg/PS.
Ab Beginn des Ersten Weltkriegs werden keine weiteren CL-Motoren mehr hergestellt, da inzwischen durch die rasche U-Boot-Motorenentwicklung stark verbesserte stehende MAN-Maschinen mit deutlich geringerem Bauaufwand zur Verfügung stehen. Bemerkenswert ist, dass ein CL 80-Motor in Doppel-Tandemausführung mit 1.200 PS Leistung noch 45 Jahre nach seiner Auslieferung in der früheren Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen (heute Augsburg) in Betrieb war. Durch konsequente Ausnutzung der Kühlwasserwärme und des Abgases wurde eine Gesamtausnutzung des Kraftstoffs bis zu 84 % erreicht (Barth, 1914).
1925 und 1928:
Das welterste transatlantische Diesel-Passagierschiff, die in Newcastle-upon-Tyne von Armstrong, Whitworth & Co. für 1.557 Passagiere gebaute Gripsholm (18.134 BRT, Länge 175 m) der Svenska Amerika Linien, nimmt mit zwei umsteuerbaren doppeltwirkenden B&W-Sechszylinder-Viertaktmotoren den Betrieb zwischen Göteborg und New York auf. Die (stehenden) Motoren vom Typ 840-D (84/150) haben 84 cm Zylinderdurchmesser, einen Hub von 150 cm und eine maximale Leistung von je 6.750 PS bei 125 U/min (Bild 2). Jeder Motor wiegt etwa 515 t.
Im Zweiten Weltkrieg stellt Schweden das Schiff dem Internationalen Roten Kreuz zur Verfügung, 1946 nimmt es den Liniendienst Göteborg - New York wieder auf. Zwischen 1949 und 1950 wird es auf der Werft Howaldtswerke Kiel umgebaut, modernisiert, behält jedoch die beiden Antriebsmotoren bei. 1955 übernimmt der Norddeutsche Lloyd die Gripsholm und nennt sie in Berlin um; im Oktober 1966 wird das Schiff nach 41 Jahren außer Dienst gestellt und danach in Italien ver-schrottet. Eine unerwartet lange Lebensdauer für die bei der Inbetriebsetzung noch neuartigen Dieselmotoren!
Das zwischen 1927 und 1928 bei Blohm & Voss in Hamburg für die gleiche schwedische Reederei gebaute 181 m lange 20.220 BRT-Schwesterschifft Kungsholm, ab Dezember 1928 ebenfalls im Nordatlantik-Liniendienst zwischen Göteborg und New York eingesetzt, erhält ebenfalls zwei umsteuerbare doppelt-wirkende B&W-Viertaktdieselmotoren 84/150, jedoch mit acht Zylindern und einer Leistung von je 7.500 PS. Das Schiff ist im Gegensatz zur Gripsholm mit einem für die damalige Zeit einmaligen kunsthistorisch wertvollen Interieur ausgestattet und bietet Platz für 1.544 Passagiere.
Da mit Beginn des zweiten Weltkriegs Atlantikreisen gefährlich werden, wird die Kungsholm ab 1939 zu Karibik-Kreuzfahrten eingesetzt, 1941 von den USA beschlagnahmt und in einen Truppentransporter mit dem Namen John Ericsson umgebaut (wobei die wertvolle Inneneinrichtung herausgebrochen und dabei zum Großteil zerstört wurde), 1947 in New York durch ein Feuer schwer beschädigt – im gleichen Jahr von der Reederei zurückgekauft und repariert. In den 1950-er Jahren fährt das Schiff unter dem Namen Italia, fungiert in den 1960-ern als schwimmendes Hotel auf den Bahamas und wird schließlich 1965 in Bilbao verschrottet – immer noch mit ihren beiden ursprünglichen Antriebsmotoren.
1926:
Zwischen 1926 und 1936 befährt das von H&W (Harland & Wolff, Werft und zugleich Motorenlizenznehmer von B&W) für die britische Reederei Union Castle Line gebaute Passagier- und Postschiff Carnarvon Castle (20.120 BRT, 200 m Länge) die Strecke zwischen England und dem Kap der Guten Hoffnung. Angetrieben wird es anfangs durch zwei doppeltwirkende Viertakt-H&W-Motoren mit acht Zylindern (Lizenz B&W) mit zusammen rund 15.000 PS Gesamtleistung. Als aus Wettbewerbsgründen eine höhere Schiffsgeschwindigkeit gefordert wird, wird die Carnarvon Castle 1937/38 durch H&W in Belfast umgebaut und erhält dabei zwei neue leistungsstärkere H&W-Dieselmotoren (Liz. B&W). Wahrscheinlich waren diese Motoren ebenfalls doppeltwirkende Viertakt-Dieselmotoren (Woodyard, 1998), auch wenn bei Wikipedia doppeltwirkende Zweitaktmotoren vermerkt sind. Mehrere Umbauten und andere Verwendungszwecke folgen: von 1939 bis 1943 zum bewaffneten Handelskreuzer HMS Carnarvon Castle für den Einsatz im Südatlantik, ab 1944 zum Truppentransporter. Im März 1947 aus dem militärischen Dienst ausgemustert, wird das Schiff ihren ursprünglichen Besitzern zurückgegeben und nimmt die Fahrten nach Ost- und Südafrika wieder auf. 1949 erneut durch H&W umgebaut; im September 1963 wird die Carnarvon Castle schließlich in Japan verschrottet.

1926 und 1927:
1923 liefert H&W je zwei doppeltwirkende Achtzylinder-Viertaktmotoren für die beiden 1926 bzw. 1927 in Dienst gestellten 22.100 BRT-Schwesterschiffe Asturias und Alcantara (Bild 3) der Reederei Royal Mail Lines. Diese Schiffe sind 192 m lang und verkehren zwischen Southampton und der südamerikanischen Ostküste. Bei den vier Motoren mit je 7.500 PS Leistung handelt es sich ebenfalls um die von H&W unter B&W-Lizenz hergestellten doppeltwirkenden Achtzylinder-Viertaktmotoren 84/150. Da die Reisegeschwindigkeit beider Schiffe nur 16 ½ kn beträgt und sie somit gegenüber selbst kleineren Schiffen nicht konkurrenzfähig sind, werden ihre Antriebsanlagen 1934/35 durch jeweils sechs Dampfturbinen erweitert. Dadurch steigt die Antriebsleistung um etwa 25 % und die Schiffsgeschwindigkeit auf 19 kn.
Im Jahr 1939 werden beide Schiffe in bewaffnete Handelsschiffe umgebaut und verrichten ihren Dienst in verschiedenen Weltregionen. Asturias erhält einen Flugzeughangar und ein Flugzeugkatapult. Im Sommer 1943 wird sie von einem italienischen U-Boot torpediert, wobei der Maschinenraum schwer beschädigt wird. Neuer Besitzer wird das Ministry of War Transport, welches das Schiff in Gibraltar provisorisch reparieren lässt. Nach Kriegsende erfolgt in Belfast die endgültige Reparatur und der Rückbau in ein ziviles Emigrantenschiff. Dabei ist die Asturias, die nun dem Transportministerium gehört, vorwiegend in Fernost im Einsatz. 1957 hat die Asturias ausgedient und wird verschrottet.
Die Alcantara hat eine ähnliche Geschichte wie Asturias hinter sich. Auch sie erhält 1934 zur Verstärkung der Dieselmotoren-Anlage sechs Dampfturbinen. Im Zweiten Weltkrieg wird sie als bewaffnetes Handelsschiff eingesetzt, dann ab 1943 bis 1948 als Truppentransporter bzw. Emigrantenschiff der UK-Regierung zwischen Southampton und Südamerika. Im April 1958 ausgemustert, wird sie an einen japanischen Verschrotter verkauft, der das Schiff in Kaisho Maru umbenennt und es noch im gleichen Jahr verschrottet.
1930 und 1932:
Zwei weitere von der Werft H&W gebaute Schwesterschiffe, die Passagierschiffe Britannic und George, nehmen 1930 und 1932 ihren Nordatlantik-Liniendienst auf. Es sind die beiden letzten Schiffe, die die Reederei White Star Line vor der Fusion mit der Cunard Line zur Cunard White Star (1934) bauen ließ. Beide Schiffe sind 214 m lang, bei einer Vermessung von 26.940 (Britannic) bzw.27.760 BRT (Georgic). Die Maschinenanlagen sind identisch: eingebaut sind jeweils zwei doppeltwirkende H&W-Viertakt-Dieselmotoren 84/150 mit je zehn Zylindern nach B&W-Konstruktion. Die Gesamtleistung je Schiff von etwa 20.000 PS ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 18 kn (33 km/h). Vermutlich waren diese H&W-Dieselmotoren die letzten mit Drucklufteinblasung des Kraftstoffs. Überliefert sind ständige Probleme mit den Ventilen des Einblasekompressors: auch beim Manövrieren sind die Maschinenräume beider Schiffe voller Abgase.
Beide Schiffe mit dem Ausgangshafen London (ab 1935) pendeln auf der Nordatlantikroute; nur in den Wintermonaten unternehmen sie Kreuzfahrten. Mit Kriegsausbruch werden sie von der Royal Navy requiriert und für den Truppentransport umgebaut.
1947 aus dem Marinedienst entlassen, wird die Britannic bei der Werft H&W überholt und erhält neue Wohnkabinen für Besatzung und Passagiere. Sie nimmt ihren früheren Nordatlantikdienst wieder auf, der durch einige Winter-Kreuzfahrten unterbrochen wird. Gegen Ende der 1950-er Jahre bereiten die alten Dieselmotoren - die bis dahin ohne größere Schwierigkeiten gearbeitet haben - Probleme. So beendet die Britannic im Jahr 1960 ihre letzte Reise von New York nach Liverpool, wird außer Dienst gestellt und anschließend verschrottet.
Die im Zweiten Weltkrieg als Truppentransporter eingesetzte Georgic wird im Juli 1941 im Hafen von Tewfik in Ägypten durch Bombenangriffe schwer beschädigt: das Schiff steht in Flammen, die Munitionsräume unter Deck explodieren. Es folgen mehrere provisorische Reparaturen in verschiedenen Häfen und schließlich im Januar 1943 eine nicht ungefährliche Heimfahrt nach Großbritannien. Dort werden auf der Werft H&W die stark beschädigten Decks vollständig renoviert, die Antriebsmotoren gründlich überholt und das Schiff zum Truppentransporter umgerüstet. Nach der Entlassung aus dem Marinedienst (1948) fährt das Schiff auf verschiedenen Routen als Auswandererschiff. Im November 1955 wird die Georgic außer Dienst gestellt und wenige Monate später verschrottet.

Doppeltwirkende Werkspoor-Viertaktmotoren
Über die historischen doppeltwirkenden Viertakt-Dieselmotoren des holländischen Unternehmens Werkspoor, Amsterdam (1974 in den Besitz von Stork übergangen; 1989 verkaufte Stork den Dieselmotorenbereich an Wärtsilä, Finnland) und seiner Lizenznehmer existieren nach den bisherigen Recherchen des Autors kaum noch verlässliche Infor-mationen. Etwa 1924/25 hat Werkspoor eine stehende doppeltwirkende Viertaktmaschine mit 82 cm Bohrung und 150 cm Hub mit einer Leistung von 4.000 PS entwickelt (Bild 4). Ihr maximaler Verbrennungsdruck lag bei 35 bar. Unter anderem wurden 1926 / 27 davon 12 Serienmaschinen an die Anglo-Saxon Petroleum Co. in London verkauft, die im großen Stil Schiffs-Öltransporte durchführte und die dafür benötigten Schiffe einkaufte bzw. neu bauen und alte umrüsten ließ.
Doppeltwirkende Vier- oder Zweitaktmotoren? Rätsel über die Motoren der beiden Schnellboot-Begleitschiffe Adolf Lüderitz und Carl Peters?
Die beiden deutschen Schwesterschiffe Adolf Lüderitz und Carl Peters wurden von der A.G. Neptun in Rostock gebaut und 1940 in Dienst gestellt. Die bewaffneten Schiffe waren je 114 m lang und 14,5 m breit, hatten eine Mannschaft von 225 Mann und waren bis zu 23 kn schnell. Das Einsatzgebiet von Adolf Lüderitz war anfangs das Gebiet von den Niederlanden bis in den Kanal, später die norwegischen Gewässer. Carl Peters patrouillierte entlang der norwegischen Küste und der Fjorde. Später wurde ihr Einsatzgebiet in die Nordsee und in den Ärmelkanal verlegt, ab 1941 in die Ostsee und ab 1942 ins Schwarze Meer.
Adolf Lüderitz wurde 1946 als Kriegsbeute an die Sowjetunion ausgeliefert, die das Schiff in Pajserd umbenannte und es mindestens bis 1964 nutzte. Das Schwesterschiff Carl Peters wurde zuletzt (1945) bei der Verschiffung von Flüchtlingen und Verwundeten aus den Ostgebieten und bei der Evakuierung von Soldaten eingesetzt. Wenige Tage nach ihrem letzten Einsatz lief sie am 10. Mai 1945 bei Flensburg auf eine Mine und versank.
Die Maschinenleistung der Schiffe betrug 12.400 PS – und damit beginnen die Ungereimtheiten. Nach den meisten Quellen (Internet) besaßen die beiden Schnellboot-Begleitschiffe je vier doppeltwirkende MAN-Viertaktmotoren mit Vulcangetrieben, doch nach einigen anderen Quellen nur zwei. Viertakt-Dieselmotoren mit 6.200 PS Leistung gab es 1938 aber noch nicht, nicht in doppeltwirkender Ausführung und auch nicht von anderen Herstellern. Bei einer Viermotoren-Anlage hätte jeder Viertakt-Dieselmotor zwar "nur" eine Leistung von 3.100 PS erbringen müssen, aber derart starke Viertakter hatte die MAN 1938 ebenfalls nicht im Programm. Ohnehin muss bezweifelt werden, dass 1938 überhaupt noch doppeltwirkende Viertakter, auch von anderen Herstellern, gebaut wurden (siehe Anmerkung zu Beginn dieses Artikels).
Doch es gab um die fragliche Zeit bei der MAN einen doppeltwirkenden Siebenzylinder-Motor M7Z 30/44 (Bohrung / Hub = 30 / 44 cm) mit einer Auslegungsleistung von 3.100 PS bei 600 U/min, wie er für Leichte Kreuzer verwendet wurde. Mit vier Motoren dieses Typs wäre damit eine Gesamtleistung von 12.400 PS möglich gewesen. Allerdings handelte es sich bei der MZ-Motorenbaureihe der MAN nicht um doppeltwirkende Viertakt-, sondern um doppeltwirkende Zweitaktmotoren. Sollte es zutreffen, dass beide Schiffe mit jeweils vier Zweitaktern des Typs M7Z 30/44 bestückt waren, wären alle Angaben zu den Maschinenanlagen von Adolf Lüderitz und Carl Peters in der allgemein zugänglichen Literatur korrekturbedürftig.
Wer von den Lesern dieses Beitrags kann sich dazu äußern (wenn möglich, mit Quellenangabe)? Bitte verwenden Sie dazu unser Kontaktformular (auf „Impressum“ klicken) oder senden Sie eine Mail an hwm-koehler(at)web.de, damit der voranstehende Absatz möglichst bald aktualisiert werden kann.
Literatur:
Barth Friedrich (1914): Liegende doppeltwirkende Viertakt-Dieselmaschinen. Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure, Band 58, 1.8.1914, S. 1242-1250
Bäumler W., Köhler H. und Oehlers W. (2019): Historische MAN-Dieselmotoren 1895-1945. MAN Energy Solutions SE, Augsburg, 224 S., ISBN 978-3-00-058112-0
Cummins Lyle (1993): Diesel’s Engine – From Conception to 1918. Carnot Press, USA, ISBN 0-917308-03-4
Gercke M. (1926): Einfach- und doppeltwirkende Viertakt- und Zweifach-Dieselmotoren als Großkraftmaschinen. Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure, 7.8.1926
Griffiths Denis (1990): Power of the Great Liners: A History of Atlantic Marine Engineering. Verlag Patrick Stephens Ltd, London, 224 S., ISBN 978-1852600167
Knie Andreas (1991): Diesel – Karriere einer Technik. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), ISBN 3-89404-103-X, zugleich Dissertation TU Berlin 1991
Woodyard Doug (1998): Pounder’s Marine Diesel Engines. Verlag Butterworth Heinemann, Oxford, 7. Auflage, 640 S., ISBN 0-7506-2583-X
Dieser Beitrag wurde am 3. Februar 2020 online gestellt.
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